Gesellschaftliche und politische Realitäten in Argentinien
Ein Blick hinter die stolze Fassade

Greven/Gualeguaychú -

Luca Pals ist freier Mitarbeiter dieser Zeitung. Zur Zeit verbringt er ein Auslandsjahr in Argentinien und berichtet regelmäßig darüber. Hier sein neuester Bericht.

Mittwoch, 13.02.2019, 15:18 Uhr
„Plaza de Mayo“ in Buenos Aires: Inmitten des Platzes steht die „Pirámide de Mayo“, auf dem Boden sind in Kopftüchern verhüllte Frauenköpfe aufgemalt.
„Plaza de Mayo“ in Buenos Aires: Inmitten des Platzes steht die „Pirámide de Mayo“, auf dem Boden sind in Kopftüchern verhüllte Frauenköpfe aufgemalt. Foto: Eurico Zimbres

„Unglaublich aber wahr: Seit Anfang Februar ist die Hälfte meines Auslandsjahres Geschichte. Hinter mir liegt eine bunte, lehrreiche und prägende Zeit: Auf einem Zwischenseminar im kleinen argentinischen Städtchen Baradero hatten wir Freiwilligen die Möglichkeit zu reflektieren und nach vorne zu blicken. Weil Organisatoren und Träger des Auslandsjahres sich auf die Fahne schreiben, einen „entwicklungspolitischen Freiwilligendienst“ anzubieten, kamen auch politische und gesellschaftliche Themen nicht zu kurz. Daher hier ein Blick hinter die stolze Fassade der Argentinier – auf vereinzelte Aspekte der argentinischen Realität.

Lebt und arbeitet man für ein Jahr in einem fremden Land, bekommt man die guten aber auch schlechten Entwicklungen live vor Augen geführt. Die einheimischen Argentinier reden mit Stolz über ihr Land, nationaler Patriotismus gehört hier zum guten Ton. Während die deutsche Flagge meist nur zur WM-Zeit geschwenkt wird, ziert die argentinische immer jeden öffentlichen Platz.

Einer von diesen ist der „Plaza de Mayo“ in Buenos Aires. Direkt am „casa rosada“ – dem offiziellen Sitz des argentinischen Präsidenten. Seit 2015 ist dies Mauricio Macri. Inmitten des Platzes steht die „Pirámide de Mayo“, auf dem Boden sind in Kopftüchern verhüllte Frauenköpfe aufgemalt. Sie stehen für die Mütter der „Plaza de Mayo.“ Bis heute erinnern hier argentinische Mütter und Großmütter jeden Donnerstag an die etwa 30 000 entführten Personen während der Militärdiktatur. Fast überall gibt es noch Angehörige von Familien, die direkt oder indirekt von den Entführungen durch das Militär beeinflusst waren

Demonstrationen – besonders in Buenos Aires – stehen auf der Tagesordnung. Eine der zurzeit am stärksten wachsenden Demonstrationen steht für die Legalisierung von Abtreibungen. Im katholisch geprägten Argentinien ist Abtreibung illegal, wird strafrechtlich verfolgt. Trotzdem treiben jährlich zahlreiche Frauen auf lebensbedrohlichen Wegen ab – viele von ihnen sterben bei diesen Vorhaben. Um dies zu verhindern, fordern viele eine Reform, grüne Bänder (panuelos genannt) sind in fast allen Teilen Argentiniens an Rucksäcken oder Jacken zu finden. Mit ihnen machen die Befürworter ihre Haltung sichtbar. Während der Druck auf die Regierung steigt, lehnte diese bis heute jedweden Antrag in diese Richtung ab.

Ebenfalls immer mehr an Bedeutung gewinnen die Bewegungen gegen den Machismo. Hier scheint das Entwicklungsland Argentinien seinem Ruf (noch) nicht entkommen zu können. Nahezu alle diesjährigen Freiwilligen haben ihre Erfahrungen gemacht: Frauen werden auf der Straße angemacht, ihnen wird hinter her gepfiffen. Dazu erschrecken die Femizid-Zahlen: alle 30 Minuten wird eine Frau getötet.

Noch einmal zurück auf den „Plaza de Mayo“: Natürlich demonstrieren hier die Menschen regelmäßig auch für steigende Löhne und gegen die Inflation. Dazu kommt bei einigen, mit denen ich geredet habe, eine gewisse Politikverdrossenheit hinzu. Kommt das Thema auf den Tisch, wird es schnell emotional. Allein der Tatsache geschuldet, dass Politiker in US-Dollar bezahlt werden, während der große Rest seinen Lohn in Pesos bekommt – bei vielen ist eine Distanz zur Regierung entstanden. 42,5 Pesos sind zurzeit ein Euro, die Angst vor einem Einsturz der stark inflationären Währung bewegt viele Menschen in die Warteschlangen der Geldautomaten.

Die Wut auf das System spiegelt sich derweil im bekannten argentinischen Lied „La violencia“ (Die Gewalt) wieder. „Mi vida es un infierno“ (Mein Leben ist eine Hölle), „vos me despreciás“ (du verachtest mich) oder „cargo de una linaje acumulativo de misiaduras“ (Ich komme aus einer Linie armseligen Elends) – die Menschen haben den Glauben in die Politik verloren, jeder einzelne unterliegt einem korrupten System und ein Ausbrechen aus dem Teufelskreis sei unmöglich: Das Lied zeichnet ein dunkles Bild der Realität. In den vergangenen sechs Monaten konnte ich diese Einschätzungen leider allzu oft teilen.“

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