Soziologe El-Mafaalani im Ballenlager
Am Tisch sitzen – oder darunter

Greven -

Prof. Dr. Aladin El-Mafaalani, Soziologe und Bestsellerautor, stellte sein neues Buch „Mythos Bildung: Die ungerechte Gesellschaft, ihr Bildungssystem und ihre Zukunft“ in Greven vor und sprach er auf Einladungdes „Reckenfelder Treffs“ im gut gefüllten Ballenlager über seine Thesen.

Samstag, 29.02.2020, 19:01 Uhr aktualisiert: 29.02.2020, 19:10 Uhr
Aladin El-Mafaalani
Aladin El-Mafaalani Foto: Luca Pals

In der Fachpresse als „Greta Thunberg des deutschen Bildungssystems“ bezeichnet, spricht er von sich selbst nur als „coolen Wissenschaftler“, der selbstredend Fan von Metaphern ist.

Weit mehr als Bilder und Vergleiche hatte er am Donnerstagabend zu bieten: Bildung, Chancengleichheit, gesellschaftlicher Wandel – Prof. Dr. Aladin El-Mafaalani, Soziologe und Bestsellerautor, hat viel zu erzählen. Über sein neues Buch „Mythos Bildung: Die ungerechte Gesellschaft, ihr Bildungssystem und ihre Zukunft“ sprach er auf Einladung von Ernst Reiling vom „Reckenfelder Treff“ im gut gefüllten Ballenlager.

Reiling zeigte sich zufrieden, „dass so viele gekommen sind“. El-Mafaalani begleitet den engagierten Rentner schon länger, sein Besuch in Greven war ihm eine „Herzensangelegenheit“. Oder wie es Schirmherr Wolfgang Beckermann, einst erster Beigeordneter der Stadt Greven ausdrückte: „Es ist ihr Verdienst. Sie setzen sich für solche Projekte unermüdlich aus innerer Überzeugung ein.“

Für Projekte mit Mehrwert: Längst ist El-Mafaalani bundesweit bekannt, der Durchbruch gelang dem Professor für Erziehungswissenschaften an der Universität Osnabrück mit seinem Buch „Das Integrationsparadoxon“: „Über die Resonanz war ich sehr erstaunt.“

In beiden Büchern beschreibt er die Gesellschaft anhand eines Tisches: Mit dem Lauf der Zeitgeschichte hätten immer mehr Menschen Platz in der Runde gefunden: „Heute sitzen viel weniger Menschen auf dem Boden.“ Vor einigen Jahren seien Menschen mit Behinderung, nicht heterosexuelle Menschen oder Flüchtlinge an den Tisch gekommen: „Unsere Gesellschaft wird bunter.“ Er führt aus: „Jeder will etwas vom Kuchen auf dem Tisch. Aber heute fragen alle: Ist das auch das richtige Rezept? Das ist absoluter Stress für unsere Gesellschaft.“ Während vor 30 Jahren die reine Akzeptanz ausgereicht habe, würden 2020 viele nach mehr Rechten rufen: „Das ist auch vollkommen richtig.“ El-Mafalaani versteht es perfekt, die Gesellschaft in Bildern abzubilden.

Immer weniger Konsens, Leistung und Ungerechtigkeit würden sich in der Gesellschaft widerspiegeln, behauptet der gebürtige Recklinghausener. Ihm gehe es vor allem um die Stimmung: „Und die ist in ‚Mythos Bildung‘ ganz schlecht.“

Er skizziert einen beachtlichen Weg, der zum Nachdenken anregt: In der offenen Gesellschaft würden die Menschen, die am Tisch sitzen, Druck auf die anderen ausüben: „Wer jetzt noch am Boden sitzt, ist selber schuld.“ Resignation, parallelgesellschaftlich solidarische Strukturen und Eltern, die den ganzen Tag hart für Geld arbeiten müssen und ihren Kindern nicht zur Seite stehen können – die Grundtendenzen in der Unterschicht. Auswirkungen auf die Kinder aus diesen Schichten – die den „Querschnitt unserer Gesellschaft“ abbilden würden – folgen laut El-Mafaalani auf den Fuß: „Das kann von Lehrkräften nicht aufgefangen werden.“

Ungleiche Chancen entstehen meist in der Familie, ärmere Familie schicken ihre Kinder lieber auf die Realschule statt aufs Gymnasium, Kinder aus „kaputten Familien“ würden sich eine Mauer für den Alltag erschaffen: „Sie leben in einem Alltag der Knappheit mit eigener Struktur, aus der sie schwierig entkommen können: Sicher und ohne Risiko durch den Alltag.“ Kinder wie Insolvenzverwalter.

Diese Probleme müssten in Kitas und Grundschulen erkannt werden, Sozialpädagogen und Räume, in denen Kinder ihren eigenen Begabungen nachgehen könnten, würden helfen. Statt auf Begabung und Talent setzt er primär auf Wiederholung, Fleiß und Spaß in der kindlichen Entwicklung.

Und wenn man es an den Tisch geschafft hat? „Dann hat man sich vielleicht vom Elternhaus abgetrennt, aber kommt in der Uni nicht richtig klar: Der Entfremdung folgt kein Ersatz – auch Erfolg kann seine Tücken haben“, sagt er, erntet Applaus und führt anschließend eine lebhafte Diskussion mit den Gästen.

https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/7301217?categorypath=%2F2%2F2669082%2F2670173%2F2686135%2F2686808%2F2686824%2F
Nachrichten-Ticker