Interview mit dem neuen Pastoralreferenten Sven Tönies
„Kirche kommt im Alltag nicht vor“

Greven -

Sven Tönies ist seit dem 1. August der neue Pastoralreferent der Martinusgemeinde. Seine Hauptaufgabe wird künftig die Schulseelsorge in den weiterführenden Schulen sein. Ein Interview.

Sonntag, 18.08.2019, 14:36 Uhr aktualisiert: 18.08.2019, 14:40 Uhr
Sven Tönies ist seit dem 1. August der neue Pastoralreferent der Martinusgemeinde. Seine Hauptaufgabe wird die Schulseelsorge in den weiterführenden Schulen sein.
Sven Tönies ist seit dem 1. August der neue Pastoralreferent der Martinusgemeinde. Seine Hauptaufgabe wird die Schulseelsorge in den weiterführenden Schulen sein. Foto: Peter Beckmann

Der gebürtige Altenberger, der auch jetzt wieder dort wohnt, studierte Religionspädagogik in Paderborn, anschließend studierte er Geschichte und Religion auf Lehramt. Das Studium schloss er nicht ab, sondern begann seine Ausbildung zum Pastoralreferenten in Rheine.

Herr Tönies, sind Sie eigentlich Schalke-Fan?

Tönies: Nein, wieso?

Das war eine Anspielung auf ihren Namen . . .

Tönies: Ach so (lacht). In unserer Familie sagen wir immer, wenn wir darauf angesprochen werden, das ist der reiche Schweinebauer, der hat ein N (und ein paar Millionen) mehr. Nein, wir sind nicht mal um tausend Ecken verwandt.

Werden wir mal ernst. Wie sind Sie auf die Idee gekommen, Pastoralreferent zu werden?

Tönies: Das ist sehr lange her. Eigentlich war das bei mir nie der Berufswunsch. Ich wollte eigentlich Polizist werden, habe deshalb nach der Realschule extra mein Abitur gemacht. Aber kurz vorm Abitur habe ich erfahren, dass ich dienstuntauglich bin. Ich bin da in ein Loch gestürzt, wusste nicht, was ich machen sollte. Der Pastoralreferent meiner Heimatgemeinde hat mich dann auf die Idee gebracht. Ich hatte mich damals in der Pfarrei als Messdiener und bei den Pfadfindern engagiert. Und er gab mir zu bedenken, ob das nicht vielleicht Grundlage eines Berufsprofils sein könnte.

Wie haben Sie reagiert?

Tönies: Das war im ersten Augenblick schon harter Tobak für mich. Die Kirche ist ja nicht gerade als liberal und modern verschrien. Da hatte ich große Vorbehalte. Aber er und seine Frau waren beide Pastoralreferenten und haben mich überzeugt, das Studium zu versuchen. Mach das, was du jetzt ehrenamtlich machst, einfach professionell, haben sie gesagt. Und das habe ich dann auch gemacht.

Das Thema Priester stand nie zur Debatte?

Tönies: Nein. Katholischer Pfarrer schließt Familie aus.

Also war das Thema Zölibat das Problem?

Tönies: Ja, ein mal das und ich hatte zu dem Zeitpunkt auch wenig Interesse, Theologie zu studieren. Das ist im Vergleich zur Religionspädagogik ein sehr verkopftes und theoretisches Studium. Religionspädagogik hat mehr mit Praxis zu tun. Es war also klar, dass Pfarrer-Werden keine Perspektive für mich sein konnte.

War für Sie von vornherein klar, dass Sie mit jungen Menschen arbeiten wollen?

Tönies: Ja, das war der Antrieb für mich. Ich bin in Altenberge ja auch schon, wie wir im Münsterland sagen, die katholische Karriereleiter hoch gelaufen. Messdiener, Pfadfinder, Wechsel ins Katechese-Team für die Firmvorbereitung. Das habe ich lange und gerne gemacht. Und die Kirche hat mir als Jugendlichen Hilfe und Orientierung bei Sinn- und Existenzfragen gegeben.

Sich als junger Mensch in einer doch eher rückständigen Kirche – Thema Frauenbild oder Zölibat – zu engagieren – ist das nicht ungewöhnlich?

Tönies: Es gibt in der Kirche eine große Ungleichzeitigkeit. Viele Ortsgemeinden sind schon sehr fortschrittlich und modern. Aber wir haben heute eine Pluralität der Lebensentwürfe, da kommt Kirche nicht immer hinterher. Deshalb ist es unsere Aufgabe bei der Schulseelsorge, für alle da zu sein. Allerdings ist das sehr schwierig. Aber ich verstehe meine Arbeit so, dass der Dienst, den wir tun, für alle bestimmt ist.

Wie verstehen Sie Ihre Arbeit als Schulseelsorger? Ist es das Ziel, verlorene Schäfchen in die Gemeinde zurück zu holen?

Tönies: Nein, auf keinen Fall. Das wird auch gar nicht gelingen. Angenommen, ich mache den jungen Leuten ein unfassbar attraktives Angebot, um sie hier hin zu locken: Wo will ich sie denn hinlocken? Wenn ich mir als Ziel setzen würde, dass möglichst viele Jugendliche am Sonntag wieder die Messe besuchen, dann kann ich schon jetzt sagen, da würde ich scheitern.

Warum?

Tönies: Die Ästhetik, die wir anbieten, sonntags in den allermeisten Gottesdiensten, die passt doch nicht zu der Lebenswelt junger Menschen.

Sie meinen die Symbolik, die Rituale?

Tönies: Vieles von dem, ob nun Symbolik oder Sprache, vieles von dem empfinden junge Menschen als überholt und bedient Menschen einer anderen Generation. Meine Großmutter findet das sehr ansprechend. Ich finde das aber schwierig. Ich bin theologisch vorgebildet und kenne die Bedeutung und kann mir das erschließen. Aber das gilt nicht für den normalen jungen Menschen. Und sowieso kann es das nicht sein, das wäre eine Verzweckung. Unser Auftrag soll es sein zu helfen, dass Schüler im System Schule gut zurecht kommen.

Konkret: Wie soll ihre Arbeit an den weiterührenden Schulen ablaufen?

Tönies: Das wird sich jetzt erst zeigen müssen. Die Schulen haben noch nicht wieder begonnen. Es liegt alles daran, wie die Schule uns in das System hinein kommen lässt. Es ist ein neues Angebot. Das macht die Kirche selbstlos. Ich werde von der Kirche dafür bezahlt. Der Traum wäre, dass eine der Schulen sagt „Darauf haben wir gewartet.“ Aber die Schwerpunkte der Schulpastoral sind in erster Linie Beratung und darüber hinaus spirituelle Angebote. Das kann in Form von festen Sprechzeiten passieren, das kann in Form von Projekten sein, es kann aber auch in Form von Unterricht sein. Das muss mit den Schulen alles noch abgeklärt werden.

Haben Sie nicht Bedenken, dass Sie als Vertreter der „uncoolen“ Kirche einen ganz schweren Stand haben werden?

Tönies: Das habe ich am Anfang gedacht, dann hat mir die Zeit, die ich mit der Jugendkirche effata in Münster verbracht habe, etwas anderes gezeigt. Die Jugendlichen sind häufig schon so weit weg, so wenig kirchlich sozialisiert, dass wir für die nichts Abschreckendes sind. Das sind wir vielleicht für die Generation meiner Eltern oder für meine Generation – da herrschen teilweise massive Vorurteile. Bei der jüngeren Generation werden wir als ein eher unbekannter Teil der Gesellschaft wahrgenommen. Die kommen schon mit Interesse und Neugierde auf uns zu. Die fragen sich: Was bietet Ihr mir? Habe ich einen Benefit davon, wenn ich mit euch etwas mache? Macht ihr Projekte, die sich auch mit meinem Leben beschäftigen? Ganz aktuell zum Beispiel die Bewahrung der Schöpfung oder Konfliktmanagement. Das sind Themen, die in der Schulpastorale immer wieder vorkommen.

Sind die Jugendlichen wirklich heute so weit weg von der Kirche?

Tönies: Ja, Kirche ist teilweise etwas Neues, etwas Spannendes, was im Alltag nicht vorkommt. Wir haben natürlich auch christlich sozialisierte Jugendliche. Es gibt Jugendliche, die einer ganz anderen Religion angehören. Auch für die sind wir interessant. Aber es gibt eben auch die Jugendlichen, die gar keine religiöse oder konfessionelle Bindung haben.

Ihre Aussagen, ihre Ansichten wirken sehr modern. Stehen Sie da nicht konträr zu einer offiziellen Kirche, die doch eher einen altmodischen, konservativen Ruf hat?

Tönies: Jein. Es gibt in der katholischen Kirche verschiedene Strömungen. Wenn wir wirklich glauben, dass unser Angebot, was wir haben – die frohe Botschaft, das Evangelium, Jesu Christi – einen Mehrwert für das Leben der Menschen hat, dann muss es uns gelingen, dieses Evangelium mit dem Lebensbezug der Menschen in Verbindung zu bringen. Natürlich ist der Lebensbezug meiner Oma ein ganz anderer, als der Lebensbezug junger Menschen. Wir als Kirche bedienen die Lebensrealität meiner Oma sehr stark. Mein Auftrag wird sein, dafür zu sorgen, dass die Lebensrealität der jungen Menschen die Chance bekommt, mit dem Evangelium in Kontakt zu kommen. Das soll mein Schwerpunkt sein, dafür setze ich mich ein. Weil ich glaube, dass da gar nicht so große Wiedersprüche sind. Aber wir müssen erst einmal schauen, dass die jungen Leute überhaupt verstehen, was wir ihnen mitgeben wollen. Natürlich kämpfen wir auch innerhalb der Kirche um die „richtige“ Richtung. Der Umgang mit Homosexualität, sexualisierte Gewalt in der Kirche – das sind Fragen, die wir angehen müssen. Da müssen wir uns weiter entwickeln. Aber bei alle dem heißt es nicht, dass wir als Kirche alle Werte, die wir haben, über Bord werfen müssen.

Kommen wir noch einmal auf die Themen Zölibat und die Rolle der Frauen zurück. Wie kann man als junger Katholik damit leben?

Tönies: Zumeist indem wir uns innerkirchlich dafür einsetzen, diese Themen zu bearbeiten und zu sagen, ich glaube, es ist überholt, ein Pflichtzölibat zu haben. Das Zölibat gibt es ja nicht schon ewig und ist gottgegeben. Das ist eine Kirchenvorschrift, die irgendwann eingeführt wurde. Und die kann man auch überdenken. Aber binnenkirchlich haben wir natürlich auch andere Strömungen. Und natürlich gibt es im deutschsprachigen Raum ganz andere Probleme, als es weltkirchlich Probleme gibt. Weltkirchlich gesehen, ist Kirche ein expandierendes System, im deutschsprachigen Raum schrumpft die Kirche. Dabei gewinnen auch eher die wertkonservativen Ansichten an Bedeutung.

Blicken Sie in die Zukunft: Wie sieht die katholische Kirche in 30, 40 oder gar 50 Jahren hier in Deutschland aus?

Tönies: Wir werden deutlich weniger sein. Kirche ist dann eine nicht mehr relevante Gruppe in der Gesellschaft. Das kann aber innerkirchlich die Menschen noch mehr zusammen schweißen. Diese Bewegung weg von der Volkskirche kann auch die Chance dahin sein, dass sich die Menschen, die sich bewusst entscheiden katholisch, evangelisch oder einer anderen Religion anzugehören, innerhalb der Gruppe deutlicher mit ihrer Religion identifizieren. Das kann nach innen gewendet eben auch zu einer Stärkung führen.

Also mehr in Richtung Sekte?

Tönies: Nein, das wäre der falsche Ausdruck. Ich würde das eher als „gesundschrumpfen“ bezeichnen. Aber das wäre schon böse formuliert. Man ist nicht mehr katholisch oder evangelisch, weil es sich so gehört. Die, die dann noch dabei sind, werden Überzeugungstäter sein.

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