Eine Anpackerin sagt Tschüss: Vicki Bläsius geht in den Ruhestand
„Hallo, hier ist die Vicki!“

Reckenfeld -

Seit zwei Jahrzehnten arbeitet sie im evangelischen Gemeindebüro in Reckenfeld. An diesem Sonntag wird Viktoria Bläsius offiziell verabschiedet.

Samstag, 05.10.2019, 18:51 Uhr aktualisiert: 07.10.2019, 11:22 Uhr
Vicki Bläsius dreht den Schlüssel um und geht in den Ruhestand – nach über zwei Jahrzehnten.
Vicki Bläsius dreht den Schlüssel um und geht in den Ruhestand – nach über zwei Jahrzehnten. Foto: Stefan Bamberg

Fünf Tage Resturlaub und zehn Überstunden gäbe es noch abzufeiern. Aber darauf, schmunzelt Viktoria Bläsius, komme es nach mehr als 20 Jahren nun auch nicht mehr an. „Ich bin noch hier bis Ende des Monats“, versichert sie – und ahnt, dass das vielleicht auch besser ist, als wenn am Sonntag sofort alles vorbei wäre.

Weil das Loslassen, einfach so und Knall auf Fall, womöglich nicht ihre ganz große Stärke ist: „Ich kann’s ja auch nicht ändern, dass mir so schnell die Tränen laufen.“ Viele, sehr viele werden morgen in die Erlöserkirche kommen, um Vicki Bläsius „Tschüss“ zu sagen. Denn: „Evangelisches Gemeindebüro, Bläsius“ oder ihr typisches „Hallo, hier ist die Vicki!“ – wer „8181“ wählt, wird diese vertraute Stimme in Zukunft nicht mehr hören. Die Gemeindesekretärin hört auf – nach über zwei Jahrzehnten.

Eine exaktere Zeitangabe fällt übrigens schwer: War’s 1997? 1998? Fest steht einzig, dass Bläsius recht plötzlich hinterm Schreibtisch saß, damals noch im ehemaligen Pfarrhaus. „Ich weiß heute gar nicht mehr so genau, wie ich an den Job gekommen bin“, überlegt sie. Als gelernte Erzieherin hatte sie sich ursprünglich mal erfolglos in der benachbarten Kita beworben, engagierte sich zuvor hier und da in der Gemeinde, wo die beiden Kinder zum Konfi-Unterricht gingen und ihr Mann Jürgen als Kirchmeister tätig war.

Überhaupt führt an „Vicki und Jürgen“ – quasi als ein Wort ausgesprochen – kein Weg vorbei bei der Frage, wer die Gemeinde seit den frühen 90er-Jahren geprägt hat. „Das Münsterland ist so schön wie Regensburg“, hatte Jürgen Vicki versprochen, bevor sie hierher zogen. Dort nämlich, in der idyllischen Oberpfalz, hatten sich die gebürtige Bayerin und der Saarländer kennengelernt, ganz oldschool beim Tanzen. Reckenfeld war die letzte von vielen, teils turbulenten Stationen für die beiden – und von Anfang an irgendwie besonders: „Dieses Dorf ist ein Phänomen, wir sind gleich von den Nachbarn eingeladen worden.“

An ihrem ersten Wochenende gingen sie zum Gemeindefest – wo dem Gastronomie erprobten Ehepaar auffiel, dass die Zapfer nicht gescheit zapften: „Dann haben wir halt mit angepackt.“ Anpacken – das war immer ihres: Sie musste Tauf- und Hochzeitsurkunden schreiben, Raumanfragen managen, telefonieren und abrechnen. Sie checkte aber auch das Inventar, machte in der Küche klar Schiff, leitete Gemeindegruppen, hörte sich Probleme aller Art an – ja, bei manchen Dingen hatte Vicki Bläsius einfach das Gefühl, dass es niemand macht, wenn sie‘s nicht macht. Das Büro als Kommandozentrale am Moorweg, viel mehr als Dienst nach Vorschrift.

Nur noch gelegentlich wird sie bald in „ihrem“ Gemeindehaus nach dem Rechten sehen: Sie will der Gemeinde verbunden bleiben, in der sie so viele Freunde hat. „Aber keine regelmäßigen Verpflichtungen mehr“, so der Plan. Stattdessen Enkel, Karneval, Nähen, mehr Sport, garantiert nie wieder was mit Computern – und eventuell eine Blitzkarriere im Teppich-Curling: „Mein neues Hobby“, zwinkert sie.

Derweil muss ein Klassiker nun ohne sie auskommen: Zusammen mit ihrer Freundin Maria Rösner schmiss sie auf den legendären Norwegen-Freizeiten die Küche für 50 hungrige Teenies – seit 2006. „Man ist immer dabei gewesen, ohne groß drüber nachzudenken.“ Jetzt, wo der Vorhang fällt, merkt Vicki Bläsius, wie rasch die Zeit doch vorüber geflogen ist: „Einige sind schon als Kinder mitgefahren, und jetzt als Erwachsene immer noch – das begeistert mich.“

Trotzdem, Schluss jetzt und kein Zurück: Im nächsten Sommer fährt der Bus ohne sie. Ob ihre Teamer-Kollegen dann genug Milch einpacken, ob es neben Ravioli auch Gemüse gibt und ob die hungrigen Urlauber Nutella zum Frühstück kriegen? Nein, all das müsste eigentlich nicht mehr „Vickis“ Sorge sein. Dennoch: Neulich hat sie die Einkaufsliste für Norwegen 2020 geschrieben . . .

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