Kinaesthetics im Maria Josef Hospital
Die Kunst der gesunden Bewegung

Greven -

Udo Beckmann ist Trainer für Kinaesthetics im Maria Josef Hospital. Die Technik soll helfen, Mitarbeiter bei schwerer körperlicher Arbeit zu unterstützen und die Mobilität von Patienten zu verbessern.

Freitag, 15.03.2019, 16:54 Uhr aktualisiert: 15.03.2019, 17:00 Uhr
Udo Beckmann ist Trainer für Kinästhetik im Maria Josef Hospital. Die Technik soll helfen, Mitarbeiter bei schwerer körperlicher Arbeit zu unterstützen und die Mobilität von Patienten zu verbessern.
Udo Beckmann ist Trainer für Kinästhetik im Maria Josef Hospital. Die Technik soll helfen, Mitarbeiter bei schwerer körperlicher Arbeit zu unterstützen und die Mobilität von Patienten zu verbessern. Foto: Günter Benning

Beckmann hatte natürlich auch „Rücken“. In seiner Ausbildung zum Krankenpfleger war das, vor rund 30 Jahren. Dann kam er auf eine Station, in der sich die Mitarbeiter mit Kinästhetik beschäftigten. Seither ist Beckmanns Rücken okay. Und seit einem Jahr ist er im Maria-Josef-Hospital als Kinästhetik-Trainer unterwegs, um mit den Mitarbeitern an deren körperlicher Gesunderhaltung zu arbeiten. Mit ihm sprach unser Redaktionsmitglied Günter Benning.

Kinästhetik ist ein Fremdwort. Was heißt das?

Beckmann: Es ist ein Konzept, das auf der Erfahrung und Wahrnehmung der eigenen Bewegung basiert. Wissenschaftlich betrachtet spielt da die Neurobiologie mit hinein und die Verhaltenskybernetik.

Sie selbst waren lange Krankenpfleger?

Beckmann: Ja, ich war 26 Jahre in der Intensivkrankenpflege tätig. Nach meinem Examen bin ich auf ein Team in einer Intensivstation gestoßen, in dem alle kinästhetisch geschult waren. Dort war es selbstverständlich, dass man einen Grund- und Aufbaukurs in Kinästhetik machte.

Was kennzeichnete die Arbeit in diesem Team?

Beckmann: Zunächst mal, dass nur sehr wenig gehoben und getragen wurde. Der Zugang zum Patienten war ein anderer, man orientierte sich an deren Möglichkeiten und nicht an den Defiziten.

Ist es nicht verlockend, sich daran zu orientieren, was die Leute nicht können?

Beckmann: Ja, es passiert oft, dass Pflegekräfte mehr auf die Defizite gucken. Da denkt man, der Patient kann sich nicht allein drehen, also übernehme ich das. In dem Team, in dem ich gearbeitet habe, war das ganz anders.

Kinästhetik bedeutet erstmal, dass die Pflegekraft sich mit dem eigenen Körper auseinandersetzt?

Beckmann: Es geht darum, dass man als unterstützende Person auf sich selbst achtet. Wer zum Beispiel einen Patienten aus dem Stuhl helfen will, muss ihn nicht herausheben. Wenn man sich Gedanken macht, wo das Gewicht hin soll, kann man seine Anstrengung reduzieren. Denn das Gewicht des Patienten muss nicht zum Himmel, es muss zu den Füßen. Entsprechend kann ich das unterstützen, mache die Bewegung mit und damit schone ich meinen eigenen Bewegungsapparat.

Im Zusammenhang mit Pflegeberufen taucht immer das gleiche Stereotyp auf: Junge Menschen fürchten die schwere Arbeit, man fürchtet um Rücken um Knochen.

Beckmann: Ja, da setzen wir Kinästhetik-Trainer an. In Kinästhetik geschultes Pflegepersonal betrachtet die Pflegesituation ganzheitlich, denkt mehr darüber nach, was Patienten selber noch tun können. Daher gibt es auch viel mehr Erfolgserlebnisse, wenn man selber merkt, ich muss nicht so schwer körperlich heben – und der Patient macht trotzdem schnellere Fortschritte und ist motivierter.

Nehmen wir ein konkretes Beispiel. Ich liege im Bett, die Pflegekraft kommt und will mich aufrichten. Was kann sie da falsch machen?

Beckmann: Wir sagen immer, es gibt kein Richtig und kein Falsch. Aber wir merken, dass wir unterschiedliche Anstrengungen erleben. Ich habe Anfang der 90er Jahre in der Krankenpflegeschule gelernt, dass ich diese Menschen en bloc auf die Bettkante setze. Ich fasse an der Schulter und an den Beinen an und wuppe den Patienten aus dem Bett. Kinästhetisch geschulte Pflegekräfte würden den Patienten fragen, ob er sich auf die Seite drehen kann, um sich mit dem Arm und Ellbogen abzustützen und hinzusetzen. Ich bin dann als Pflegekraft der Begleiter, unterstütze nur da, wo der Patient nicht weiterkommt.

Das Argument dagegen wird oft sein: Mensch, das dauert doch viel länger, die Zeit haben wir nicht.

Beckmann: Stimmt manchmal, aber wenn wir einen Umgang pflegen, der an den Möglichkeiten des Patienten orientiert ist, werden wir eine viel schnellere Rehabilitation sehen. Am Ende erleichtert das die Arbeit der Pflegenden.

Es geht nicht nur um Aufsetzen, es geht auch um mehr Achtsamkeit?

Beckmann: Pflegende müssen achtsam mit ihrem Körper umgehen. Man sollte sich nicht feststellen am Bett wie eine deutsche Eiche. Es hilft, sich so zu positionieren, dass eine dynamische Bewegung möglich ist. Dann findet die Bewegung in den Gelenken, in der Taille, in den Knien statt und es muss nicht aus dem Rücken heraus gehoben werden.

Ist es schwierig, Leuten klar zu machen, dass sie sich um ihren eigenen Körper kümmern müssen?

Beckmann: Manchmal ist das bei jüngeren Leuten schwierig. Die haben ja noch keine Probleme. Aber die Leute kommen immer ins Nachdenken, wenn sie merken, wie sie bislang Patienten bewegt haben. Das klassische Beispiel: Oft sagt man, jetzt drehe ich sie, um ihren Rücken zu waschen. Stattdessen kann man auch versuchen, gemeinsam mit dem Patienten einen Weg zu finden. Jeder Mensch bewegt sich anders. Das spielen wir durch und dann geht bei vielen Kursteilnehmerin schon im Kursraum ein Glühlämpchen an.

Sie haben es selber erlebt, Ihre Frau erlebt das in der Intensivpflege – auch mit Kinästhetik können Sie die Arbeitsverdichtung, die psychische Belastung nicht ändern.

Beckmann: Ich kann sie nicht wegzaubern, aber ich lerne, Prioritäten zu setzen. Mobilität hat die höchste Priorität, die Patienten sollen auf die Beine kommen. Da ist es möglich, dass die Mobilisation von Patienten, die sonst von zwei Pflegenden durchgeführt wird, mit kinästhetischer Schulung und einer „Antenne“ alleine gemacht werden kann. Die Ressource, die ich am Bett nicht brauche, die kann woanders genutzt werden. Wer merkt, ich bin in der Lage, aus den Patienten etwas herauszuholen, der geht viel zufriedener nach Hause.

Der Pflegeberuf hat den Ruf weg, dass er wehtut, aber es geht anders?

Beckmann: Es geht anders. Ich gehe davon aus, dass in den nächsten Jahren Kinästhetik vom Beginn der Ausbildung an mit eingebunden wird.

Ihr Konzept hat ja sicher auch für die Altenpflege Relevanz.

Beckmann: Hier im Haus werden auch Altenpflegeschüler geschult. Das gilt auch für den Ambulanten Pflegedienst in unserem Haus. Da werde ich immer wieder hinzugerufen, wenn es komplexe Mobilisationssituationen gibt, wo viel körperliche Kraft nötig ist. Auch da schauen wir uns an, wie der zu Pflegende die Ressourcen, die er noch hat, weiterentwickeln kann, sodass das Pflegepersonal anstrengungsärmer agieren kann.

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