Veranstaltung der Grevener Grünen: „Jüdisches Leben – heute in Deutschland“
„Uns werden Scheiben eingeworfen“

Greven -

„Dich hat man wohl vergessen zu vergasen“ und ähnliche Aussagen musste sich ein gebürtiger Grevener jüdischen Glaubens anhören. Nun lebt er in Amerika und erträgt lieber Heimweh, als weiterhin den Schmerz den dieses Sprüche verursachen, zu ertragen.

Sonntag, 08.03.2020, 07:14 Uhr aktualisiert: 08.03.2020, 14:02 Uhr
Sarah Waltermann, Michael Sturm, Judith Neuwald-Tasbach und Hannelore Hauschild (von links).
Sarah Waltermann, Michael Sturm, Judith Neuwald-Tasbach und Hannelore Hauschild (von links). Foto: Nele Grüter

„Es wird Zeit, dass jüdisches Leben nicht nur in Verbindung mit Gedenkfeiern erwähnt wird“, fordert Judith Neuwald-Tasbach am Donnerstag in der Kulturschmiede. Sie ist Vorsitzende der jüdischen Gemeinde Gelsenkirchen. „Das dritte Reich hat nicht nur Millionen Leben ausgelöscht, sondern uns auch das Wissen und die Normalität des Judentums genommen“, sagt sie.

Fast alle Plätze sind besetzt als die Veranstaltungsreihe der Grevener Grünen „Zusammen.Leben“ beginnt. Auftaktveranstaltung ist ein Diskurs über das alltägliche jüdische Leben in Deutschland.

Von 8000 in Gelsenkirchen lebenden Juden sind nur 30 zurückgekehrt, berichtet Neuwald-Tasbach. Vielen war es unmöglich, in Deutschland zu bleiben. „Die Sprache der Dichter und Denker ist zur Sprache der Täter geworden“, erklärt sie.

Hannelore Hauschild, stellvertretende Fraktionsvorsitzende der Grünen, berichtet über offene Anfeindungen, die ein ehemaliger Grevener ertragen musste.

„Dich hat man wohl vergessen zu vergasen“ und ähnliche Aussagen wurden über den Mann jüdischen Glaubens gesagt. Nun lebt er in Amerika und erträgt lieber Heimweh, als weiterhin den Schmerz den dieses Sprüche verursachen, zu ertragen.

Judith Neuwald-Tasbach kann den Anstieg von Anfeindungen bestätigen. Der Antisemitismus sei nie verschwunden, aber in den letzten Jahren habe sich die Lage verschlimmert. Seien antisemitische Äußerungen vor einigen Jahren noch heimlich gemacht worden, würden sie nun in der Öffentlichkeit ausgesprochen.

„Die Leute schämen sich nicht dafür“, sagt Neuwald-Tasbach. „Uns werden die Scheiben eingeworfen, Jude gilt in den Schulen wieder als Schimpfwort, in der Öffentlichkeit wird man angefeindet. Eine Schulklasse hat sogar Hakenkreuze in der Synagoge hinterlassen, das Verfahren dazu wurde aber eingestellt“. Die anwesenden Grevener reagieren geschockt.

Viele Fragen und Beiträge prasseln auf die Referenten ein. Kurzfristig wird so das eigentliche Programm geändert. Die meisten Zuhörer können nicht verstehen, warum einige Menschen solche Ansichten vertreten.

„Verstehen kann ich das auch nicht, seit 1700 Jahren gibt es Juden in Deutschland, wir gehören doch eigentlich dazu“, sagt Judith Neuwald-Tasbach.

Michael Sturm, Mitarbeiter der mobilen Beratungsstelle gegen Rechtsextremismus, setzt auf die Schulen. „Der Holocaust ist ein wichtiges Thema, aber der Antisemitismus hat danach nicht aufgehört.“ Mit den „Zeitzeugen“ des Antisemitismus könnte es gelingen, ein eindrückliches Bild zu vermitteln.

Neben der Aufklärungsarbeit, die nicht nur die Schulen, sondern auch die Politik unterstützen muss, könne aber auch jeder Einzelne etwas tun, meint Lore Hauschild: „Nicht mehr schweigen!“, fordert sie und Judith Neuwald-Tasbach ergänzt: „Wir alle haben damit zu tun, es betrifft die ganze Gesellschaft.“

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