Wenn die Corona-App plötzlich ein erhöhtes Risiko meldet
„Erst einmal ruhig bleiben“

Greven -

Corona ist für viele – trotz aller Panik – weit weg. Was aber, wenn die Warn-App anschlägt? Unser Mitarbeiter Luca Pals hat es erlebt.,

Freitag, 23.10.2020, 20:08 Uhr aktualisiert: 23.10.2020, 21:17 Uhr
Auf dem Display eines Smartphones signalisiert die Corona Warn-App, dass man 13 Risiko-Begegnungen vor 5 Tagen hatte. Foto: dpa
Auf dem Display eines Smartphones signalisiert die Corona Warn-App, dass man 13 Risiko-Begegnungen vor 5 Tagen hatte. Foto: dpa

„Erhöhtes Risiko.“ Da steht es: Weiße Schrift, roter Grund. Darunter: „1 Risiko-Begegnung.“ Fünf Tage sollen seit meiner gefährlichen Begegnung vergangen sein. Die Corona-App reißt mich mit knappen Worten aus dem Alltagstrott, hinein ins Ungewisse. Was tun?

Mir ist mulmig. Fragen schießen mir durch den Kopf: Was bedeutet die Warnung? Wie ernst ist sie zu nehmen? Mit wem hatte ich Kontakt? Und vor allem: Wer kennt sich aus?

Weil es spät am Freitagabend ist, frage ich meinen WG-Mitbewohner. Er bleibt gelassen: „Erst einmal ruhig bleiben, das muss gar nichts bedeuten.“

Schnell und gut einschlafen – das funktioniert an diesem Abend nicht. Die App, die ich mir erst vor wenigen Wochen heruntergeladen und bis jetzt noch nie geöffnet hatte, gibt mir die nächsten Handlungsschritte vor: 116 117 heißt die Nummer, die ich am nächsten Morgen anrufe.

Will man durchkommen, ist Geduld notwendig. Klar: Die Zahl der an Sars-CoV-2 infizierten Personen steigt, die Maßnahmen werden strenger – das lese ich in der Warteschlange in der Tageszeitung am Frühstückstisch.

Die Gedanken drehen sich derweil weiter: Wo bist du überall gewesen? Mit wem hattest du Kontakt? Auf der Arbeit, in der Familie, beim Treffen mit Freunden, dazu kommt Sport und das Studium – da kann einem schnell schwindelig werden.

Ungemütlicher wird es dann nur, wenn man weiterdenkt: Und mit wem hatten diese Personen jetzt schon Kontakt?

Meine WG-Mitbewohner strahlen mehr Ruhe aus: „Wenn du es hast, haben wir es jetzt sowieso.“ Auf Distanz gehen, ist nun kaum noch notwendig – vor die Tür gehen, durch die Weltgeschichte geistern, geht gar nicht.

Irgendwann hat jedes Warten ein Ende. Auch bei der Notrufnummer der Corona-App. Die sympathische Stimme eines älteren Mannes fragt mich, wie er mir helfen könne. Ich schildere die Vorkommnisse seit gestern Abend. „Haben Sie Symptome?“, werde ich gefragt. Darüber habe ich noch gar nicht nachgedacht – ich bin in bester Verfassung, Beschwerden oder Anzeichen einer Erkrankung verspüre ich nicht.

Trockener Husten, fehlender Geschmack oder gar Fieber – die Vorboten des fiesen Virus, zu dessen Risikogruppe ich aufgrund meiner gesunden 22 Jahre nicht gehöre, sind nicht auszumachen.

Der Mann vom Gesundheitsamt beruhigt mich: „Dann ist das Risiko auch nicht so groß.“ Ich werde zum Hausarzt verwiesen.

In der Zwischenzeit geht das Spekulieren los: Vor fünf Tagen habe ich Kontakt mit einer Person gehabt, die möglicherweise an Corona erkrankt sein könnte – sagt die App. Der Mann am Telefon bestätigt dies.

Gedanklich drehe ich die Uhr zurück: Der Kontakt war am Sonntag. Von einem Geburtstag in kleiner Runde im Ruhrgebiet war ich mit dem Zug zurück ins Münsterland gefahren. Dort hatte ich eine Vierer-Sitzgruppe für mich, die Maske bedeckte Nase und Mund. Alle notwendigen Vorkehrungen waren also getroffen, dennoch muss der Kontakt im Zug entstanden sein.

Die Corona-Warn-App sendet verschlüsselte Codes aus. Treffen diese auf einen anderen Code, verknüpfen sie sich miteinander und werden automatisch gespeichert. Wenn jemand im Nachhinein angibt, an Covid-19 erkrankt zu sein, wird die Warnung direkt an die Codes der vergangenen Tage gesendet. Wie bei mir.

Nach meinen Beschreibungen entscheidet der Hausarzt telefonisch: Ein Test ist notwendig. Selber kann er ihn nicht durchführen, dafür fehlen die rechtlichen Bedingungen.

Vom Gesundheitsamt des Kreises Steinfurt werden mir fünf Nummern aus Greven gegeben. Erst bei der fünften Nummer habe ich Glück und komme durch. „Sie können direkt vorbei kommen“, sagt mir die freundliche Stimme am Telefon. Keine Zeit verlieren, nichts wie hin – mit Corona muss man nicht lange warten.

Auch ohne Symptome habe ich das Gefühl, wie eine offensichtliche Gefahrquelle angesehen zu werden. Besonders viel Abstand und besonders große Masken – vielleicht kommt mir das Ganze auch nur so vor, wirklich wohl fühle ich mich aber nicht.

Schlimmer wird‘s dann mit dem Test: Abstriche im Mund und dann in der Nase werden gemacht – ein äußerst unangenehmes und gleichzeitig schnelles Erlebnis. Der Arzt versichert mir: „Ergebnisse werden wir wohl morgen Abend haben.“

Zusichern kann er mir das natürlich nicht. Dafür wird aktuell viel zu viel getestet. Zum Abschied bekomme ich einen Info-Zettel mit einem personalisiertem QR-Code. Damit kann ich am folgenden Tag mein Ergebnis einsehen.

Und auch, wenn ich weiß, dass das Ergebnis erst gegen 17, 18 Uhr zu erwarten ist, erwische ich mich dabei, morgens bereits nachzuschauen. Ansonsten halte ich mich in den eigenen vier Wänden auf, Kontakt nach draußen sollte ich laut Arzt vermeiden: 24 Stunden Ungewissheit.

Gegen 17 Uhr blinkt die Nachricht auf meinem Handy auf: Der Test ist negativ. Was für mich besonders positiv ist. Eine Rückmeldung beim Gesundheitsamt ist nicht mehr notwendig. Ich darf wieder nach draußen – natürlich weiter mit Abstand, Maske und Corona-App.

Der Ausnahmezustand ist beendet. Mein App zeigt was mir am liebsten ist: Keine Risikobegegnung.

* Luca Pals, 22, studiert in Münster und ist freier Mitarbeiter dieser Zeitung.

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