Hallen-Boccia für Menschen mit Behinderung
Der olympische Gedanke zählt

Greven -

Beim Boccia-Turnier am Samstag in der Rönnehgalle ging es nicht nur um Spaß. Es ging richtig um etwas. Wer hier gewinnt, hat Chancen, in die Landesliga aufzusteigen.

Montag, 18.03.2019, 19:42 Uhr aktualisiert: 18.03.2019, 19:50 Uhr
Mit Rampen und anderen Hilfsmitteln werden bestimmte Defizite ausgeglichen, so dass jeder teilnehmen kann. Zudem werden die Resultate mit Handicap-Punkten verrechnet, so dass es fair zugeht.
Mit Rampen und anderen Hilfsmitteln werden bestimmte Defizite ausgeglichen, so dass jeder teilnehmen kann. Zudem werden die Resultate mit Handicap-Punkten verrechnet, so dass es fair zugeht. Foto: Pia Naendorf

Sie lachen und jubeln zusammen. Egal mit welchem Verein sie da sind, wie alt oder jung sie sind, ob das erste Mal dabei oder „alter Hase“. Sie alle hat es gepackt: der Ehrgeiz beim Boccia, aber vor allem die Freude daran.

Jedes Team besteht aus drei Spielern, pro Team eine Farbe und sechs Bälle. Ein weißer Ball ist das Zentrum. Ziel: die Bälle der eigenen Farbe möglichst nah am weißen platzieren. Jeder Ball ist aus Leder und handgenäht.

Das Turnier am Samstag war durchaus wichtig: Wer hier gewinnt, hat Chancen, in die Landesliga aufzusteigen. Schon die Oberliga ist ambitioniert. Dennoch steht der Spaß im Vordergrund. Das erkennt auch Grevens Bürgermeister Peter Vennemeyer, der Grußworte an die Teilnehmer richtet und sieht, dass „Spaß hier vor Erfolg kommt.“

Die teilnehmenden Sportler eint, dass sie ein Handicap haben, geistig oder körperlich. Kein Grund, keinen Sport zu machen, im Gegenteil. Von sehr positiven Effekten berichtet Betreuer Hans-Dieter Dworock von der BSG Espelkamp. „Beim Boccia kommen selbst die Zappeligen runter, die können dann auch ganz ruhig werden und präzise werfen.“ Auch die Koordination werde trainiert.

Sarah spielt bereits seit zehn Jahren Boccia. Und das trotz einer schweren Spastik. Davon ließ sich die junge Frau aber als Mädchen nicht aufhalten. Papa Uwe begleitet seine Tochter und führt aus, was Sarah ihm sagt. Mithilfe einer speziellen Rampe, die ihr Vater nach ihren Anweisungen ausrichtet, kann Sarah sportliche Höchstleistungen bringen. Ihr Vater justiert die Rampe, legt den Ball ein und Sarah gibt ihm einen Stups. Mittlerweile sind die beiden als Team eingespielt. Ob es immer klappt? „Nicht so ganz, aber meistens“, lacht Sarah.

Hallenboccia für Menschen mit Behinderung

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Um bei all den verschiedenen Arten von Handicaps eine gewisse Fairness herzustellen, bekommt jeder Spieler bestimmte Punkte. Jemand wie Sarah bekommt vier Handicap-Punkte. Jemand, der selbst werfen kann, entsprechend weniger. Diese Punkte werden zum Spielstand dazu gezählt. Auf diese Weise kann jeder spielen. „Es ist egal, welche Art von Handicap jemand hat, wie alt jemand ist oder wie sportlich“, erklärt Heinz Farwick von der Versehrten-Sport-Gemeinschaft (VSG) Greven. Eine Rampe, verschieden harte Bälle und vor allem engagierte Betreuer - das hat bisher noch jedes Problem gelöst. Die Botschaft ist klar: wer dabei sein und spielen will, der kann und der wird.

Deutschlandweit gibt es mehrere Ligen. Die zwölf Mannschaften aus der Oberliga Nord versammelten sich am Samstag in Greven. Wer in die Landesliga aufsteigt, kann sich qualifizieren für die deutsche Meisterschaft. Diese Ambitionen habe man in Greven aber nicht. „Die Wege werden dann einfach sehr weit“, erklärt Farwick.

Für die meisten Sportler ist es das wichtigste, dass sie im Team spielen. Hier finden alle Anschluss. Die Mannschaften sind altersmäßig gemischt. Teamgeist sei wichtig, man brauche Menschen die „zuverlässig und treu zum Training kommen und bereit sind, intensiv zu spielen“, sagt Dworock.

Auch Bürgermeister Vennemeyer versucht sich an einigen Probe-Bällen. Er macht aber sofort klar: „Der olympische Gedanke zählt, dabei sein ist alles!“

Sarah gefällt der Sport. Für ihren Vater ist wichtig, dass sie immer wieder Erfolge hat. Sarah erinnert sich an einen Jungen, der vor vielen Jahren anfing und nun im Rollstuhl sitzt, nicht mehr selber essen kann und künstlich beatmet wird. „Der spielt immer noch gut.“

In wenigen Wochen wird Sarah mit ihrem Vater wieder zu den deutschen paralympischen Meisterschaften fahren. Eine Mutter sieht ihren Sohn am Samstag zum ersten Mal spielen. „Das ist toll, wirklich spannend.“, meint sie. Die meisten Sportler und Betreuer kennen sich untereinander. „Das ist wie eine große Familie, es ist einfach schön“, sagt Betreuer Dworock.

Auch wenn die Regeln beim Ligabetrieb weniger streng sind, wird auch hier ausgemessen. Unter den Augen der jeweiligen Mannschaftsführer werden Millimeter-Entscheidungen getroffen. „Einmal bei der Meisterschaft“, erzählt Sarah, „haben sie Papier benutzt. Zwischen meinen und den weißen Ball passte kein Blatt Papier mehr, zwischen den vom Gegner und den weißen schon.“ Also habe sie damals den Punkt geholt. Vater Uwe ergänzt: „Bei einem anderen Turnier haben sie Taschenlampen benutzt, um zu schauen, wo der Lichtstrahl noch auf den Boden trifft.“

Ganz so eng waren die Entscheidungen in Greven dann doch nicht. Applaudiert und gejubelt haben am Ende sowieso alle, ganz im Sinne des olympischen Gedankens.

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