Hans-Jörg Siepert veranstaltet Western-Camp
Leben wie im Wilden Westen

Reckenfeld/Tecklenburg -

Ungefähr 25 Sommer ist es her, da verwandelte sich der ehemalige Reckenfelder Hans-Jörg Siepert in Tasunka Mazza – das „Eiserne Pferd“. Seitdem schlüpft der Freizeit-Indianer regelmäßig in Mokassins, Leggins und Lendenschurz – und zelebriert das Leben eines Lakota zu Zeiten des amerikanischen Bürgerkriegs in den 1860er Jahren.

Mittwoch, 30.10.2019, 07:00 Uhr aktualisiert: 30.10.2019, 18:22 Uhr
Friedlich geht es im ersten Tecklenburger Western-Camp zu, das Hans-Jörg Siepert (vorne sitzend) organisiert hat. Die Truppe ist bunt gemischt. Indianer verschiedener Stämme und Soldaten leben gemeinsam in dem Camp.
Friedlich geht es im ersten Tecklenburger Western-Camp zu, das Hans-Jörg Siepert (vorne sitzend) organisiert hat. Die Truppe ist bunt gemischt. Indianer verschiedener Stämme und Soldaten leben gemeinsam in dem Camp. Foto: Ulrike Havermeyer

Ungefähr 25 Sommer ist es her, da verwandelte sich Hans-Jörg Siepert in Tasunka Mazza – das „Eiserne Pferd“. Seitdem schlüpft der Freizeit-Indianer regelmäßig in Mokassins, Leggins und Lendenschurz – und zelebriert das Leben eines Lakota zu Zeiten des amerikanischen Bürgerkriegs in den 1860er Jahren.

Erstmals hatten Siepert, der lange in Reckenfeld lebte, und seine Stammesgenossen jetzt ihre Tipis in Tecklenburg aufgebaut und das beschauliche Tal hinter dem ehemaligen Rittergut Haus Hülshoff vorübergehend zu ihren Jagdgründen erklärt.

Sehr friedlich und historisch bunt gemischt geht es zu im Western-Camp: Die Squaws schenken sich und den Frauen der Siedler noch etwas Tee nach und reichen Schokokekse herum. Nur wenige Schritte von ihnen entfernt streicht sich ein wohlbeleibter Militärpastor bedächtig seinen imposanten Backenbart, während er über das Abendessen sinniert, welches er später für alle zubereiten wird. „Wahrscheinlich Steak“, murmelt er versonnen, „vielleicht aber auch noch einmal Eintopf.“

Tasunka Mazza und sein Freund, der Sumpfbiber vom Stamme der Blackfoot, sind neben der Feuerstelle in ein Gespräch über Perlenstickerei vertieft. Und sogar ein Scharfschütze der US-Armee hegt nichts als ehrenwerte Absichten, als er Arm in Arm mit einer Dame im Wolfspelz durch die Kulisse flaniert.

Die Szene der Hobbyisten, die sich bundesweit zu Western-Camps und zum „Reen-actment“ trifft, dem Nachstellen historischer Ereignisse, ist klein, aber aktiv. Die Saison der Indianistiker reicht von April bis Oktober und ist mit zahlreichen Terminen gespickt. Was bewegt erwachsene Menschen – die im Alltag als Diätkoch, Staplerfahrer, Pharmazeutisch Technische Assistentin oder Maschinenschlosser der Realität gegenübertreten – dazu, den liebgewonnenen Komfort der Zivilisation gegen den harten Zeltboden längst vergangener und geografisch weit entfernter Zeiten einzutauschen?

„Also ganz klar“, verweist Hans-Jörg Siepert mit breitem Grinsen auf die Fantasiewelten seiner Kindertage, „bei mir hat das unbedingt etwas mit Winnetou zu tun.“ Der Sumpfbiber blickt seinen fehlgeleiteten Bruder leicht irritiert an. Die Fiktionen eines Karl May sind unter Rothäuten, die es ernst mit der „Living History“, der „Geschichte zum Anfassen“ meinen, durchaus verpönt. „Niemals würde sich ein Apache so kleiden wie Winnetou“, runzelt Sumpfbiber Ralf Giermann missbilligend die Stirn, „das wäre so, als ob sich ein Bayer unter eine Gruppe Ostfriesen mischt.“

Giermann, Siepert und die anderen Zeitreisenden legen Wert darauf, sich auf ihrer Stippvisite in die Plains des Münsterlandes historisch korrekt zu kleiden – und möglichst auch entsprechend zu verhalten. Die authentisch mit vielen Tausend Glasperlen verzierten Kleider, Hemden und Hosen sind allesamt selbst genäht und bestickt. Trommeln und Tomahawks, Holzscheite und Felle lagern nicht bloß zur Zierde, sondern für den täglichen Gebrauch in den Zelten. „Man muss dieses Hobby aber nicht bis zur Selbstaufgabe betreiben“, sagt Gastgeber Siepert.

Er und seine Frau Marita nächtigen zwar in ihrem Tipi, gönnen sich aber ohne schlechtes Gewissen eine Matratze als Unterlage. Tee und Kaffee werden stilecht über dem mühsam entfachten Feuer gekocht, dann aber in Thermoskannen umgefüllt. In seinen ledernen Mokassins trägt der 58-jährige derbe Wollsocken – und sanitäre Anlagen stehen dem Eisernen Pferd und seinen Gästen ebenfalls zur Verfügung: „Es soll ja auch Spaß machen“, schmunzelt Siepert. Dass der Alltag für die Indianer nicht annähernd so rosig war, wie ihn die Abenteurer jetzt darstellen, ist ihm nach jahrzehntelanger Recherche in Museen und dem Studium der einschlägigen Fachlektüre nur allzu bewusst. „Aber wir bemühen uns schon um einen reduzierten Tagesablauf.“

Eintauchen in vergangene Zeiten, Geschichte hautnah erleben – und für andere erlebbar machen, das sei unter anderem das faszinierende an seinem Hobby, beschreibt Siepert seine ungebrochene Begeisterung für das Leben im Wilden Westen.

Und weil auch die Teilnehmer des ersten Tecklenburger Western-Camps ein durchweg positives Fazit unter das „Pilotlager“ gezogen haben, planen Hans-Jörg Siepert und seine Mitstreiter bereits die nächste Auflage des Camps im kommenden Frühjahr.

Wer sich über das Treiben der Indianer informieren möchte, kann sich an Ralf Giermann wenden (E-Mail: freundeskreisnordamerikas@gmail.com).

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