Ausprobiert - Beim Yoga
Die innere Mitte in der Schokolade

Greven -

Ich laufe die Bergstraße hoch und biege in die schmale Querstraße ein. Am Ende liegt das Studio Yogaliebe, im Herzen von Greven. Beim Öffnen der schweren Eingangstür kommt mir der Duft von Räucherstäbchen und Tee entgegen. So riecht also Yoga.

Dienstag, 02.07.2019, 00:00 Uhr
Yogastunde für Anfänger: Kathrin Hermes (links) und Hannah Schrand machen den Baum
Yogastunde für Anfänger: Kathrin Hermes (links) und Hannah Schrand machen den Baum Foto: Hannah Schrand

„Namaste“, begrüßt uns die Besitzerin des Studios, Katrin Hermes, nachdem ich es mir mit den fünf Kursteilnehmer auf den im Hinterraum verteilten Yogamatten gemütlich gemacht habe. Ich sitze im Schneidersitz. Der schwere Duft der Räucherstäbchen passt zu der ruhigen, sanften Atmosphäre.

„Ich will mit einem Leitgedanken anfangen“, beginnt Kathy, wie sie alle hier nennen. Ich habe meine Augen geschlossen und lausche. „Stell dir vor, du hast eine Tasse Kaffee in der Hand und jemand rempelt dich von der Seite an.“ Kathy dehnt die Vokale. „Du verschüttest den Kaffee auf dich und auf all diejenigen, die neben dir stehen. Jetzt ist es egal, was in der Tasse drin ist: ob Kaffee, Tee oder Milch.“ Ich denke an heiße Schokolade. Die wäre in meiner Tasse.

„Wichtig ist nur, dass du weißt, dass du dich jeden Tag aufs Neue entscheiden kannst, womit deine Tasse gefüllt ist“, sagt sie, „und ob du, falls du angerempelt wirst, andere Leute und dich selbst mit Hass, Neid oder Missgunst beschütten willst. Oder ob es Liebe, Fröhlichkeit und Zuversicht ist, mit der deine Tasse gefüllt ist. Es ist deine Wahl.“ Ich denke an meine Tasse mit heißer Schokolade. Meine Wahl ist Fröhlichkeit.

Heute bin ich beim Yoga. Oder genauer: Beim Vinyasa für alle, einem eineinhalbstündigen „Flow“, wie Kathy ihn nennt. Mit Meditation, Atemübungen und „Asanas“ (Yogaposen) suchen wir hier unsere innere Mitte. Und was soll ich sagen: Ich habe sie gefunden. In der Schokolade.

„Vor sechs Jahren habe ich das erste Mal mit einer DVD auf meinem Wohnzimmerteppich Yoga gemacht“, erzählt mir Kathy nach der Stunde bei einer Tasse frisch gebrühten Tee. „Eigentlich nur, weil ich mich nach der Arbeit etwas bewegen wollte.“

Und dann hat sie die Begeisterung gepackt: 2017 machte sie eine Ausbildung zur Yogalehrerin. „Zum tollsten Beruf der Welt“, wie sie meint. Kurz danach wurden ihr die Räume des jetzigen Yogaliebe-Studios im Herzen Grevens angeboten. Und das konnte sie einfach nicht ablehnen.

„Ich sage immer, Yoga ist kein Workout“, so die Yogalehrerin, „sondern ein Workin.“ Ich lache, doch in den eineinhalb Stunden, die ich auf meiner Matte verbracht habe, habe ich das genauso gefühlt. Noch nie habe ich so lange die Augen geschlossen und in mich gehört. Und das können Yoganeulinge genauso wie alte Yogahasen: Mit dem

„Flow“ gehen, sich von dem herabschauenden Hund in die Kobra und dann in die Kindshaltung bewegen. Alles in eigenem Tempo, mit eigener Intensität. Ganz nach ganz persönlichen „Flow“. Und danach: herrlich gedankenlose Minuten der „Endentspannung“. Auf der Matte liegend und in eine dünne Decke eingewickelt, lausche ich den leisen Geräuschen der gegenüberliegenden Straße und dem Geläute der Martinuskirche.

„Erfolg ist für mich als Lehrerin, wenn jemand nach ein paar Stunden zu mir kommt und erzählt, dass er keine Rückenschmerzen mehr und einen besseren Schlaf hat. Oder ausgeglichener, kräftiger, beweglicher, gesünder geworden ist“, meint Kathy strahlend. „Yoga bedeutet für mich Ankommen.“

Das ist das Besondere an der Yoga-Lehre mit ihren Übungen: Es gibt keinen Wettbewerb. Man muss nicht an seine Grenzen kommen, man kann sie langsam überschreiten, um erst im Nachhinein festzustellen, was für einen Fortschritt man gemacht hat. „Durch Yoga habe ich aufgehört, mich verbessern zu wollen und immer auf der Suche nach der besten Version meiner selbst zu sein“, sagt Kathy. „Ich habe gemerkt, dass ich die beste Version meiner selbst schon immer in mir hatte.“

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