Jochen Malmsheimer schießt seine Verbalsalven ins Ballenlager
Horrortrip nach Venedig

Greven -

Schon der große René Descartes beschrieb mit „Cogito ergo sum“ das nicht weiter in Frage zu stellende Fundament der philosophischen Erkenntnis. Das muss auch auf Jochen Malmsheimer im positiven Sinne abgefärbt haben, denn anders ist sein an sprachlicher Virtuosität und Kreativität kaum zu überbietendes „Dogensuppe Herzogin- ein Austopf mit Einlage“ nicht zu erklären.

Montag, 02.12.2019, 11:52 Uhr aktualisiert: 02.12.2019, 12:00 Uhr
Malmsheimer nahm die Besucher sprachgewaltig auf eine Reise nach Venedig mit.
Malmsheimer nahm die Besucher sprachgewaltig auf eine Reise nach Venedig mit. Foto: Axel Engels

Am Samstag war er zum ersten Mal im Ballenlager, das wollte sich wohl kein Liebhaber des geschliffenen Wortes entgehen lassen, schließlich gilt Jochen Malmsheimer als Entfacher eines Wortgewitters zum Zwecke der niveauvollen Unterhaltung mit Tiefsinn und einer Prise Wahnsinn.

Über humanistische Bildung verfügt der sympathische Kabarettist zur Genüge, selbst eine Persönlichkeit wie Erasmus von Rotterdam als Vermittler von Bildung diente ihm als Vorlagengeber für seine mit Wortgewalt verbreiteten und mit Witz und Ironie durchsetzten Einsichten.

Große Teile las er natürlich in unverwechselbarer Manier ab. Aber wie bei Harry Rowohlt war der Abend da noch interessanter, wo er sein Manuskript mit dramaturgischer Eleganz vernachlässigte und mit süffisanten Anspielungen an den politischen Alltag spickte.

Da musste man permanent mitdenken, damit man ja keine noch so in Nebensätzen versteckte Attacke an die Großköpfigen verpasste. Wie ein roter Faden zog sich die Schilderung einer eigentlich harmlosen Busreise nach Venedig durch das Programm.

Aber zwölf Stunden unter fremden Menschen sitzen, beengt von den nicht für einen Mann mit dreidimensionaler Ausdehnung konstruierten Sitzmöbel, solche Dinge sind nichts für den im tiefsten Ruhrgebiet geborenen Kabarettisten.

Selbst sein Körper revoltierte da, mit Karies in den Knien wurde die sprachliche Nähe von Bus zu Buße hautnah erlebbar. Da aber Reisen bildet, kam er an diesem so strapaziösen Erlebnis nicht vorbei.

Aus dem Fahrer wurde in seiner Fantasie ein gedungener Kutscher und der Reiseleiter mutierte zu einem dürren Etwas, ihnen entsprangen Wortäußerungen in schlechtem Serbisch und halb beherrschten Deutsch. Schon die Schilderung der Kleidung seiner unfreiwilligen Geführten war eine sprachliche Höchstleistung. Mit scharfem Blick musterte er seine Mitreisenden, schließlich war die Rückbank von Jugendlichen okkupiert, die zur Reise in Elternbegleitung gezwungene Opfer waren und unter dröhnender Boombox ihr Zeltlager dort aufgeschlagen hatten. Ihre Kommunikation funktionierte nur mittels Handy, schließlich braucht man ja nicht miteinander zu reden, auch wenn man nebeneinander sitzt.

Neben schnarchenden Muttis und Vätern verlor Jochen Malmsheimer auf dieser Reise schnell den Bezug zur Realität. „Ich fühle mich fremd im eigenen Bus“ resümierte Malmsheimer, der durch eine über die mediale Busausstattung verbreitete Talkshow zur ultimativen Kritik an solcher Selbstbeweihräucherung animiert wurde.

Nicht alle an solch einem Perpetuum debile beteiligten Personen sind eben wirklich gebildet. Wie er da in die verschiedenen Charaktere sprang ließ jeden im Ballenlager erstaunen, solch ein schauspielerisches Können macht ihm so schnell keiner nach.

Nach dem Genuss eines ihm angebotenen selbst gemachten Kartoffelsalats erlebt er dann einen wahren Horrortrip.

Als allerletzte Lebensweisheit gibt er dem bestens zufriedenen Publikum noch den Rat mit auf den Nachhauseweg, daheim den Fernseher auszumachen und den Kindern im Dienste der Bildung lieber etwas vorzulesen.

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