Heilmittelerbringer sprechen von finanzieller Schieflage
90 Prozent der Patienten fallen weg

Greven -

Stefan Johannes ist Ergotherapeut. Er hat gerade vier seiner Mitarbeiterinnen in Kurzarbeit geschickt. Jetzt hofft er wie die ganze Branche auf Hilfe vom Staat.

Freitag, 27.03.2020, 09:12 Uhr aktualisiert: 27.03.2020, 09:20 Uhr
Stefan Johannes in seiner Grevener Praxis. Vier Mitarbeiter musste er bereit in die Kurzarbeit schicken.
Stefan Johannes in seiner Grevener Praxis. Vier Mitarbeiter musste er bereit in die Kurzarbeit schicken. Foto: Günter Benning

200 Quadratmeter, ein großer Spielraum für Kinder, mehrere Behandlungszimmer. Stefan Johannes (64), Ergotherapeut von der Kardinal-von-Galen-Straße, ist derzeit ganz allein in seiner geräumigen Praxis. Vier Mitarbeiterinnen beschäftigt er normalerweise: „Die habe ich alle in Kurzarbeit geschickt. Und ich arbeite auch nur noch ein paar Stunden.“

90 Prozent seiner Patienten sind dem Münsteraner weggebrochen, der sich vor 20 Jahren selbstständig gemacht hat. „Ich habe schon einige Gesundheitsreformen überlebt“, sagt er. Und seine Frau sage, dabei sei er gealtert. Aber Corona toppt alles: „So eine Situation hatten wir noch nie.“

Der Dachverband der Heilmittelerbringer, zu denen Physiotherapeuten, Ergotherapeuten, Logopäden oder Podologen gehören, schlägt derzeit Alarm. „Allerorts wächst die Verzweiflung“, heißt es in einer Mitteilung. In den Corona-Zeiten sagen immer mehr Patienten ihre Behandlungstermine ab. Das könne auf Dauer zu massiven Versorgungsproblemen führen, so der Verband. Und das schade allen Patienten, weil es Heilungsprozesse verzögere oder unmöglich mache.

Stefan Johannes kommt gerade von einem Hausbesuch: „Ich behandele da natürlich mit Mundschutz und allen Vorsichtsmaßnahmen.“ Patienten, die zu den so genannten Risikogruppen gehören, fallen schon mal raus – auch wenn sie eine Therapie oft nötig hätten. Als Ergotherapeut hilft er Menschen mit Bewegungsproblemen, etwa nach Handoperationen oder Schlaganfall. Auch Kinder gehören zum Patientenstamm. „Wir arbeiten nahe am Menschen“, sagt Johannes.

Heilmittelerbringer gelten als systemrelevant. Wie Ärzte, Krankenhäuser oder Banken. Die Praxen bleiben auch in Corona-Zeiten geöffnet. Viele Patienten glauben aber das Gegenteil.

Was Johannes aufbringt: In der ersten Runde über einen Rettungsschirm für den medizinischen Bereich, die am Freitag in Berlin beschlossen wird, gehört die Branche nicht dazu. „Ein Rettungsschirm muss ganz selbstverständlich auch für uns Therapeuten gelten“, sagt die Bundesvorsitzende des Heilmittelerbringer-Verbandes Ute Repschläger.

Der Verband fordert finanzielle Soforthilfen von den Gesetzlichen Krankenversicherungen in Form von Ausgleichszahlungen. Wenn die Mitglieder derzeit keine Leistungen erbringen könnten, entstünden den Kassen auch keine Kosten – es brächte sie also nicht in Schwierigkeiten, die Umsatzeinbußen auszugleichen. Repschläger: „Für die Krankenkassen ist das ein Nullsummenspiel.“

„Der nächste Verhandlungstermin“, sagt Stefan Johannes, „soll am 24. April sein. Dann könnte es für seine Praxis und seine Mitarbeiter schon sehr eng werden.

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