Eine Kindheit im und nach dem Krieg
Ohne Fliegeralarm und ohne Schule

Greven -

Inge Westhäusler hat das Ende des 2. Weltkriegs in Greven erlebt. Sie berichtet von ihren Erfahrungen.

Samstag, 11.04.2020, 06:02 Uhr aktualisiert: 11.04.2020, 06:30 Uhr
Ein Symbol für den Krieg: Erst in den letzten Kriegstagen wurde der Turm der Martinuskirche schwer beschädigt.
Ein Symbol für den Krieg: Erst in den letzten Kriegstagen wurde der Turm der Martinuskirche schwer beschädigt. Foto: Heimatverein

Vor 75 Jahren ging der Zweite Weltkrieg zu Ende, dem geschätzt 55 Millionen Menschen zum Opfer fielen. In Greven war schon einige Tage vorher alles vorbei. Dazu wurden in der vergangenen Woche bereits zwei Berichte in dieser Zeitung veröffentlicht. Heute berichtet die Grevenerin Inge Westhäusler von ihren Erfahrungen.

„Ich möchte mich zuerst vorstellen. Ich heiße Inge Westhäusler, wurde im Mai 1936 in Greven auf der damals noch kurzen Teichstraße geboren. Drei Jahre später zettelte Hitler den wahnsinnigen Krieg an. Heute kann man nicht verstehen, dass die Nationalsozialisten die Bevölkerung und auch die Jugend begeistert konnten.

Um das zu verstehen, muss man wissen, dass die Arbeitslosenquote damals sehr hoch war. Auch die Textilindustrie in Greven war davon betroffen. Leute wurden entlassen, viele Betriebe meldeten Kurzarbeit an.

Durch die Gründung der HJ (Hitlerjugend) für Jungen und den BDM (Bund deutscher Mädchen) begeisterte Hitler auch die Jugend. Eigentlich war ich noch nicht alt genug, um dem Bund beizutreten. Meine Freundin war fast zwei Jahre älter und war Mitglied im BDM. Ich habe mich manchmal in die Gruppe, die sich einmal in der Woche auf dem Sportplatz traf, dazu gemogelt. Wir waren begeistert. Wir hatten alle Sportgeräte wie Bälle, Reifen, Springseile etc. Es fehlte an nichts. 1942 wurde ich in der „Hans Rickmers Schule“, vorher Johannesschule, eingeschult.

In den ersten Jahren haben wir in Greven vom Krieg wenig gespürt. Das änderte sich im Jahr 1941. Münster, die Eisenbahnstrecke und der Dortmunder- Ems-Kanal waren immer wieder Angriffsziele der Luftwaffe. Die vielen Nächte, die wir im Luftschutzkeller verbringen mussten werde ich nie vergessen.

Aber am Karfreitag 1945 war auch in Greven der Krieg vorbei. Bevor unser Ortsgruppenführer Kohlleppel sich abgesetzt hatte, wurde sein Befehl, die beiden Emsbrücken zu sprengen, ausgeführt. Aus seiner Villa auf der Königstraße machten die Besatzungsmächte dann ein verspätetes Osterfeuer. Münster hatte inzwischen kapituliert. Auf der Teichstraße war man nach wie vor der Meinung, dass der „Feind“ von Münster aus nach Greven einmarschieren würde. Dann würde der Greven Süden Kampfgebiet. Zumal der damalige Ortsgruppenleiter Kohlleppel die Parole ausgegeben hatte „Greven wird verteidigt bis aufs Letzte.“

Karfreitag beschlossen sieben Familien der Teichstraße mit insgesamt 30 Personen ihre Häuser zu verlassen und bei dem Bauer Demme in Guntrup den Einmarsch der feindlichen Truppen in Greven abzuwarten. Vorher wurden noch schnell weiße Fahnen aus Babywindeln an einem Besenstiel befestigt und an den Häusern angebracht. Alle Bilder von Hitler und alles was mit einem Hakenkreuz versehen war, wurde noch schnell verbrannt. Dann ging der Treck los.

Auf der Guntruper Straße, heute Schiffahrter Damm, standen noch einige deutsche Flakgeschütze. Diese schossen über uns hinweg, in Richtung Schönefliethbrücke. Wir mussten erst mal die Straße verlassen und in Overmannswäldchen Schutz suchen.

Unser Nachbar hatte bei dem Bauern Demme in Guntrup schon vorher nach Quartier gefragt. Wir wurden in einer großen Scheune mit Stroh und Heu untergebracht. Für uns Kinder war es ein Erlebnis im Stroh zu spielen und auch zu schlafen, im nahe gelegenen Bach Stieglitze zu fangen, mehrmals täglich frische Milch zu bekommen usw.

Unser Lebensmittelhändler A. G. von der Teichstraße hatte natürlich alle gehorteten Lebensmittel mitgenommen. Ich kann mich an einen großen Karton mit Karamellbonbons und an eine Kiste mit Plätzchen gut erinnern. Wir erlebten ein sorgloses Osterfest, zumal wir vorher wegen der Sprengung des Waffenlagers in der Gronenburg einen Tag und eine Nacht im Luftschutzkeller verbracht hatten.

Am ersten Ostertag fuhren zwei Männer mit dem Fahrrad zur Teichstraße, um die Lage auszukundschaften. Als sich herausstellte, dass Greven von den Engländern schon längst eingenommen wurde – sie kamen aus Richtung Altenberge – packten wir unsere Sachen und fuhren wieder nach Hause.

Für uns Kinder begann eine schöne Zeit, kein Fliegeralarm und keine Schule. Besatzungssoldaten hatten wir auch nach Tagen noch nicht gesehen. Aber eines Tages kam ein Jeep, der sich offensichtlich verfahren hatte, ganz langsam angefahren. Ich lief schnell ins Haus, um Mutti Bescheid zu sagen. Wir standen auf der Straße. Meine Mutti hatte mir immer gesagt, wenn du einen Besatzungssoldaten siehst, dann must du beide Hände erheben. Da sie mich aber an der linken Hand festhielt, habe ich nur die rechte Hemd erhoben. Das sah natürlich aus, wie der Hitlergruß. Das lachende Gesicht des farbigen Soldaten habe ich immer noch in Erinnerung. Er hat bestimmt gedacht: das kleine Mädchen hat wohl noch nicht verstanden, dass der Krieg vorbei ist. Meine Mutti hat an dem Schreck noch lange gedacht. Dieses Missgeschick hätte ja auch anders ausgehen können.

Die Besatzung kontrollierten natürlich alle öffentliche Gebäude, auch die Schulen und vernichteten alles was ein Hakenkreuz hatte. Auch die Hans-Rickmers-Schule wurde durchsucht. Alle schriftlichen Unterlagen auch Zeugnishefte wurden auf dem Schulhof aufgeschichtet und verbrannt. Zwei Mitschüler, die in der Nähe der Schule wohnten, gingen dort hin und sahen sich das Feuer an. Dabei haben sie mein Zeugnisheft unversehrt gefunden und haben mir dieses gebracht. Ich glaube, dass ich eine der Wenigen bin, die ihre Zeugnisse noch ab dem vom 1. Schuljahr hat.

Die Versorgungslage war noch schlechter als im Krieg. Da wir in einer ländlichen Gegend wohnten, hatten wir noch die Möglichkeit, auf den Feldern der Bauern Kartoffeln nachzusuchen, oder Blaubeeren zu sammeln. Im Herbst wurden Bucheckern gesucht, für ein Kilogramm bekam man einen halben Liter Öl.

Extrem schlimm war die Versorgung im Ruhrgebiet. Viele kamen mit dem Fahrrad um das wenige, was sie noch hatten, bei den Bauern gegen ein Stück Speck, ein Paar Eier oder Kartoffeln zu tauschen.

Statt Weiß- oder Roggenbrot gab es in diesen Zeiten Maisbrot. Der Vater von meiner Schulfreundin Gerda hatte eine Bäckerei. Manchmal verabredeten wir uns für den Nachmittag. Da der Vater von Gerda für die Besatzung Brot backen musste, bekam ich ab und zu ein paar Scheiben Weißbrot. Das war dann schon etwas Besonderes.

Sobald ein Jeep mit Besatzungssoldaten auf der Teichstraße ankam, nutzten wir natürlich die Gelegenheit, um nach Kaugummi und Schokolade zu betteln. Da die Kanadier sehr kinderfreundlich waren, bekamen wir meist auch etwas. Die Wörter please, Schokolet und thank you hatten wir schnell gelernt.

Ins Kolpinghaus (heute Spontan) zog die Militärregierung ein. Die Kriegsgefangenenlager wurden aufgelöst. Um diese Personen unterzubringen, mussten alle Häuser nördlich vom Kolpinghaus geräumt werden.

Der erste Nachkriegs-Bürgermeister war Anton Minnebusch. Er hatte einen kleinen Lebensmittelladen auf der Schützenstraße. Anton Minnebusch war in Greven sehr bekannt und beliebt. Er war „ein Mann aus altem Schrot und Korn“. Er trug grundsätzlich Holzschuhe und hatte immer einen kurzen blau-weiß-gestreiften Kittel an. Seine Devise war: „Nich so vill küem, mehr müerm“ (Auf Hochdeutsch: Nicht so viel reden, sondern mehr tun.)

1946 begann wieder der Schulunterricht. Durch die schlechte Versorgung im Krieg waren die meisten Kinder unterernährt. Um uns wieder aufzupäppeln, bekamen wir von den Siegermächten ab sofort Schulspeisung. Wenn es Kakao gab, waren wir glücklich, aber die Erbsensuppe konnte man nicht essen, sie schmeckte nach Seife. Wenn keine Aufsichtsperson in Sicht war, haben wir diese in der Toilette geschüttet, oder über die Gartenmauer in Opa Jansens Garten. Das führte natürlich immer wieder zu Ärger, wenn Opa Jansen sich mal wieder in der Schule beschwerte.

Da bei den Bauern auch die Arbeitskräfte fehlten, kamen sie öfters in die Schule, und suchten Hilfe beim Kartoffeln suchen. Wir haben uns manchmal gemeldet, in der Hoffnung, dass wir zum Kaffee selbst gebackenes Brot oder Kuchen bekamen. Wenn die Bäuerin dann auch mit Maisbrot kam, sprach sich das schnell in allen Klassen herum. Beim nächsten Mal meldete sich dann keiner mehr . . .

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