Heilpraktiker spritzte unerlaubt Medikamente
Bewährungsstrafe für „falschen Arzt“ aus Greven

Münster/Greven -

Er spritzte Patienten ein verschreibungspflichtiges Medikament, was er seit einer Regeländerung im Jahr 2006 nicht mehr durfte – dafür verurteilte das Landgericht in Münster am Donnerstag einen Grevener Heilpraktiker zu einem Jahr und neun Monaten Haft auf Bewährung. Zudem muss der 63-Jährige 100 Sozialstunden leisten und den Lebenslauf auf seiner Homepage korrigieren. [mit Video]

Donnerstag, 06.08.2020, 17:30 Uhr aktualisiert: 06.08.2020, 17:38 Uhr
Auch zum zweiten Prozesstag kam der Reckenfelder Therapeut am Donnerstag mit Mund-Nase-Schutz, Sonnenbrille und Mütze. Am späten Vormittag kam das Urteil: Bewährungsstrafe.
Auch zum zweiten Prozesstag kam der Reckenfelder Therapeut am Donnerstag mit Mund-Nase-Schutz, Sonnenbrille und Mütze. Am späten Vormittag kam das Urteil: Bewährungsstrafe. Foto: Gunnar A. Pier

Der Angeklagte, der seit dem Jahr 2000 eine Praxis im Grevener Ortsteil Reckenfeld betreibt, hatte beim Prozessauftakt vor einer Woche gestanden, Schmerzpatienten kleine Dosen eines Lokalanästhetikums gespritzt zu haben – ein offenbar gängiges Naturheilverfahren. Der Grevener wendet es seit Jahrzehnten an – doch seit 2006 sind die Medikamente verschreibungspflichtig und dürfen nur von Ärzten verabreicht werden. Er ist kein Arzt – deshalb landete er vor Gericht. Vorwurf: gefährliche Körperverletzung in 30 Fällen.

Zudem habe er gerne den Eindruck erweckt, studierter Mediziner zu sein. Auf seiner Internet-Seite war gar von Medizinstudium und Doktorarbeiten zu lesen – doch schon das Abitur war erfunden. Stattdessen hat er jahrzehntelange Erfahrung als Krankenpfleger, Heilpraktiker und Psychotherapeut – übrigens mit einem guten Ruf in seinem Ort.

Video in Kooperation mit dem WDR:

Angeklagter ist geständig und nicht vorbestraft 

Doch das Spritzen der Medikamente hätte er lassen sollen. Die Staatsanwaltschaft wertete das als gefährliche Körperverletzung, weil die Spritze als gefährliches Werkzeug gilt – aber in einem minderschweren Fall. Zugute hielten die Staatsanwaltschaft und später auch das Gericht dem Therapeuten, dass er geständig und nicht vorbestraft ist – und vor allem, dass es keine Geschädigten gibt. Im Gegenteil: „Er wusste, dass sich ihr Zustand verbessern würde“, sagte der Vorsitzende Richter. So ging es in dem Prozess nicht um die Frage, ob er konnte, was er tat – er durfte es nur nicht.

Die Strafe wurde für drei Jahre auf Bewährung ausgesetzt. Und für die Sozialstunden versprach seine Verteidigerin: „Er wird seine Fähigkeiten sinnvoll einsetzen.“

Staatsanwaltschaft und der Angeklagte kündigten an, auf Rechtsmittel zu verzichten. Damit ist das Urteil rechtskräftig.

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