Abschiebung aus Greven
Mit 40 Euro im Nirgendwo

Greven-Reckenfeld -

Saeed Yakubu liegt auf einer Matte in einer Abstellkammer. Um ihn herum Kleider, Wäschekörbe, Töpfe. „Hier durfte ich gestern schlafen“, sagt er in einem Video, das er über Whatsapp schickt, „das ist kein Ort zum Leben.“

Samstag, 02.03.2019, 07:00 Uhr aktualisiert: 03.03.2019, 12:22 Uhr
Yakubu in der Abstellkammer, die ihm ein Freund für zwei Tage zur Verfügung gestellt hat.
Yakubu in der Abstellkammer, die ihm ein Freund für zwei Tage zur Verfügung gestellt hat. Foto: Yakubu

Vor wenigen Wochen lebte Saeed Yakubu noch in Reckenfeld. Er hatte einen Job bei DHL. Er hatte Freunde, die sich um seine Integration kümmerten. Er hatte aber eines nicht: Den Status eines anerkannten Asylbewerbers.

Sein Fall hat Aufsehen erregt. Als er abgeschoben werden sollte, hatte man ihn im Grevener Sozialamt festgenommen. Integrationshelfer wie der ehemalige Schulleiter Hubert Höflich waren geschockt: „Ich dachte immer, wir leben in einem Rechtsstaat, aber dem Jungen wurden keine Rechte zugebilligt.“

Derzeit befindet sich Saeed Yakubu in Kumasi, eine Stadt im Zentrum von Ghana. Ein Land, das etwas kleiner ist als Deutschland. Er kennt es nur aus seiner frühen Kindheit.

Yakubu ist in Ghana geboren worden, seine Mutter war Ghanaerin, sein Vater kam von der Elfenbeinküste. Mit fünf Jahren waren seine Eltern in die Heimat seines Vater, in die Stadt Treichville nahe der Hauptstadt Abidjan gezogen. Die Elfenbeinküste ist so groß wie Deutschland. In Ghana spricht man Englisch, in Cote d‘Ivoire französisch.

„Mein Vater wurde in der Hauptstadt Abidjan im Krieg erschossen“, sagt Yakubu am Telefon. „Ich habe keine Familie – nicht in Ghana und auch nicht an der Elfenbeinküste.“

Nachdem Saeed Yakubu im Grevener Rathaus festgenommen wurde, sollte er am 29. Januar in Frankfurt abgeschoben werden. Als er sich wehrte, weigerte sich der Pilot, ihn mitzunehmen. Yakubu kam zurück, wurde in die Haftanstalt Büren gebracht.

Hubert Höflich und seine Frau haben ihn dort besucht. „Wir mussten alles abgeben, selbst Tempotaschentücher“, sagt Höflich, „wir haben ihm jeder zehn Euro dagelassen, mehr durften wir nicht.“

Das Geld hat Saeed Yakubu nicht erhalten. Auch die 600 Euro, die er in seiner Unterkunft an der Pfarrer-Esch-Straße aufbewahrt hätte, seien verschwunden, sagt er. Nach seiner Verhaftung hatte er sein Zimmer nicht mehr betreten dürfen, andere packten seinen Koffer. Auf einem Konto der Kreissparkasse hatte er noch 300 Euro. Aber die konnte er in Ghana nicht abheben. Gestern versuchte Hubert Höflich mit einer Vollmacht herauszufinden, was mit dem Geld geschehen ist.

Am Mittwochmorgen wurde Saeed Yakubu mit anderen Ghanaern in ein Flugzeug nach Accri gesetzt, eine ghanaische Küstenstadt. „Ein Freund aus der Abschiebehaft hat mich mitgenommen“, sagt Yakubu. Für die Busfahrt nach Kumasi, rund 300 Kilometer ins Landesinnere hinein hat er 40 Euro ausgegeben.

40 Euro – das war die Summe, die ihm vom deutschen Staat für seinen Neuanfang ausgehändigt wurde. Laut NRW-Landesregierung werden zwangsweise Abgeschobenen Handgelder zwischen 50 und 70 Euro gegeben, um nach der Landung in ihre Heimatstädte fahren zu können. Aber Saeed Yakubu hat hier keine Heimatstadt.

Sein Anwalt Martin Kleine aus Münster hatte noch versucht, Yakubu als Staatenlosen anerkennen zu lassen. Schließlich habe er die überwiegende Zeit seiner Jugend an der Elfenbeinküste verbracht. Seit 2015 hat sich der Waise auf den Weg nach Europa gemacht, hat ein Jahr in Italien gelebt und ist dann nach Deutschland gekommen.

„Ich darf hier für zwei Tage wohnen“, sagt er in der Abstellkammer in Kumasi. Er kann über Whats­app telefonieren, schickt zwei kleine Videos: „Danach lebe ich auf der Straße.“ Derzeit ist er mittellos, sagt er, „und Ghana ist sehr teuer.“

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