Nach 39 Jahren in Reckenfeld tritt Michael Bünger in den Ruhestand
Der Häuptling geht

Reckenfeld -

Der Abschied war einer, wie er sich für Michael Bünger – den gute Bekannte nur Michel nennen – gehört. Lange Reden sind dem Mann nämlich ein Graus. Auf der Folknacht am Freitag hat die evangelische Gemeinde den Sozialpädagogen in den Ruhestand verabschiedet – nach unglaublichen 39 Jahren am Moorweg.

Mittwoch, 14.11.2018, 14:27 Uhr aktualisiert: 14.11.2018, 14:30 Uhr
Michael Bünger vor seiner Bogen-Sammlung in seinem Büro: Er hat nicht jeden pädagogischen Trend mitgemacht, ganz bewusst nicht.
Michael Bünger vor seiner Bogen-Sammlung in seinem Büro: Er hat nicht jeden pädagogischen Trend mitgemacht, ganz bewusst nicht. Foto: Stefan Bamberg

Unzählige Menschen hat er seit 1979 getroffen im Gemeindehaus, wo er anfangs sogar wohnte. Drei Pfarrer erlebt. Er ist das Gesicht der Kleinen Offenen Tür (K.O.T.) für die Reckenfelder Jugendlichen. Der Häuptling der Ferienindianer. Einer, der im Ortsteil zum Kult-Typen geworden ist. Und einer, der auch polarisiert hat. Beispiel gefällig: Früher, als Bünger noch Jugendfreizeiten veranstaltete, hörte er im Bulli unter dem Gequengel der Teenies Grönemeyer und Westernhagen in Endlosschleife: „Der Fahrer bestimmt halt die Musik“, meinte er. Klar ist das eine Lappalie von anno tuck – und doch ein anschaulicher Beleg dafür, dass er den Kompromiss nicht erfunden hat. Einen zuverlässigen Ansprechpartner jedoch fanden sie in Michel Bünger alle.

Und oft war er auch der erste bei Stress zu Hause, in der Schule oder sogar mit dem Amtsrichter. Er hörte zu, hielt dicht, kümmerte sich. Um harmlose kleine Bombenleger, bei denen das mit dem Scheiß bauen nur so eine Phase war. Aber auch um Teenager, die mit gerade 14 schon richtig was auf dem Kerbholz hatten. Mit seinem Kumpel und früheren Kollegen Klaus Hoffmann organisierte er Segeltörns für straffällig gewordene Jugendliche: „Wir hatten mal eine Gruppe Punks dabei, die auch Graffiti sprühten“, erinnert er sich. Bei einer Nachtwache an Bord lud ihn einer der Jungs ein, mal zusammen mit einer Farbdose loszuziehen. „Ein wenig geehrt fühlte ich mich ja schon“, lacht Bünger. Sprayen gegangen ist er natürlich trotzdem nicht. Einige der einstigen Chaoten, freut sich der BVB-Fan, haben inzwischen Familien und tolle Berufe. Doch er macht sich nichts vor: „Wir konnten nicht jedem helfen.“

Ohnehin ist Bünger keiner, der die Dinge schöner redet als sie sind – ihn ärgert der Totalverfall der gepflegten Grammatik („Ey, isch geh‘ Party!“), ihn bekümmert das fehlende Interesse an Politik, ihn nervt Gangster-Rap. Seine Kritiker werfen ihm vor, dass er da zu stur sei und pädagogisch den einen oder anderen Zug verpasst habe. Treffender ist wohl, dass er mit Absicht nicht eingestiegen ist: „Ich bin ein bisschen altmodisch – und das ist auch gut so“, findet der gebürtige Schweriner. Zumal: Kids, die genau das wollen, gibt es offenbar nach wie vor – die Indianer-Woche in den Sommerferien ist jedes Jahr überbucht, seine Bogenschieß-Trainings nach wie vor gefragt, die Wald-Workshops stark frequentiert.

Bünger machte Wildnispädagogik, bevor es jemand so nannte: „Ich bin immer wieder begeistert, was Kinder alles über die Natur wissen wollen.“ Bald müssen es ihnen andere erklären – obwohl der passionierte Umweltschützer hier und da freiberuflich weiter machen möchte. Bis Januar arbeitet er auch noch fünf Stunden wöchentlich, um einen fließenden Übergang zu ermöglichen: Zum neuen Jahr kehrt seine langjährige Kollegin Jessica Böker aus der Elternzeit zurück. Sein Nachfolger Paul Middendorf könnte locker sein Sohn sein – und ja, „Mister K.O.T.“ hält es selbst für eine gute Idee, dass nun die Jüngeren das Ruder übernehmen.

Michel Bünger sagt, er hätte beruflich nie woanders sein wollen als in Reckenfeld – und schaut glücklich auf die Bogen-Sammlung in seinem Büro: „Das sind ja Werte, sowas kannst Du nicht in zwei Jahren aufbauen.“ Manchmal, erzählt der Pädagoge, wird er im Dorf angequatscht – von Leuten, deren Namen ihm dann nicht immer auf Anhieb einfallen: Mensch Michel, damals bei Dir im Jugendheim, weißt Du noch? „Heute haben wir deren Kinder bei uns“, schmunzelt Bünger. Bevor ihre Enkel kommen, hört er lieber auf.

https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/6189028?categorypath=%2F2%2F2669082%2F2670173%2F2686135%2F2686808%2F2686824%2F
Nachrichten-Ticker