Interview mit Ernst Reiling von „Reckenfeld direkt“
Ortsteil-Schule, Wohnen und ÖPNV

Ein Leben ohne Politik – für Ernst Reiling eigentlich unvorstellbar. Deshalb strebt er bei der Kommunalwahl im kommenden Jahr erneut einen Sitz im Stadtrat an. Welche Themen seine Fraktion „Reckenfeld direkt“ im Vorfeld der Wahl in den Mittelpunkt rücken will und ob dabei auch Nicht-Reckenfeld-Aspekte eine Chance haben, besprach Fraktionsvorsitzender Ernst Reiling mit Redakteur Oliver Hengst.

Sonntag, 08.12.2019, 10:43 Uhr aktualisiert: 08.12.2019, 11:00 Uhr
Ernst Reiling vor dem Parteibüro, das „Reckenfeld direkt“ etwas frech „Das kleine Rathaus“ nennt. Reiling selbst strebt bei der Kommunalwahl erneut ein Ratsmandat an.
Ernst Reiling vor dem Parteibüro, das „Reckenfeld direkt“ etwas frech „Das kleine Rathaus“ nennt. Reiling selbst strebt bei der Kommunalwahl erneut ein Ratsmandat an. Foto: Oliver Hengst

Lebt Ihr Traum von einer weiterführenden Schule oder einem Teilstandort in Reckenfeld noch?

Ernst Reiling: Der lebt stärker denn je. Ich habe Kontakt mit dem Schulministerium in Düsseldorf. Rechtlich ist das alles möglich. Natürlich müssten wir Absprachen mit Nachbarkommunen treffen. Aber es gibt eigentlich kaum Gründe dagegen. Ich weiß, dass es Widerstand aus pädagogische Gründen gegen einen Teilstandort gibt, eine Filiale. Diese müsste so weit wie möglich selbstständig sein.

Es geht um einen Teilstandort der Gesamtschule?

Reiling: Ja, nichts anders geht da. Das ist die gefragteste Schule zurzeit, die Zuströme sind unglaublich hoch. Da hätten wir Ansätze. Eine weiterführende Schule im Ort würde Reckenfeld auf den Kopf stellen: Kulturell und sozial, was das Leben im Ort angeht. Saerbeck hätte sich ohne die Gesamtschule nie so entwickelt. Die Entscheidung ist überfällig. Wir müssen gemeinsam kämpfen, und deshalb ist die Bürgermeisterwahl auch eine sehr wichtige.

Mit einem Teilstandort Reckenfeld würde man aber wieder einige Schüler zu Bus-Kindern machen: jene, die von Greven nach Reckenfeld fahren . . .

Reiling: Der große Unterschied ist, ob ich freiwilligdiesen Weg auf mich nehme oder nicht. Die Kinder sind in den Entscheidungsprozess ja mit eingebunden, ob sie nach Saerbeck, Nordwalde, Rheine oder Münster fahren. Anders ist es, wenn man gezwungen wird, nach Emsdetten zur Hauptschule zu fahren, dazu mit schlechten Verbindungen.

Würde von einer Entwicklung der Schullandschaft, wie sie Ihnen vorschwebt, vor allem Reckenfeld profitieren oder die ganze Stadt?

Reiling: Das Wort profitieren würde ich hier gar nicht nutzen. Reckenfeld wäre endlich besänftigt und hätte mehr Entwicklungschancen. Und gleichzeitig dient es den vorhandenen Schulen. Es wäre meiner Meinung nach eine kluge Entscheidung.

Wird Reckenfeld direkt im Wahlkampf vornehmlich die Reckenfeld-Karte spielen, oder packen Sie auch gesamtstädtische Themen an?

Reiling: Natürlich überschneidet sich das. Wir sind ja dem Wohl der Gesamtstadt verpflichtet. Aber natürlich liegt unser Schwerpunkt hier, wir wollen hier auch stärkste Kraft werden.

Welche Themen werden Sie in den Mittelpunkt rücken?

Reiling: Ein ganz wichtiges Thema ist bezahlbarer Wohnraum. Da bin ich persönlich auch stocksauer. Wir haben dazu 2012/13 massiv Anträge gestellt, wollten einen runden Tisch mit Wohnbaugesellschaften, Architekten, Sahle, etc. – also Kompetenzen, die wir in der Stadt haben. Wir wollten das Überdenken einer eigenen städtischen Wohnbaugesellschaft. Jetzt, sechs, sieben Jahre später stellen die Grünen den Antrag nach einer kommunalen Wohnbaugesellschaft. Das ärgert mich: Die hätten wir längst haben können.

Das ändert aber nichts an Ihrer Forderung. Sind die nach wie vor dafür, eine solche Gesellschaft zu gründen?

Reiling: Ja. Die Linke hat es auch gefordert, das ist auch nicht beachtet worden. Die Verwaltungsspitze hat in der letzten Zeit nicht so funktioniert, wie wir das gerne hätten. Wir haben ja jetzt in Reckenfeld das große Baugebiet vor uns. Und im persönlichen Gespräch höre ich immer wieder: Wir arbeiten seit Jahren bei der Feuerwehr, schaffen es aber nicht, ein Grundstück in Reckenfeld zu bekommen und müssen daher jetzt nach Emsdetten ziehen. Das trifft den Nerv. Eine Lösung könnte auch sein, dass Firmen für ihre Mitarbeiter bauen. Aber es fehlt ein Gesamtkonzept. Das wäre für die Verwaltungsspitze viel Arbeit. Arbeit, die ich von einem neuen Bürgermeister auch erwarte.

Die rund 150 Wohneinheiten in der Reckenfelder Ortsmitte reichen Ihnen nicht?

Reiling: Es wird Gespräche mit den Bürgern geben müssen. Man muss die Wahrheit sagen: Wenn wir den Gartenstadt-Charakter erhalten wollen, müssen wir in der Mitte höher bauen. Ich habe natürlich die Probleme, die das macht, in Greven vorgesehen, den Zorn, den man auf sich lädt. Aber wir müssen zumindest entlang der Emsdettener Landstraße deutlich höher bauen als vorgesehen, damit eben auch bezahlbarer Wohnraum (auch zur Miete) entsteht. Dieser Miet-Wohnraum wird in der Regel nicht für Mindestlöhner neu gebaut.

Welche Bedeutung hat das Thema Ökologie für Reckenfeld direkt?

Reiling: Im Moment überschlagen sich da ja alle, was auch richtig ist. Ich bin absolut für diesen Greta-Effekt. Jede Kommune muss sich damit beschäftigen. Dazu gehört dringend der ÖPNV. Da reicht es nicht, einmal im Jahr einen Bericht zu verlangen. Ich bin gestern mal vom Haltepunkt Reckenfeld mit dem Zug nach Rheine gefahren – das ist eine Katastrophe. Leute, die täglich auf diese Haltestelle angewiesen sind, schlagen die Hände über dem Kopf zusammen. Wir brauchen auch E-Busse in Greven. Wir können doch nicht warten, bis die Verträge in sechs Jahren auslaufen, und erst dann anfangen, Ökologie umzusetzen. Das geht nicht.

Sie bemängeln die Ausstattung des Ortsteils mit Spielplätzen . . .

Reiling: Wir müssen sehen, dass wir fantasievollere Spielplätze bekommen – und vor allem auch ausreichend viele. Das ist ein Punkt, den wir ansprechen werden.

Wird Reckenfeld direkt in allen Wahlbezirken Kandidaten aufstellen können?

Reiling: Absichern werden wir Reckenfeld. Ob wir den einen oder anderen Wahlkreis in Greven besetzten, müssen wir besprechen. Man darf natürlich nicht vergessen, dass das Hansaviertel und Reckenfeld zuletzt einen sehr hohen AfD-Anteil hatten. Und der könnte die Demokratie ein bisschen ins Wanken bringen.

Heißt: Sie wollen zumindest auch im Hansaviertel ein Gegenangebot machen?

Reiling: Ja, in bestimmten Schwerpunkten. Wir müssen gucken, was wir leisten können.

Sie streben selbst auch nochmal ein Ratsmandat an?

Reiling: Unbedingt. Ich glaube, die Erfahrung, die ich habe, das Wissen der letzten 20 Jahre, können hilfreich sein.

Werden Sie auch als Bürgermeisterkandidat antreten?

Reiling: Da gibt es ja ein Damoklesschwert für alle: das Gerichtsurteil. Wer Greven kennt, weiß, dass die CDU im ersten Wahlgang gewinnen würde, wenn es denn nur einen gäbe. Was fürchtet also die CDU? Einen zweiten Wahlgang. Ich fürchte den nicht, ich würde den nutzen. Ich könnte es nicht verstehen, wenn man an Palomba vorbeiginge. Er ist einer der ganz wenigen, die Kontinuität haben. Er kennt den Laden seit zwei Jahren. Dieses Wissen ist von enormer Bedeutung. In Reckenfeld ist er beliebt, hat hier gut gearbeitet. Gäbe es nur einen Wahlgang, dürfte meiner Meinung nach keine der kleinen Parteien einen Kandidaten stellen. Das würde die Proportionen vielleicht so sehr verschieben, dass etwas herauskommt, was wir gar nicht wollen. Bei einem zweiten Wahlgang sieht die Sache ganz anders aus.

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