Reckenfelderin schildert die Geschichte einer deutsch-deutschen Freundschaft
Ein Luftballon aus dem Westen

Ein Luftballon, der über die deutsch-deutsche Grenze flog schuf eine über 50-jährige Freundschaft. Mit unverhoffter Wiedervereinigung.

Samstag, 09.11.2019, 10:56 Uhr aktualisiert: 09.11.2019, 12:16 Uhr
Der zweite Besuch des Finders führte bei einem Ausflug nach Münster: Rosemarie Bechtel, Helmut Hampe, Ehefrau Regina und Enkelin Olivia
Der zweite Besuch des Finders führte bei einem Ausflug nach Münster: Rosemarie Bechtel, Helmut Hampe, Ehefrau Regina und Enkelin Olivia Foto: Hans Bechtel

Der Tag des Mauerfalls blieb bei mir nicht ohne Emotionen. Klar, wenn man Verwandte „drüben“ hat, war man auch dort, als die Mauer noch stand. Per Zug über Bebra ging es nach Sömmerda. Im Gepäck hatten wir Schokolade und diverse Dinge, von denen wir wussten, dass sie begehrt waren.

Begehrt war auch West-geld, aber man durfte nur eine gewisse Summe mit einführen und musste später auch nachweisen wo das Geld geblieben ist.

Als ich sieben oder acht Jahre alt war beobachtete ich meine Mutter, wie sie vor der Reise in die DDR einmal ein Almglöckchen (das waren Babyräppelchen) vorsichtig öffnete und darin 100 D-Mark versteckte. Das sollte ich eigentlich gar nicht mitbekommen und meine Mutter warnte mich ausdrücklich, irgendein Wort darüber zu sagen, wenn wir im Zug säßen. Man wusste nie, wer mithörte und die Grenzer waren streng. „Ich komme sonst ins Gefängnis“ erklärte sie mir. Das war eine bedrückende Situation.

Aber ich hatte und habe nicht nur Verwandte in der ehemaligen DDR. Als ich drei Jahre alt war, flog ein mit Gas befüllter Luftballon von Reckenfeld bis ins 406 Kilometer entfernte Preußnitz (Bei Bad Belzig). Ein junger Mann fand den Ballon, doch er hatte große Bedenken, da er dachte „dahinter steckt bestimmt eine Finte der Stasi“.

Doch etwas später antwortete er auf die Karte, die am Ballon hing. „Die erste Worte lauten: „Liebes Fräulein Rosemarie…“.

Meine Mutter schrieb zurück dass das „Fräulein“ gerade mal aus den Windeln sei. Ab da gingen Briefe hin und her über die Grenze. Ich bekam jedes Jahr zum Geburtstag Mitte November ein Päckchen und auch meine Mutter schickte Päckchen zu Weihnachten rüber. Eben ein Paket mehr im Jahr, was soll‘s.

Als ich selbst schreiben konnte, wurde ich zur fleißigen Briefeschreiberin und führte natürlich, als ich eigenes Geld verdiente, die Paketaktionen weiter. 25 Jahre gingen lediglich Briefe, in denen auch hin und wieder mal ein Foto war, hin und her.

Der junge Mann hatte inzwischen geheiratet und zwei Kinder bekommen. Genau nach 25 Jahren lernten wir uns dann persönlich kennen. Da waren die Einreisebestimmungen etwas gelockert, so dass man nicht nur Verwandte besuchen durfte. Alles im Vorfeld immer mit einem Aufwand von Genehmigungen und dann noch vor Ort mit Meldungen bei der Polizei verbunden.

Vom ersten Augenblick an war da eine herzliche Verbindung, die bis heute besteht. Wir sind Paten bei zwei seiner Enkelkinder und wir haben mit der Tochter stets regen Kontakt gehalten. Unsere jüngste Tochter führt mit einer Enkelin den Kontakt jetzt in der dritten Generation fort.

Am 9. November waren genau zu diesem Termin Verwandte zu Besuch bei meinen Eltern, die den Mauerfall hier erlebten. Ich aber schrieb sofort an dem Finder und seine Familie in Preußnitz und bat, uns sofort zu besuchen.

Seine Tochter Carola hatte den Mut und sie kam zum Jahreswechsel mit ihrer ersten Tochter hierher. Wir feierten eine spontane Silvesterfeier mit vielen Freunden. Finder Helmut und Ehefrau Regina kamen dann im Frühjahr zu uns.

Die Freundschaft hält immer noch. Wir Jüngeren versuchen uns einmal im Jahr zu treffen. Das nächste Treffen wird am 20. November sein, wenn meine Freundin Carola ihren sechzigsten Geburtstag feiert. Da treffen wir natürlich auch ihren Papa Helmut und ihre Mutter Regina wieder.

https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/7050756?categorypath=%2F2%2F2669082%2F2670173%2F2686135%2F2686808%2F2686824%2F
Nachrichten-Ticker