Franz Müntefering beim Mauerfall-Gedenktag am Augustinianum
„Münte“ und die Mauer

Greven -

Franz Müntefering, der inzwischen 79-jährige SPD-Dino, ist der Stargast beim Gedenktag zu 30 Jahren Mauerfall am Augustinianum.

Montag, 25.11.2019, 09:30 Uhr aktualisiert: 25.11.2019, 20:04 Uhr
Schulleiter Dr. Volker Krobisch (2.v.r.) präsentiert Franz Müntefering (r.) die Ergebnisse einer Schülerausstellung.
Schulleiter Dr. Volker Krobisch (2.v.r.) präsentiert Franz Müntefering (r.) die Ergebnisse einer Schülerausstellung. Foto: Stefan Bamberg

Nicht oft kam es vor, dass Franz Müntefering den großen Willy Brandt weinen sah. An diesem 9. November 1989 allerdings ließ Brandt, ehemals Bundeskanzler und davor Regierender Bürgermeister von Berlin, seinen Gefühlen freien Lauf: „Die klettern über die Mauer!“ – die Nachricht verbreitete sich wie ein Lauffeuer im Bonner Bundestag, der gerade eine Rentendebatte abhielt.

„Münte“, der inzwischen 79-jährige SPD-Dino, ist der Stargast beim Gedenktag zu 30 Jahren Mauerfall am Augustinianum. Und „Münte“ hat – wofür man ihn ja schon immer mochte – eine klare Meinung zu diesem noch ofenfrischen Teil deutscher Geschichte: „Der Mauerfall hat allen Deutschen Freiheit und Demokratie gebracht – das sollten wir uns nicht kaputt machen lassen.“

Den Kater nach der großen Party hat er dabei gewiss nicht vergessen: Massenarbeitslosigkeit in den „neuen“ Bundesländern, aussterbende Dörfer und viele Ostdeutsche, die bis heute auf ihre „blühenden Landschaften“ warten.

„Es gab keine Blaupause dafür, wie der Übergang von Planwirtschaft zum Kapitalismus geht“, betont Saskia Handro, Professorin für Geschichtsdidaktik in Münster. Für Handro ist der Mauerfall in erster Linie ein Beispiel dafür, „wie rasant sich einmal in Gang gesetzte Prozesse entwickeln“ – von der ersten Montagsdemonstration bis zur Wiedervereinigung verging kaum mehr als ein Jahr.

Handro hat das alles als Studentin in Leipzig miterlebt: „Es war eine verrückte Zeit – auf einmal hatte man das Gefühl, etwas bewegen zu können.“

Der Dritte auf dem Podium ist Ulrich Müller, ein pensionierter Pfarrer aus Mecklenburg-Vorpommern, der eine famose Honecker-Parodie draufhat – vor allem aber höchst eindrückliche Berichte, wie das DDR-Regime Geistlichen das Leben schwer machte.

Nach der Wende blieb Müllers Kirche für viele die einzige Konstante: „Die Lebensleistung der DDR-Bürger ist nicht gewürdigt worden.“

Wer die Wiedervereinigung als reine Erfolgsstory liest, sollte wohl daran denken, dass Erfolgsstorys für gewöhnlich von den Siegern geschrieben werden. Das meinen auch die angehenden Abiturientinnen Pauline Holtmann, Karla Bülte und Annika Fieke, die einen flotten Überblick über die deutsch-deutsche Geschichte geben: mit Honni, Gorbi, Trabi, Sparwassers Tor – und schließlich SED-Mann Schabowski, der ebenso unfreiwillig wie unverzüglich die Mauer öffnete. In der von Geschichts-, Kunst-, und Philosophiekursen bestückten Ausstellung im Foyer können Besucher unter anderem erfahren, welche Reaktionen der Mauerfall vor Ort auslöste: Eine Abordnung aus dem Greven in Mecklenburg besuchte das hiesige Cityfest – und ein gewisser Ernst Reiling stellte den Antrag, „dass der Rat sich mit der Situation in der DDR befassen“ möge.

Ja, sogar im Weltraum ist der Mauerfall Thema, zeigt die Klasse 8e: „Hallo Berlin – von hier oben sieht man keine Grenzen!“, verkündete Alexander Gerst nämlich jüngst von der ISS.

Auch Ulrich Müller kann sich, wenn er heute am Brandenburger Tor steht, kaum mehr vorstellen, dass hier einmal die Mauer war: „Mitten durch ein Land eine Mauer ziehen“, sagt er, und schüttelt den Kopf, „sowas können sich wirklich nur Idioten ausdenken.“

https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/7086845?categorypath=%2F2%2F2669082%2F2670173%2F2686135%2F2686808%2F2686824%2F
Nachrichten-Ticker