Bernd Temme betreibt seit 25 Jahren Grevens ältestes Wirtshaus
Kein Grund zum Feiern

Greven -

Bernd Temme hätte Grund zum feiern. 50 Lenze zählt er, 25 davon betreibt er den Goldenen Stern. Aber das Doppeljubiläum fällt ins Corona-Krisenjahr.

Dienstag, 02.06.2020, 06:00 Uhr
Traditionsgaststätte Zum Goldenen Stern. .
Traditionsgaststätte Zum Goldenen Stern. . Foto: th

Runde Geburtstage und Jubiläen sind sein Geschäft. Im „Goldenen Stern“ kommen die Grevener alle seit jeher gern zusammen, um zu feiern. In diesem Jahr wäre er selbst an der Reihe gewesen. In doppelter Hinsicht. Im April ist Bernd Temme 50 Jahre alt geworden. Seit 25 Jahren betreibt er überdies Grevens ältestes Wirtshaus. Doch zum Feiern ist ihm im Moment nicht zu Mute.

Wie die gesamte Zunft blickt auch Bernd Temme in eine wirtschaftlich ungewisse Zukunft. Und übt sich trotz düsterer Prognosen in Gelassenheit: „Wenn keine Rolle rückwärts kommt und man irgendwann auch wieder Feiern kann, hoffe ich, dass wir bald ganz normal wieder unser Geld verdienen können und nicht abhängig sind von Staatshilfen.“

Was auch daran liegen mag, dass der Betrieb in seiner Gaststätte langsam aber sicher wieder Fahrt aufnimmt.

Wer eine Vorstellung davon gewinnen will, was man unter sprichwörtlicher münsterländischer Gemütlichkeit versteht, dem sei ein Besuch im „Goldenen Stern“ empfohlen. Die alt ehrwürdige Gaststätte im Schatten der mächtigen Mauern von St. Martinus versprühen den rustikalen Charme einer Schankwirtschaft aus dem 19. Jahrhundert.

Der stattliche Tresen mit den Schemel artigen Hockern davor, der lange schmale Tisch unter dem mit Zinntellern dekorierten Kamin, die dunkle Eichenvertäfelung, gerahmte Plakate, die von der Kirmes den 1950er-Jahren zeugen: All das wirkt so, als sei die Zeit bei „Öppe“, wie die Gaststätte in Anspielung auf den früheren und Anfang dieses Jahres verstorbenen Betreiber Josef Winninghoff vielen Grevenern besser bekannt ist, stehen geblieben.

Was in diesem Fall im besten Sinne des Wortes zu verstehen ist. Während landauf landab die die Systemgastronomie an die Stelle vieler traditioneller Gaststätten getreten ist, setzt Bernd Temme, seit 1995 Pächter des „Goldenen Sterns“, auf die Karte Tradition.

Und das mit Erfolg. Er und seine Partnerin Beate Röppnack spielen sie nicht nur bei der Ausstattung aus. Auch bei der Auswahl der Speisen wird derjenige fündig, der die schlichte, aber wohlschmeckende westfälische Küche schätzt. Im „Goldenen Stern“ geht es gemütlich zu.

Bernd Temme und sein Team können sich auf ihre Stammgäste verlassen. Sie haben ihnen in den zwei Monaten der kompletten Schließung von Mitte März bis Mitte Mai die Treue gehalten. Dank des Außer-Haus-Geschäftes blieb die Küche in dieser Zeit nicht gänzlich kalt. „Das ist sehr gut gelaufen“, findet Temme im Rückblick.

Mit der Zubereitung von bis zu 120 Essen pro Tag hatte das Küchenteam gut zu tun. „Viele unserer Gäste wollten uns damit auch unterstützen“, meint der Gastronom.

Seit zwei Wochen dürfen Wirte wie Bernd Temme zwar wieder Gäste und seit Samstag auch wieder bis zu zehnköpfige Gesellschaften empfangen, doch eben nur eingeschränkt. Auf dem Saal finden sonst bis zu 80 Gäste Platz. Im Moment sind es deutlich weniger. 40 bis 50 Essen verlassen mittlerweile an einem Wochenende wie Pfingsten die Küche. „Es tut sich was.“ Aber: „Bei den Feierlichkeiten ist jede Menge weggebrochen. Das können wir auch nicht mehr aufholen.“

Trotz der ersehnten Lockerung: Die Wiedereröffnung ist auch ein Start in eine wirtschaftlich ungewisse Zeit. Weil er im Moment gerade noch ein Drittel seines üblichen Umsatzes erzielt, hat Temme direkt nach dem Lockdown Weichenstellungen vorgenommen.

Dank der Soforthilfe des Landes, einem eigenen finanziellen Polster und einem Kredit der Hausbank ist die Liquidität für die nächsten Monate gesichert. Diese Rechnung geht allerdings nur für den Fall auf, wenn spätestens im nächsten Jahr das Geschäft wieder voll anläuft.

Bei Temme überwiegt die Zuversicht: „Das alles tut der Gastronomie zwar richtig weh, aber ich glaube, dass die meisten von uns es schaffen können, die Krise zu überstehen.“ Und in dem Fall dürfte auch die Zeit kommen, das eigene Doppel-Jubiläum nachzufeiern. In Grevens ältestem Gasthaus, wo seit 1674 noch nie die Lichter ausgegangen sind.

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