Judy Brown will Deutsche werden
Das Nationalitäten-Karussell

Greven -

Judy Brown wurde zwar in Deutschland geboren, sie ist aber – wie ihr Vater – Britin. Jetzt will sie, der Brexit lässt grüßen, Deutsche werden. Dafür muss sie, obwohl sie seit 20 Jahren in Deutschland lebt und akzentfrei deutsch spricht, sogar einen Einbürgerungstest absolvieren.

Dienstag, 19.03.2019, 13:44 Uhr aktualisiert: 19.03.2019, 20:10 Uhr
Judy Brown in ihrem Wohnzimmer.
Judy Brown in ihrem Wohnzimmer. Foto: Günter Benning

Man muss schon suchen, um hier etwas typisch Britisches zu finden. „Vielleicht der Sessel?“, fragt Judy Brown. Der Sessel im Haus der 50-Jährigen im Stock­kamp ist mit antiken Uhren bebildert. Er könnte aus einem Cottage stammen. Brown ist Britin. „Schottin“, korrigiert sie, denn ihr Vater ist Schotte. Aber jetzt will sie Deutsche werden – wegen des Brexits.

Judy Browns Lebenslauf macht klar, dass die langläufige Definition von Nationalität aus der Welt von gestern stammt.

Geboren wurde sie in Hamburg. Ihr Vater, der Schotte, war Manager für das globale britische Unternehmen Reckitt Benckiser. „Ein Trouble-Shooter“, sagt Brown. Wenn‘s Probleme gab, musste er hin.

In Hamburg lernt er seine Frau kennen. Er ein Einzelkind, sie eines von sieben Geschwistern. Weshalb Judy Brown – sie hat‘s gezählt – „in Niedersachsen 53 Blutsverwandte hat, in England nur meinen Vater“. Trotzdem musste sie in den 60er Jahren die Staatsangehörigkeit ihres Vaters annehmen.

Von Hamburg aus zog die Familie nach Florenz, Italien. Danach nach New York, USA. Von dort nach Mexico City.

Dann schickten die Eltern ihre älteste Tochter aufs Internat nach Toronto, Kanada, bevor sie selbst nach Bilbao in Spanien umzogen. Ihr Abi absolvierte Judy Brown in England. „Wenn jemand von München nach Düsseldorf und Köln umzieht, hätte da kein Hahn nach gekräht“, sagt sie. Gefühlt war für die Jugendliche jeder Umzug ein Neuanfang: „Ich bin nicht Fisch, nicht Fleisch, in allen Ländern war ich die Ausländerin.“

In Großbritannien begann sie ein BWL-Studium, bilingual, mit einigen Semestern an Münsters Fachhochschule: Das „European Business Programme“. Seitdem lebt sie in Westfalen. Und das schon über 20 Jahre.

Über ihren Pass musste sie nicht viel nachdenken, erst als ihre erste Tochter Chiara (19) kam. Der Vater ist ein italienischer Gastronom, der heute in Portugal lebt.

Jetzt wurde es kompliziert: „Weil wir nicht verheiratet waren, gab es drei Möglichkeiten“, sagt Judy Brown. Auf Anfrage konnte Chiara den britischen und den italienischen Pass bekommen, ebenso den deutschen Personalausweis.

Judy Brown erinnert sich noch an die Reaktion aus dem Ausländeramt, als sie die Lage klären wollte. „Immer diese Ausländer, die Kinder kriegen, um eine Duldung zu bekommen“, habe da eine Mitarbeiterin ins Telefon gegiftet. Der musste sie erst mal sagen, dass sie als Britin ebenso wie Chiaras italienischer Vater sich um Aufenthaltsfragen nicht kümmern müssten. In der EU sind alle gleich.

Chiara wurde Britin. Ihre zwei Jahre jüngere Schwester Gina besitzt dagegen einen britischen und einen deutschen Pass. Wenn sie wollte, könnte sie auch noch den italienischen beantragen. Mehrfach-Staatsbürgerschaften von EU-Bürgern sind nach EU-Recht kein Problem.

Bisher lebte Judy Brown ganz kommod mit ihrem britischen Pass. Sie arbeitet als „Compliance Officer“ für ein Unternehmen in Augsburg, drei Wochen Home-Office, eine Woche vor Ort. Das einzige Problem für sie: „Ich darf hier in Deutschland alle meine Pflichten erfüllen und Steuern zahlen – kann aber nicht wählen.“

Jetzt droht der Brexit. Und mit ihm die Möglichkeit, dass sie als Ausländerin um ihren Aufenthaltsstatus fürchten und eine Arbeitserlaubnis beantragen muss. Die EU und Großbritannien verhandeln zwar über Übergangslösungen – aber geregelt ist da noch nichts.

Judy Brown hat darum für sich und ihre Tochter die deutsche Staatsbürgerschaft beantragt. „Chiara“, sagt sie, „hat ja ihr Abitur, da muss sie keinen Sprachtest machen.“

Sie dagegen, die lupenreines Deutsch spricht, werde sich einem Test im April unterziehen müssen. Kostenpunkt: 150 Euro. Auch der Einbürgerungstest steht ihr bevor, bei dem aus 300 möglichen Fragen 33 ausgewählt werden. „Zum Beispiel, wofür steht die DDR?“, sagt Judy Brown, „warum sollte ich das wissen?“

Einige der möglichen Fragen dürften für sie aber kinderleicht sein. Zum Beispiel Nr. 151: „Wer baute die Mauer in Berlin?“ Antwortvorschläge: „Großbritannien, die DDR, die Bundesrepublik Deutschland, die USA.“

Und was ist jetzt eigentlich typisch britisch in ihrer Familie? Judy Brown denkt nach: „Meine Kinder lieben Baked Beans On Toast – das muss genetisch bedingt sein.“

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