Grüne blicken optimistisch in das Wahljahr 2020
„Haben ein gutes Standing“

Greven -

Mit 13,2 Prozent der Stimmen wurden die Grünen im Jahr 2014 bei der Kommunalwahl drittstärkste Fraktion nach CDU und SPD. Geht es nach den aktuellen Umfragen auf Bundesebene, dürfte so ein Ergebnis eher eine Enttäuschung sein. Was haben die Grevener Grünen politisch auf die Beine gestellt? Was haben sie vor? Unser Redaktionsmitglied Peter Beckmann sprach mit Lore Hauschild als Sprecherin des Ortsvereins und Dr. Michael Kösters-Kraft als Fraktionssprecher.

Freitag, 22.11.2019, 16:04 Uhr
Lore Hauschild und Dr. Michael Kösters-Kraft bekommen im Moment viele positive Rückmeldungen zur Lage der Grünen.
Lore Hauschild und Dr. Michael Kösters-Kraft bekommen im Moment viele positive Rückmeldungen zur Lage der Grünen. Foto: Günter Benning

Sie stehen auf dem Marktplatz, machen Wahlwerbung für die Grünen und werden gefragt, was Sie in den vergangenen Jahren für Greven erreicht haben. Was sagen Sie?

Kösters-Kraft: Wir waren in den vergangenen Jahren zeitlich sehr stark eingebunden. Das ging ja nach der Kommunalwahl los. Es kam die große Zuwanderungswelle, viele Flüchtlinge kamen nach Greven. Und wir hatten das Gefühl, dass die Verwaltung sich schwer tat, angemessen zu reagieren. Niemand war vorbereitet.

Sie mussten die Verwaltung antreiben?

Kösters-Kraft: Glücklicherweise hat sich die Flüchtlingsinitiative gegründet. Das war für die Stadt ein absoluter Glücksfall.

Hauschild: Sonst hätte es mit dem Integrationsprojekt nicht geklappt. Alle standen ja vor diesem Problem und hatten keinen Plan, das musste erst entwickelt werden, man musste sich klar werden, wo es hingehen sollte. Wir wollten jeden Fall eine dezentrale Unterbringung der Flüchtlinge. Mittlerweile hat sich leider am Ende der Zuwanderungswelle alles auf die Mergenthaler Straße konzentriert. In meinen Augen ist das ein isolierter Ort, an dem kaum eine Integration in die Gesellschaft gelingen kann. Letztendlich waren wir sehr intensiv bei der Flüchtlings-Problematik beteiligt. Das hat viel Kraft gebunden, viel Kraft gekostet. Aber Bürgerschaft, Verwaltung und Politik haben eine intensive Kooperation mit guten Ergebnissen entwickelt.

Was ist noch zu nennen?

Kösters-Kraft: Das Thema Stadtentwicklung. Da gab es sehr unbefriedigende Ergebnisse. Zum Bespiel die Innenstadtgestaltung. Gestaltung sehe ich da wenig, es ist nur jede Menge Grün weggekommen, der Marktplatz ist nicht ordentlich geworden. Da alles ist kein Gewinn, obwohl viel Geld hinein geflossen ist. Die Aufenthaltsqualität hat sich sicher nicht verbessert. Wir konnten unsere Ideen leider nicht durchsetzen. Wir haben es aber geschafft, dass die Strukturen in der Verwaltung verändert wurden, der Bereich Stadtentwicklung in einen neuen Fachbereich angesiedelt wurde. Da haben wir Druck gemacht.

Personell ist im Bereich Stadtplanung doch noch einiges im Argen, oder?

Kösters-Kraft: Das passt hinten und vorne nicht. In der Verwaltung gibt es zwei Pole. Auf der einen Seite die Technischen Betriebe, auf der anderen Seite die Stadtentwicklung. Wenn in der Stadtentwicklung keine Ideen entwickelt werden, setzt sich das ,Haben wir schon immer so gemacht‘ vom TBG durch. Was da an Ideen rüberkommen könnte, bleibt auf der Strecke.

Eine Idee, die Umgestaltung der Rathausstraße, wurde ja von der Politik von allen Seiten abgelehnt.

Kösters-Kraft: Zu Recht. Wir erwarten von der Stadtentwicklung, dass geschaut wird, was wird in 20 Jahren der Anspruch an eine Straße sein. Der Auto-Verkehr, wie er heute ist, ist dominant und benötigt viel Platz. In dem vorgestellten Plan streitet man sich um Zentimeter für Bürgersteige. Das kann nicht sein. Der Plan wurde den Ansprüchen der Zukunft nicht gerecht.

Hauschild: In dem Plan wird das Recht des Autofahrers als naturgegeben hingenommen. Der darf als Erster fahren, parken, benutzen.

Wer das Auto in Frage stellt, muss für einen vernünftigen ÖPNV sorgen. Da passiert nichts.

Kösters-Kraft: Richtig, es gibt den Teilplan Mobilität. Da gibt es gute Ansätze, aber bei weitem nicht so grundsätzlich, wie wir uns das denken. Aber wie kann man beispielsweise darin eine Buslinie aufnehmen, mit der man vom Krankenhaus nach Reckenfeld fahren kann, die aber erst durch den kompletten Grevener Süden fährt? Das kann doch nicht sein. Da muss verstärkt darauf hin gearbeitet werden, einen funktionellen ÖPNV anzubieten.

Hauschild: Und: Er muss vor allem günstiger werden.

Muss der ÖPNV nicht innovativer werden?

Hauschild: Das System ist leider noch sehr schwerfällig, das muss sich ändern. Aber auch bei allen Überlegungen, wie künftig Mobilität aussehen wird. Die Nutzung des ÖPNV muss komfortabler werden. Als Beispiel: Die Verknüpfung von Bus-, Bahn- und Radverkehr muss völlig selbstverständlich sein, gut zu bewerkstelligen, sicher, komfortabel.

Kösters-Kraft: Für uns ist völlig klar, dass es ein Fahrradparkhaus in Greven am Bahnhof geben muss.

Was ist in den kommenden Jahren besonders wichtig?

Kösters-Kraft: Ganz wichtig ist die Gründung einer kommunalen Wohnbaugesellschaft. Der freie Markt bietet nicht genügend bezahlbaren Wohnraum. Wir haben städtische Flächen in Reckenfeld, wir haben künftig die Fläche des Bauhofes an der Saerbecker Straße. Wir möchten einen Großteil des Rathausplatzes bebauen.

Hauschild: Uns ist es wichtig, dass Menschen, die weniger Geld haben, ältere Menschen, Menschen, die Wohnformen umsetzen möchten, die es hier vielleicht noch gar nicht gibt, eine bessere Chance haben. Uns ist nicht nur der grüne, ökologische, sondern ebenso der soziale Aspekt wichtig.

Was steht noch auf Ihrer Liste?

Kösters-Kraft: Wir wollen die Aufenthaltsqualität der Innenstadt verbessern. Das hat mit Mobilität zu tun, wichtig ist, wie grün eine Stadt ist. Die Lebensqualität muss wieder steigen. Das kann man mit Quartiersentwicklung bewerkstelligen.

Hauschild: Wir arbeiten derzeit immer nur punktuell mit einzelnen Neubauprojekten. Wir müssen Pläne für ganze Quartiere entwickeln.

Was für die Verwaltung mit sehr viel Arbeit verbunden wäre . . .

Hauschild: Ein Problem: Es fehlen Fachkräfte.

Kösters-Kraft: Das ist ja das Schizophrene: Wir verabschieden einen Teilplan Wohnen, in dem all diese Sachen festgehalten sind. Aber an der Mühlenstraße zum Beispiel wird nur eine Briefmarkenplanung mit zwei bebaubaren Grundstücken durchgeführt. Quartiersentwicklung findet nicht statt.

Wie soll es mit den Schulen weiter gehen?

Kösters-Kraft: Es steht das Thema Ganztag an. Und natürlich geht es auch um die Beschulung aller Grevener Kinder. Es kann nicht sein, dass 60 Hauptschüler in Emsdetten zur Schule gehen müssen. Im Rahmen der Schulentwicklungsplanung werden diese Themen besprochen. Es gibt hier durchaus die Möglichkeit, eine integrative Schulform zu schaffen, an der alle Kinder beschult werden können.

Da steht doch die Antwort auf die Frage, wohin sich Greven entwickeln soll, aus. Sollen neue Baugebiete geschaffen werden?

Kösters-Kraft: Es gibt die Idee eines neuen Baugebietes jenseits der B 481. Wir sind dagegen. Es gibt bereits versiegelte Flächen, die wir nachnutzen können. Es gibt das ehemalige Sportgelände in Reckenfeld, es gibt die Fläche des Bauhofes, es gibt den Rathausplatz.

Das gibt aber Prügel wegen der Kirmes . . .

Hauschild: Heiligtümer muss man auch anpacken. Aber es gibt sicherlich andere, gut geeignete Standorte für Karussells an den vier Tagen. Im Ernst: Wenn wir den Individualverkehr einschränken wollen, müssen wir die Bereiche für Bebauung nutzen, wo es für die Bewohner gut möglich ist, auf den Individualverkehr zu verzichten. Und das ist nun mal die Stadtmitte, der Rathausplatz, mit seiner Nähe zum Bahnhof.

Da gibt es doch auch schon Überlegungen des Wifos zum Thema Rathausplatzbebauung, Rathausabriss, Fachhochschule . . .

Kösters-Kraft: Die wissen mehr, als wir Lokalpolitiker, die sind scheinbar aus dem Rathaus informiert worden. Es scheint so, dass wir da vor vollendeten Tatsachen gestellt werden sollen.

Hauschild: Vom Verfahren her ist das unschön. Aber die Idee, eine Dependance einer Fachhochschule nach Greven zu holen, ist prinzipiell bereichernd für die Stadt. Davon kann Greven profitieren. Aber: Nicht auf dem Rathausplatz. Da wäre doch der Standort des Raiffeisenmarktes eine Alternative, wenn die Raiffeisen umgezogen ist.

Und das Rathaus?

Kösters-Kraft: Viele Grevener finden das Gebäude hässlich. Für mich ist es ein Denkmal aus der Zeit.

Hauschild: Das ändert nichts an dem Konflikt, der mit Blick auf die Sanierungs-Kosten auf uns zu kommt.

Die Grünen liegen bei den Umfragen weit über 20 Prozent. Auch in Greven?

Hauschild: Ich bin, was Umfrage-Ergebnisse für die Grünen angeht, eher vorsichtig.

Kösters-Kraft: Wir Grünen haben in Greven ein gutes Standing. Wir sind mit viel Engagement in der Lokalpolitik dabei. Ich glaube, dass da ein bisschen mehr, als wir jetzt haben, heraus kommen wird. Was wir aber gemerkt haben ist, das die Menschen uns freundlich und mit Interesse begegnen. Das ist gegenüber früher anders geworden.

Hauschild: Wir sind nicht mehr die grünen Spinner. Nicht zuletzt, weil vieles, was wir angesprochen haben, auch eingetroffen ist. Wir verzeichnen eine positive Zugewandtheit, führen viele, oft auch kontroverse, aber eben auch produktive Gespräche.

Letzte Frage: Kandieren sie, Herr Kösters-Kraft, für den Bürgermeisterposten?

Kösters-Kraft: Zunächst einmal hat Cosimo Palomba mit seinem offenen Brief seinen Hut in den Ring geworfen. Der Mann ist zuverlässig, der Mann ist transparent in dem, was er tut. Und er bewegt richtig was. Man merkt ihm an, dass er Defizite beseitigen will. Wir ziehen da an einem Strang.

Wie sieht es mit Ihren Ambitionen aus?

Kösters-Kraft: Was soll ich Ihnen sagen? Bürgermeister ist sicherlich ein sehr reizvoller Job. Da kann man etwas bewegen. Da kann man grüne Politik auch konkret umsetzen. Daher ist es auch wichtig, das Grüne auch Bürgermeisterposten besetzen . . .

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