Restaurant Tophoff schließt
Schlussstrich mit Hintertürchen

Greven -

„Da ich keine Leute finde, kann ich den Standard, den die Kunden gewohnt sind, nicht mehr erhalten“. Martin Stegemann würde sein Lokal am liebsten weiter öffnen.

Freitag, 28.08.2020, 11:00 Uhr aktualisiert: 28.08.2020, 13:38 Uhr
Lächelt, obwohl ihm eher zum Heulen zumute ist: Martin Stegemann schließt am Sonntag das Restaurant Tophoff.
Lächelt, obwohl ihm eher zum Heulen zumute ist: Martin Stegemann schließt am Sonntag das Restaurant Tophoff. Foto: Oliver Hengst

Lächeln für ein letztes Foto – da muss sich Martin Stegemann doch ziemlich überwinden. Eigentlich steht ihm eher Verbitterung ins Gesicht geschrieben. Zum 1. September schließt er sein Restaurant Tophoff an der Saerbecker Straße. Das Ende einer langen Tradition. „Ich mache das natürlich nicht gerne, aber es geht nicht anders“, sagt der Inhaber traurig.

Seit elf Jahren ist der Koch Inhaber des Restaurants Top­hoff, am 6. Januar 2009 hatte die Traditions-Gaststätte unter seiner Regie neu eröffnet. Am kommenden Sonntag ist Schluss.

„Wir sind gut mit der Pandemie fertig geworden“

Mehrere Gründe haben Stegemann zu diesem schwerwiegenden Schritt veranlasst. „Wo fange ich an?“, sagt er und runzelt die Stirn. Klar, Corona habe es ihm – wie allen Gastronomen – nicht leicht gemacht. Aber die Krise allein hätte ihn nicht in die Knie gezwungen. „Wir sind gut mit der Pandemie fertig geworden“, sagt er. Sehr schnell habe er mit einem Lieferservice reagiert, der auch bestens angenommen wurde. An manchen (Feier-)Tagen habe das Küchenteam, zu dem auch sein Sohn Marvin und ein weiterer festangestellter Koch gehörten, bis zu 200 Essen zubereitet und ausgeliefert.

Als das Restaurant wieder öffnen durfte, habe man alles getan, um unter den geltenden Auflagen wieder Gäste zu bewirten. Die kamen auch – zum Teil so reichlich, dass Stegemann manche wieder nach Hause schicken musste. Grund: Wegen Corona darf er nicht alle Tische besetzen, noch immer nicht. Hinzu kommt ein nicht unerheblicher Desinfektions- und Bürokratie-Aufwand, den das Servicepersonal leisten müsse. Aufwand, für den es keinen Cent gibt. „Das Personal in Service und Küche hat hier wahnsinnig gute Arbeit geleistet, auch in Anbetracht der neuen Auflagen“, lobt er sein Team. Auch von den Kunden habe es immer wieder sehr viele positive Rückmeldungen gegeben.

Dann kam die Nachricht aus Berlin, dass Gastronomiebetriebe eine Förderung erhalten, wenn ihre Umsätze unter eine bestimmte Marge gesunken sind. Eigentlich eine gute Sache, aber: „Ich hatte 900 Euro zu viel eingenommen. Wer arbeitet, wird bestraft“, sagt Stegemann enttäuscht. Nichts war es mit der Not-Förderung – ein weiterer Nackenschlag.

Mangel an qualifiziertem Personal

Der wichtigeste Grund aber, der letztlich zum Aus führt, ist der Mangel an qualifiziertem Personal, vor allem in der Küche. Einer seiner Köche wechselte in eine Klinik, Sohn Marivin wurde in Heidelberg angenommen, wo er seinen Meister machen will. Deshalb steht auch der Junior eine Weile nicht zur Verfügung. Also versuchte Stegemann, sich zunächst mit einer Küchenhilfe so lange durchzuschlagen, bis neue Köche eingestellt werden können. Doch die gibt es auf dem Markt nicht. „Wenn ich zwei Köche finden würde, würde ich meinen Entschluss sofort rückgängig machen.“ Die monatelange Suche war nicht von Erfolg gekrönt. „Da ich keine Leute finde, kann ich den Standard, den die Kunden gewohnt sind, nicht mehr halten.“ Also rang er sich dazu durch, das unausweichliche nicht länger aufzuschieben.

Leicht gemacht hat er sich das nicht. Er ist Gastronom aus Überzeugung, hat in das Projekt Top­hoff viel Herzblut investiert. „Ich bin Koch aus Leidenschaft, seit Monaten aber nur damit beschäftigt, Personalmangel und immer neue Auflagen aufzufangen.“ Viel lieber würde er die Zeit nutzen, Ideen fürs Restaurant zu entwickeln und umzusetzen.

Drei Jahre lang keinen Urlaub 

Schon vor Corona hatte er einige herausfordernde Situation zu meistern. Im vergangenen Jahr machte ihm ein massiver Wasserschaden mit anschließendem Umbau zu schaffen. Ein weiteres Jahr zuvor war das Restaurant infolge einer Baustelle vor der Haustür drei Monate kaum erreichbar. „Irgendwann ist es mal gut“, sagt er zur Dauerbelastung. Drei Jahre hatte er keinen Urlaub.

Das Restaurant wird also schließen – bis auf weiteres. Stegemann hält sich bewusst ein Hintertürchen offen. Er lasse den Betrieb ruhen auf unbestimmte Zeit, sagt er. Er werde zunächst mal „nichts“ machen und die Zeit nutzen, sich ein neues Konzept zu überlegen, das weniger personalintensiv umzusetzen sei. Wann und mit wem er das verwirklicht – völlig offen. „Ich habe gewisse Vorstellungen der Arbeit und Ansprüche an die Kreationen aus der Küche, daran wird sich das orientieren“, sagt er. „Ich werde aber sicher gastronomisch tätig bleiben.“

An einen Verkauf der traditionsreichen Immobilie (die Geschichte reicht bis 1794 zurück) denkt er nicht. Den zwei verbliebenen festangestellten Mitarbeitern und den sechs Aushilfen musste er kündigen.

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