Nähwerkstatt von geflüchteten Frauen
Tausend Ideen, aber wenig Zeit

greven -

Eine dunkelblaue Stoffbahn liegt ausgebreitet auf dem Tisch. Konzentriert beugt sich Fatima Al-Houssein über den Stoff und misst auf den Millimeter genau das passende Stück ab. „Das wird eine Schürze für Kinder“, erklärt sie und zieht ein bereits fertiges Modell aus einer Kiste. Diese Kiste ist eine Fundgrube. Bestickte Etuis, gestreifte Kuscheltierfische, rosa Topflappen, ein Nackenkissen und geblümte Lesezeichen finden sich darin.

Donnerstag, 07.03.2019, 09:33 Uhr aktualisiert: 07.03.2019, 15:43 Uhr
Fatima Al-Houssein (l.) hilft der jüngeren Selma (r.) bei der Arbeit mit der Nähmaschine.
Fatima Al-Houssein (l.) hilft der jüngeren Selma (r.) bei der Arbeit mit der Nähmaschine. Foto: Felicia Klinger

„Alles selbst gemacht“, sagt die Syrerin. Natürlich nicht alleine, sie bekam Hilfe von weiteren geflüchteten Frauen. Seit drei Jahren treffen sie sich zum gemeinsamen Nähen. Erst in der Asylunterkunft Wentruper Mark und seit Februar im Begegnungszentrum Hansaviertel. Momentan sind vier Frauen fest dabei. Stolz zeigen sie das Foto einer Patchworkdecke, die aus etwa 50 Einzelteilen besteht. Einen Monat haben sie zusammen daran gearbeitet. Beim Nähen scherzen die Frauen untereinander und schenken sich gegenseitig Kaffee ein.

„Dann muss man nicht nur Zuhause sitzen“, meint Al-Houssein. Sie ist aus Hasaka geflohen, einer Stadt im Nordosten Syriens. Dort war sie selbst viele Jahre lang Schneiderin. Frauenkleider, Schmuck und Kinderbekleidung hat Fatima Al-Houssein hergestellt und verkauft.

„Da habe ich auch schon ehrenamtlich gearbeitet“, berichtet sie, „wenn sich Kinder ohne Mama und Papa keine Kleider leisten konnten, habe ich für sie welche gemacht.“ Dann kam der Krieg und habe ihren kleinen Laden zerstört.

In Deutschland gibt sie ihr Wissen nun weiter und erklärt der jungen Selma geduldig die Details der Nähmaschine.

Die Ergebnisse ihrer Arbeit verkaufen die Frauen auf Straßenfesten und im sozialen Kaufhaus der Caritas. Die Einnahmen werden wieder in neue Stoffe und Nähutensilien gesteckt. „Inzwischen trägt sich das Projekt selbst“, erklärt die Sozialpädagogin Linda Kies, „anfangs wurde der Nähtreff durch Spenden und Projektgelder finanziert.“ Sie begleite die Gruppe zwar, aber eigentlich werde der Nähtreff von den Frauen inzwischen eigenverantwortlich geführt. Fatima Al-Houssein legt die Kinderschürze beiseite und überlegt sich, was sie als nächstes nähen könnte. „Ich habe tausend Ideen“ sagt sie und holt dabei weit mit den Armen aus, „aber gleich muss ich wieder zum Deutschkurs.“

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