Ein Gespräch mit Hans-Dieter Bez
„Ich bin im Stadtarchiv zuhause“

Greven -

Hans-Dieter Bez (77) war Lehrer für Deutsch, Geschichte, Politik und Wirtschaftswissenschaften. Aber seine Leidenschaft gehört dem Mitgründer des Heimatvereins und früheren CDU-Fraktionsvorsitzenden der Grevener Historie. Mit ihm sprach unser Redaktionsmitglied Günter Benning über die Entstehung seines neuen Buches zur Serie „Typisch Greven“ in dieser Zeitung.

Freitag, 05.06.2020, 18:00 Uhr aktualisiert: 07.06.2020, 15:36 Uhr
Hans-Dieter Bez hat viele Artikel über die Historie Grevens für die Zeitung geschrieben. Jetzt hat er sie in einem Buch zusammen gefasst.
Hans-Dieter Bez hat viele Artikel über die Historie Grevens für die Zeitung geschrieben. Jetzt hat er sie in einem Buch zusammen gefasst. Foto: Günter Benning

 

Herr Bez, vor zwei Jahren haben wir unsere Leser nach typisch Grevener Worten für ein Plakat gefragt. Haben Sie mit der Resonanz gerechnet?

Bez: Nein, ich war sehr skeptisch. Und war dann überrascht über die Vielzahl der Antworten aus der Leserschaft. Das hat mir Mut für dieses Projekt gemacht.

Das war richtig Arbeit für Sie?

Bez: Das habe ich erst 14 Tage später erfahren, als einer der Beteiligten mich anrief und mir sagte, nun mach mal hinne. Also war ich ausersehen worden, die Texte zu dem Plakat zu erstellen. Angefangen habe ich dann mit den Wörtern, die ich aus meinen bisherigen Arbeiten schon kannte.

Sie haben vorher schon viel über Geschichte geschrieben?

Bez: Ich wohne seit 1974 in Greven und ich fühle mich als Grevener. Im Stadtarchiv bin ich wie zuhause. Und ich kenne seit meiner Serie über Grevener Bildstöcke und Wegekreuze in der Zeitung viele Alteingesessene, das hat mir die Arbeit erleichtert.

Was wir hier gemacht haben, war „Geschichte von unten”. Da ging es oft um Leute, die in der großen Geschichtsschreibung eher nicht vorkommen?

Bez: Richtig, aber diejenigen, die wir vorgestellt haben, waren im Dorf und im Amt Greven für die Bevölkerung sehr wichtig. Über solche Personen gibt es in der Bevölkerung Erzählungen und Berichte, in denen man deren überbordende Qualität und Wichtigkeit ein wenig ausgleicht und sich so selbst wiederfindet. Interessant ist auch, dass es in Greven immer Lehrer und Volkskundler gegeben hat, die diese Dinge aufgeschrieben haben, so dass man nicht völlig im Neuland herumstochern musste. Außerdem gibt es in der Bevölkerung viele alte Menschen, die diese Geschichten noch kennen und begierig sind, sie zu erzählen.

Sicher interessant, die mal zu besuchen?

Bez: Das ist wahr. Mir persönlich macht es Freude. Seit ich im Ruhestand bin, ist die Untersuchung der Grevener Geschichte mein Hobby.

Nehmen wir mal „Pommes Herbert“. Für manche Grevener hatte der Pommesbudenbesitzer Kultcharakter.

Bez: Ich habe den persönlich auch gekannt. Er war schon ein außergewöhnlicher Fremder hier, der durch seine persönliche Art alle zu duzen auffiel — durch alle Schichten hindurch. Es gab Leute auch aus dem Umkreis Grevens, die zu Pommes Herbert kamen, um irgendwas zu hören, das Essen war nicht so wichtig.

Sie haben ja auch mit den Familien gesprochen. Für manche wird das interessant gewesen sein, dass sich jemand noch um die Ahnen kümmert?

Bez: Ja, da war ein gewisser Stolz damit verbunden. Für mich war aber erstens die Versicherung wichtig, dass ich alles richtig erzähle, zweitens, dass der Text akzeptiert wird. Das Schlimmste wäre gewesen, wenn jemand sagen würde, na hören Sie mal, wie können Sie nur…

Haben Sie jetzt alles weichgekocht?

Bez: Nein, es werden aber von einigen Leuten auch Dinge berichtet, die nicht so vorteilhaft sind. Das haben wir ausgeblendet.

Sie haben auch Leute wie Aschkes Jans, den Dorfboten und Ausrufer, oder Piepenmaker Wesselmann vorgestellt, deren Funktionen heute keiner mehr kennt.

Bez: Meine Enkelkinder interessieren sich wie alle Grevener in ihrem Alter weniger für diese Geschichten. Aber wenn die dann von einem Mann hören, dessen Aufgabe es war, die Glocke zu läuten und wichtige Mitteilungen zu machen, dann kriegen die schon große Augen.

Wir haben an die 100 Worte gesammelt. In dem Buch sind 76 Artikel aufgenommen worden. Die anderen waren zu allgemein?

Bez: An einige Worte habe ich mich nicht gemacht. Zum Beispiel FMO. Die Entstehung und die Entwicklung des Flughafens sind so wichtig, das kann man nicht auf eineinhalb Seiten zusammenstellen. Es gab auch den Begriff „Rote Tinte Viertel“. Das ist ein Neubauviertel, in dem viele Lehrer wohnen. Punkt. Das gibt es hier rundum überall.

Für die anderen Begriffe waren sie dann oft im Stadtarchiv?

Bez: Ja, die Mitarbeiterinnen da haben mir sehr geholfen, die haben auch selbstständig geguckt und mich angerufen, wenn sie etwas gefunden haben.

Aber gab es auch Leute, die sich bei ihnen gemeldet haben?

Bez: Ja, ich habe auch oft Anrufe erhalten, wenn ein Bericht in der Zeitung erschienen war. Viele konnten dann noch Zusätzliches erzählen. Und diese Ergänzungen sind in meinem Buch verarbeitet.

Schöne Form der Doppelverwertung und Erweiterung. Wir müssen ja gestehen, dass wir manchen Bez zeitungsgerecht kürzen mussten — im Buch steht jetzt alles drin?

Bez: Ja, hier sind Erweiterungen drin, Literaturangaben — und es gibt einen Artikel über Laumanns Waage, den habe ich völlig neu geschrieben, weil ich mehrere Anrufe bekommen habe, die sich beschwerten, dass ich diese oder jene Schwerlastwaage übersehen hätte. Hatte ich auch. Da habe ich mich hingesetzt und habe noch mal sechs Wochen recherchiert, bis ich die alle zusammen hatte. Jetzt ist der Artikel rund.

So erobert man seine Heimatgemeinde. Dabei kommen Sie gar nicht aus Greven?

Bez: Ich komme gebürtig aus Ennigerloh, ein Ort, der vergleichbar ist. Als ich 1974 nach Greven kam, habe ich mich gleich wohlgefühlt.

Trotzdem: Ennigerloh und Greven sind doch unterschiedlich.

Bez: Vor allem wegen der Industrie, die sich hier im 19. Jahrhundert gebildet hat. Das hat dazu geführt, dass sich sehr viele Vereine gegründet haben. Da muss ich auch noch mal drüber schreiben. Da gibt es zum Beispiel einen Verein in Westerode, den habe ich zunächst als landwirtschaftlichen Verein gesehen. Und als ich genauer hingesehen hatte, fand ich heraus, dass es die Honoratioren aus dem Dorf waren, die den sechsten, siebten oder achten Verein gründeten, so dass die jeden Abend unterwegs waren.

Was ist noch besonders für Greven?

Bez: Die industrielle Oberschicht in Greven hat den Ort anders geformt als Nachbarorte. Ich habe einen Großvater gehabt, dessen größter Wunsch es war, mal nach Münster zu fahren. Da ist er nie hingekommen Der war nur als Soldat mal in Berlin, der ist gar nicht aus der Kaserne herausgekommen. Aber die Biederlacks und Beckers in Greven, die haben seit Generationen ihre Söhne nach Amsterdam, Antwerpen, Bremen und Lübeck geschickt. Die haben dort gewohnt, sind dort seit Generationen ansässig. Da gab es also im Dorf Leute, die weit über den Ort hinausgekommen sind.

Aber das Gros der Bevölkerung blieb schön zu Hause?

Bez: Ja. Da gab es zum Beispiel als Ausnahme den „Grevener Boten“, der ging morgens nach Münster, um Post vom Amt hinzubringen, übernachtete und kam am nächsten Tag mit Post zurück. Der hatte noch kein Fahrrad, das hätte man auch wegen der Wegebeschaffenheit nicht gebrauchen können.

Wer hat Ihnen den größten Eindruck gemacht?

Bez: Johann Christoph Biederlack, dessen politischer Einfluss wird heute unterschätzt. Er hat nicht nur dafür gesorgt, dass die Eisenbahnlinie über Greven führt — und nicht über Steinfurt, wie der Graf das dort wollte. Sich gegen den durchgesetzt zu haben, zeigt schon, was für einen Einfluss Biederlack hatte. Unbekannt war für mich aber auch die Geschichte von AGRICOLA, der mehr als tausend Artikel in der Zeitung über Fauna und Flora Grevens und die laufenden landwirtschaftlichen Arbeiten geschrieben hat. Von ihm kennen wir alle Höfe Grevens recht genau, mit einer Aufstellung des Viehs, der Maschinen und der Flächen. Der Oberlandwirtschaftsrat a.D. und Oberregierungsrat i.R. Dr. agr. Franz Gerhard Joseph Westrup stammt aus Greven und hatte seinen Alterssitz hier genommen.

https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/7437920?categorypath=%2F2%2F2669082%2F2670173%2F2686135%2F2686808%2F2686824%2F
Nachrichten-Ticker