So werden Kinder in der Grundschule zum Lesen geführt
Schmökerecke in jeder Klasse

Greven -

Manche können nur keinen Stift halten. Andere lesen ganze Bücher. Wenn Kinder in die Schule kommen, unterscheiden sie sich stark. In Deutschland immer noch eine Frage der Herkunft.

Freitag, 07.02.2020, 11:09 Uhr aktualisiert: 07.02.2020, 15:20 Uhr
In jeder Klasse der Martin Luther-Grundschule gibt es eine Leseecke: Bastian, Daniel und Nora fühlen sich mit Büchern sichtlich wohl.
In jeder Klasse der Martin Luther-Grundschule gibt es eine Leseecke: Bastian, Daniel und Nora fühlen sich mit Büchern sichtlich wohl. Foto: Günter Benning

Bastian, Daniel und Nora schmökern. Sie sitzen auf der Eckcouch der Klasse 1b und haben sich Bücher aus dem Regal gezogen. Bücher mit Bildern, mit großen Buchstaben. Lesen macht Spaß in der Martin Luther-Grundschule. Und Deutschlehrerin Nicole Pfingstl weiß, dass ihre Schüler hungrig nach Wissen sind: „Sie wollen Lesen lernen.“

Das ist nicht selbstverständlich. Bei der jüngsten Pisastudie von 2019 haben deutsche 15-Jährige beim Lesevermögen wieder schlechter abgeschnitten. Das Experten-Fazit der OECD: Mädchen sind besser als Jungen, und das Elternhaus färbt ab.

Nur Halbtagsschule

„Wir haben eben in Deutschland nur eine Halbtagsschule“, sagt Christina Hagemeyer, kommissarische Leiterin der Grundschule. Sie hat in ihrer Ausbildung ein Jahr in den USA und Australien verbracht, in Ländern mit Ganztagsschulen. Da haben die Lehrer mehr in der Hand, wie die Schüler gefördert werden können.

In Greven sind schon bei der Einschulung die Unterschiede deutlich. „Einige Kinder müssen noch lernen, einen Stift zu halten“, sagt Nicola Schölling aus dem Schulleitungsteam, „andere lesen fließend Bücher für die zweite Klasse.“

Vorlesen ist wichtig

Wo schon Bücher sind, wachsen Kinder in die Welt der Buchstaben und Fantasie herein. „Wichtig ist das Vorlesen“, sagt Nicole Pfingstl, „ich lese meiner 12-jährigen Tochter heute noch vor.“ Lesespiele fördern den Spaß. Etwa, wenn man mit Kindern abwechselnd liest. Zuerst lesen die Älteren die langen Passagen, die Kinder die kurzen. Später wird der Spieß umgedreht.

In anderen Familien dominiert der Fernseher, das Computer-Spiel, die digitale Welt. „Für Kinder sind die Bilder viel zu schnell“, findet Christina Hagemeyer, „,die können das gar nicht verstehen.“

Die Chance, wie beim Lesen, Unverstandenes zu wiederholen, sein Tempo anzupassen, der Fantasie Raum zu geben, lassen die Computer-Medien nicht. In der Martin-Luther-Grundschule geht man deshalb auch mit dem Thema Digitalisierung eher konservativ um. Hagemeyer: „Wir schaffen uns Laptops an, damit die Kinder Programm wie Word benutzen können.“ Das bringe was, Fehler werden schnell mit der Autokorrektur erkannt, im Vordergrund steht nicht das Daddeln, sondern das korrekte Formulieren.

Material ist wichtig

Die Faszination des Schmökerns hängt für die Lehrerinnen der Grundschule oft schon am Material, an der Bindung, der Erinnerung. „Ich habe meiner Tochter die kleine Hexe vorgelesen“, sagt Christina Hagemeyer, „das Buch gehörte schon meiner Tante.“ Und Nicola Schölling verzichtet ganz auf Kindl und Konsorten, denn sie „braucht den Geruch von Papier“.

Zum Teil wird die bei Pisa verortete Leseschwäche auf die wachsende Zahl von Kindern aus Migrantenfamilien zurückgeführt. Und für die Grundschullehrerinnen ist klar: „Wenn die Eltern kein Deutsch lernen, lernen es die Kinder auch nicht.“

Leser zur Ingegration

Andererseits haben sie auch festgestellt, dass gerade Mütter mit Migrationshintergrund ihre Kinder zur guten Sprache führen wollen, sagt Nicola Schölling. Sie hat selbst erlebt, wie wichtig die Sprache, Lese- und Schreibvermögen in unserer Gesellschaft ist.

Bei dem sehr unterschiedlichen Leseniveau von Erstklässlern, müssen die Lehrerinnen früh differenzieren. Keine einfache Aufgabe. Christina Schölling: „Ein Erstklässler ist schon in der Schülerzeitungs-AG.“

Froh sind die Lehrerinnen über die Kooperation mit der Stadtbibliothek: „Die ist unglaublich gut ausgestattet“, sagt Christina Hagemeyer. Kinder können sich dort einen Leserucksack ausleihen. „Da ist zwar auch ein kleiner Roboter drin, aber vor allem Lesestoff.“

Pisa-Ergebnisse

Weiterhin, so die OECD Ende 2019, hänge der Bildungserfolg in Deutschland stark von den sozioökonomischen Umständen und damit dem Elternhaus ab.Dies habe sich bei der Lesekompetenz noch weiter verstärkt, das zeigen die aktuellen Zahlen: „Der Leistungsunterschied zwischen Schülerinnen und Schülern mit günstigem sozioökonomischen Hintergrund und solchen mit ungünstigem Hintergrund ist in Deutschland beträchtlich und hat sich seit 2009 um neun Prozentpunkte ausgeweitet“. Die aktuelle PISA-Studie kommt zu dem Ergebnis, dass in Deutschland Mädchen beim Lesen kompetenter sind als Jungen.

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