Kathrin Engels ist Ärztliche Direktorin im Maria-Josef-Hospital
„Langsam in ruhiges Fahrwasser“

Greven -

Krankenhaus in Corona-Zeiten. Chefärztin Kathrin Engels erklärt, wie das Grevener Maria-Josef-Hospital wieder in den Normalbetrieb kommen will.

Sonntag, 17.05.2020, 06:22 Uhr aktualisiert: 17.05.2020, 11:37 Uhr
Kathrin Engels ist Ärztliche Direktorin im Maria-Josef-Hospital.
Kathrin Engels ist Ärztliche Direktorin im Maria-Josef-Hospital. Foto: Günter Benning

Kathrin Engels ist seit 2017 Chefärztin der Klinik für Allgemein- und Viszeralchirurgie am Grevener Maria-Josef-Hospital. Sie leitet außerdem das Ethikkomitee des Krankenhauses und übernimmt für ein Jahr nun das Amt der ärztlichen Direktorin. Im Gespräch mit unserem Redaktionsmitglied Günter Benning erklärt sie, wie das Krankenhaus sich in der Corona-Krise schlägt. Und wie es weitergehen soll.

 

Die Krankenhäuser werden von der Corona-Krise geschüttelt. Wie empfinden Sie diese Situation?

Engel: Von der Krise geschüttelt sind wir alle. Und zwar von einer Krise, die wir so noch nie erlebt haben. Das heißt, wir sind in einem lernenden System. Ich bin immer wieder überrascht darüber, wie schnell wir in unserem kleinen Haus Entscheidungen fällen können. Das ist einfacher als in großen Häusern mit einem vielköpfigen Apparat. Wir müssen aber immer wieder betonen: was wir heute Morgen beschlossen haben, kann heute Abend wieder gekippt werden. Wir kommen gerade in ein etwas ruhigeres Fahrwasser, dem misstraue ich genau wie viele andere. Es kann sein, dass wir nächste Woche wieder auf die Bremse treten müssen, sowohl gesellschaftlich wie auch im Krankenhaus.

Sie erleben eine Situation, die Ärzte kaum kennen. Normalerweise haben die Leute Bedarf, sie wollen sich behandeln lassen, es gibt Wartelisten. Mussten Sie umdenken?

Engels: Das war sicher für den chirurgischen Bereich ungewöhnlich, von einer Krankheit so ausgebremst zu werden, die dem internistischen Bereich zuzuordnen ist. Wir haben uns vorbereitet mit anzupacken und internistische Fälle mit zu behandeln. An vielen Stellen müssen die Chirurgen quasi in die Hilfsriege zurücktreten. Wir können im Moment nicht das machen, was uns befriedigt. Unsere internistischen Kollegen stehen aber vor einer großen Welle der Verantwortung. Corona – was ist das für eine Krankheit, was können wir tun? Da gab es viel Angst und Sorgen. Hätte es uns so ergehen können wie den Kollegen in Italien? Dort geschahen ja Dinge, die wir uns gar nicht vorstellen konnten.

Bei Corona ist die Gefahr groß, dass sich auch das medizinische Personal ansteckt. Macht das Angst?

Engels: Mir persönlich nicht. Aber ich weiß, dass es vielen Mitarbeitern Angst macht. Die Pflege steht an erster Front. Wir haben auf die zwei Corona-Stationen diejenigen Kollegen gesetzt, die von sich aus gesagt haben, das interessiert mich, das will ich machen. Es ist ja auch eine neue Herausforderung. Wir sind noch nicht soweit gekommen, dass wir Personal dafür verpflichten mussten. Wir haben außerdem aus der Ärzteschaft, von den niedergelassenen Ärzten, von Kollegen, die schon im Ruhestand sind, und vor allem von den studentischen Kräften sehr viel Unterstützung erfahren. Unsere studentischen Hilfskräfte haben sich alle bereit erklärt, auch in die vorderste Front zu gehen. Das haben wir in Teilen nutzen müssen, nicht unbedingt direkt in der Corona-Versorgung, aber in der Unterstützung der anderen Abteilungen.

Gibt es bei Ihnen im Haus Beatmungsplätze für Covid-19-Patienten?

Engels: Aber sicher. Vor der Krise hatten wir sechs Beatmungsplätze und wir haben aufgestockt. Wir hätten problemlos 20 Beatmungsplätze nutzen können. Im neuen Regelbetrieb haben wir acht Beatmungsplätze, die wir jederzeit wieder aufstocken können.

Jetzt gibt es den schönen Spruch: aufgeschoben ist nicht aufgehoben. Die Patienten, die wegen Corona nicht ins Krankenhaus gekommen sind, werden ja weiter ihre spezifischen Krankheiten haben. Erwarten sie in nächster Zeit einen Nachfrage-Aufschwung?

Engels: Die Sache hat verschiedene Seiten. Einerseits stellen wir fest, dass Menschen, die in der Vergangenheit sehr häufig unsere Notfallambulanz aufgesucht haben, jetzt ein gewisses gesundes Verständnis dafür entwickeln, dass man nicht wegen jedes Mückenstichs zur Notfallambulanz gehen muss. Die Zurückhaltung haben wir am Anfang gemerkt, aber sie lässt wieder deutlich nach. Die andere Seite der Medaille ist, dass für die Leute die Erkrankungen nicht einfach weg sind, sie haben nicht weniger Herzinfarkte, sie haben nicht weniger Schlaganfälle oder gebrochene Beine. Da gilt es abzuwägen: Ja, ein Krankenhaus birgt die Gefahr, dass man sich dort anstecken könnte, aber die Gefahr wäre, zu Hause an einer schwerwiegenden Erkrankung zu sterben.

Sie hoffen also, das Krankenhaus wieder hochfahren zu können?

Engels: Ja, wir haben in den letzten Monaten gesehen, dass wir die Covid-19-Erkrankungen bei uns im Haus sehr gut managen können. Wir sind weit entfernt von italienischen Zuständen. Jetzt können wir langsam wieder hochfahren.

Wie viele Covid-Erkrankte hatten Sie hier im Maria-Josef-Hospital?

Engels: Das können wir nicht genau sagen. Das Problem ist, dass wir die hohe Zahl der Verdachtsfälle mit einbeziehen müssen. Viele kamen mit Fieber und einer Lungenfunktionsstörung rein, also Husten. Sie wurden sofort auf unserer Isolationsstation aufgenommen. Zwei Drittel davon waren Verdachtsfälle, die sich durch einen Abstrich und eine CT-Diagnostik am nächsten oder übernächsten Tag doch nicht als Covid-Patienten erwiesen haben. Die konnten wieder auf die normalen Stationen. Wir haben die baulichen Strukturen unseres Hauses nutzen können. Wir haben gesagt, der A-Trakt, das alte Gebäude wird unser Covid-Verdachtstrakt mit Notaufnahme, Intensivstation und den beiden Stationen darüber als Covid-Stationen, respektive als Überlaufstationen. Während der B-Trakt des Hauses für die Patienten da ist, die davon nicht betroffen sind.

Zurück zum Normalzustand kann sicher nicht heißen: überfüllte Wartezimmer?

Engels: Um unsere Wartelisten abzuarbeiten, für die Hüfte, die Leistenbruchversorgung, die gynäkologischen Operationen, die ja nicht weg sind, haben wir im A-Trakt die derzeit stillgelegte Station A1 so umgebaut, dass wir große Räume zur Verfügung haben und mit großen Abständen maximal vier bis fünf Patienten parallel durchschleusen. Ich nenne das mal unsere Sprechstundenstation. Auch das ist im Gegensatz zu den früheren Sprechstunden eine deutliche Reduktion. Diese entspricht auch unserem noch nicht wieder hochgefahrenem OP-Bereich. Das geht alles in Stufen, ab nächster Woche wird der dritte OP-Raum dazu genommen, ab Juni, vielleicht etwas früher, der vierte OP-Saal. Dann haben wir wieder eine komplette OP-Tätigkeit. Das muss aber auch bedeuten, dass wir eine der Covid-Stationen nicht mehr brauchen. Eine ist schon seit einer Woche geschlossen, wenn wir jetzt in den nächsten zwei Wochen sehen, die bleibt wirklich leer, dann können wir sie auch wieder für normale Patienten nehmen.

Gab es Kurzarbeit im Krankenhaus?

Engels: Das schwebte über uns. Wir haben es bislang nicht beantragen müssen.

Die Diskussion in der Gesellschaft ist entbrannt. Wird zu viel oder zu wenig Zurückhaltung geübt. Was sagen Sie?

Engels: Ich habe überhaupt kein Verständnis dafür, dass manche Menschen glauben, dass Grundrechte hier willkürlich eingeschränkt würden. Wer das glaubt, kann sich ja mal mit den Kollegen in Norditalien unterhalten. Es herrschte Schweigen in unserer Chefarztrunde, als wir uns überlegt haben, nach welchen Kriterien man im Notfall einem Patienten die Beatmung versagen könnte, um einen anderen zu retten. Das treibt einem als Mediziner den Schauer über den Rücken.

Warum sieht Deutschland in dieser Krise offenbar deutlich besser aus als Frankreich, England, von den USA ganz zu schweigen?

Engels: Das Erste ist: Wir haben ein Sozialsystem, das eine Menge kostet, das aber hochwertvoll ist. Bei uns ist jeder krankenversichert. Keiner muss die Beatmung aus der eigenen Tasche zahlen. Der zweite Faktor ist: Im vergangenen Jahr war die medizinische Diskussion von der Idee geprägt, wir müssten kleinere Krankenhäuser schließen. Wir sind heute heilfroh, dass wir so viele Krankenhäuser und so viele Intensivbetten haben. Wir haben das Vierfache von Frankreich und das Fünffache von England. 30 Prozent der Covid-Patienten landen auf der Intensivstation, da kann man sich ausrechnen, warum wir besser dastehen. Das ethische Prinzip, von dem wir uns leiten lassen, ist, dass wir jedem Leben verpflichtet sind.

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