Gespräch mit Ulrich Hegemann über die Corona-Zeit
Über das Bedürfnis, etwas zu tun

Greven -

Die Corona-Pandemie und die damit verbundenen Einschränkungen im täglichen Leben stellen eben jenes total auf den Kopf. Was macht das mit uns? Wir sprachen darüber mit Ulrich Hegemann, Psychologischer Psychotherapeut, der seit 1992 eine Praxis in Greven unterhält.

Sonntag, 05.04.2020, 20:00 Uhr aktualisiert: 06.04.2020, 16:58 Uhr
Ulrich Hegemann, Psychologischer Psychotherapeut.
Ulrich Hegemann, Psychologischer Psychotherapeut. Foto: Privat

 

 

Die Corona-Pandemie und ihre Auswirkungen sorgen dafür, dass unser gesamter Alltag auf den Kopf gestellt wird. Was macht das mit uns?

Ulrich Hegemann: Durch die angeordneten Einschränkungen verändert sich die Kommunikation, die Begegnung der Menschen, das Sozialleben. Und natürlich kommt die Variable der Angst hinzu, infiziert zu werden oder das Angehörige infiziert werden. Da ergeben sich sehr viele Möglichkeiten mit dieser Corona-Krise umzugehen.

Die Angst vor dem Corona-Virus ist ja eine Angst vor etwas Unsichtbarem, etwas, was man nicht greifen kann. Und sie ist somit doch eigentlich eine Angst, die sich von anderen unterscheidet.

Hegemann: Nein, das würde ich nicht sagen. Angst ist eine Erwartungshaltung. Ich erwarte, dass in der Zukunft etwas Negatives auf mich zukommt. Da gibt es immer die reale Angst – zum Beispiel, dass ein Auto auf mich zukommt, da kann ich reagieren – und die irrealen Ängsten, bei denen auch unbewusste Mechanismen mit eingreifen, die gewisse körperliche und gefühlsmäßige Veränderungen bewirken können.

Aber gerade in diesen Zeiten, in denen die sozialen Kontakte möglichst verhindert werden sollen, stehen sicherlich viele Menschen mit ihren Ängsten alleine da.

Hegemann: Auch das würde ich so nicht unterschreiben. Körperlich auf Distanz zu gehen heißt ja nicht auf soziale Nähe zu verzichten. Natürlich ist dies momentan für viele eine verunsichernde Situation. Wir können das alles nicht fassen und brauchen Zuwendung und Fürsorge. Das geht natürlich auch ohne körperliche Nähe. Wir können trotz allem sozial tätig werden und es ist auch ganz wichtig, dass wir das tun.

Die Situation ist aber sicherlich für alte Menschen, die auch schon vorher vereinsamt waren, noch schwieriger geworden.

Hegemann: Da muss man natürlich unterscheiden. Eine (selbst gewählte) Einsamkeit kann manchmal auch erholsam sein. Aber Einsamkeit kann natürlich auch krank und depressiv machen und Prozesse intensivieren und verstärken.

Auf der anderen Seite stehen die Familien, die auf einmal auf engstem Raum zusammen hocken, sich nicht aus dem Weg gehen können.

Hegemann: Natürlich spielt das immer eine Rolle, wie viel Menschen auf welchem begrenzten Raum zusammen leben müssen. Aber es ist immer wichtig, welches Repertoire diese Menschen haben, miteinander umzugehen. Natürlich bewirkt eine räumliche Nähe die Zunahme von Konflikten. Stichwort häusliche Gewalt: Der Ort der häufigsten Gewalt ist das Zuhause der Menschen. Da kann es sicherlich zu einer Häufung kommen.

Die ja schon jetzt zu beobachten ist, die Frauenhäuser sind am Rande ihrer Kapazitäten . .

Hegemann: Da bin ich jetzt nicht informiert. Ich weiß nur, dass in Wuhan die Scheidungsrate deutlich zugenommen hat. Da kommen Paare, die rein funktionell zusammen gelebt haben, schon an ihre Grenzen und darüber hinaus. Bei Paaren, die sich gut verstehen, wird dann wohl die Geburtenrate steigen.

Irgendwann ist Corona Geschichte. Wie schwer wird es sein, wenn das Leben wieder auf normal gestellt wird?

Hegemann: Ich habe Schwierigkeiten bei dem Begriff normal. Ich sehe da zwei Seiten der Medaille. Auf der einen Seite machen die Menschen in der Corona-Zeit viele neue Erfahrungen der Entschleunigung und vieler neuer sozialen Begegnungen. Das sind positive Sachen und ich hoffe nicht, dass das schnell wieder in die Normalität des aneinander vorbei gehens zurückfällt. Ich sehe diese Erfahrungen momentan nicht total negativ. Aber es wird sicherlich entscheidend sein, wie lang dieses Szenario der sozialen Distanz andauert.

Sie haben einige positive Ergebnisse aufgezählt. Aber in dieser Situation sieht man doch auch den absoluten Egoismus, siehe Hamsterer . . .

Hegemann: Dieses Phänomen muss man vom Aspekt Angst aus angehen. Die findet in den unteren Hirnregionen statt, das sind mehr oder weniger Module, die noch von den Reptilien stammen. Das heißt: Wir verlassen im Fall der Angst den Bereich der Vernunft. Da entstehen Panik oder Bagatellisierung als zwei Extreme. Es hat etwas mit Panik zu tun, wenn man plötzlich anfängt Klopapier zu horten, weil man einfach das Bedürfnis hat, etwas zu tun, was einem Sicherheit gibt.

Also geht es dabei gar nicht um das Klopapier an sich?

Hegemann: Genau. Da wird im Internet auch regelmäßig drüber gelacht. Dieses Phänomen ist ganz unterschiedlich. Die Amis kaufen Waffen, die Franzosen Rotwein und die Deutschen eben Klopapier. Das hat ein bisschen damit zu tun, dass wir von unserer Kultur her etwas zwanghafter sind. Aber wie gesagt: Wenn wir Ängste haben, haben wir ein enormes Bedürfnis etwas zu tun, das müssen nicht immer ganz Vernunft bedingte Verhaltensweisen sein. Also ganz klar: Es geht dabei nicht um die eigentliche Funktion des Klopapiers, es geht darum, Sicherheit zu erlangen. Und das funktioniert eben auch, wenn man so unsinnige Sachen macht. Das läuft unterbewusst ab.

Kann man die momentanen Ängste mit den Ängsten vergleichen, die die Menschen in den Weltkriegen hatten?

Hegemann: Ich tue mich damit ein wenig schwer. Macron hat während seiner Fernsehansprache gleich sechs Mal das Wort Krieg benutzt. Meiner Meinung nach triggert er die Angst, es ist mehr ein Auslöser für noch mehr Angst. Ich sehe das nicht. Natürlich, für viele ist die Situation momentan eine vitale Bedrohung. Aber Tod, Zerstörung und die entsprechenden politischen Bedingungen – das alles kann man nicht mit der jetzigen Situation gleichsetzen.

Auffällig ist, dass in diesen Krisensituationen auch immer wieder sich Menschen zusammen tun, die anderen helfen wollen. Das ist jetzt zu beobachten, das war damals bei der Starkregen-Katastrophe so.

Hegemann: Das ist ja die neue Chance. Da bilden sich völlig neue Strukturen, die ihre Hilfe anbieten, die sich zum Beispiel um alte Menschen oder um die Betreuung von Kindern kümmern. Das ist sehr belebend und spannend. Plötzlich hat man Zeit, sich mit den Nachbarn, die vor drei Jahren eingezogen sind, zu unterhalten.

Also könne sie der momentanen Situation durchaus auch etwas Positives abgewinnen?

Hegemann: Ja, durchaus. Es wäre natürlich schöner, wenn diese Art der Entschleunigung anders entstanden wäre. Aber sie hat gesellschaftlich einen ganz hohen Stellenwert.

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