Eine Studentin berichtet über ihre erste Uni Woche – am PC
Trinkspiele als Videokonferenz

Greven/Dortmund -

Bier in der Hand, die Schüssel mit Chips auf dem Schoß, der Laptop daneben. Kamera an – das Studium kann beginnen. Eine Studentin berichtet, wie der Start ins Studium in Pandemiezeiten aussieht.

Freitag, 06.11.2020, 17:19 Uhr aktualisiert: 06.11.2020, 17:55 Uhr
Vorbereitung auf einen gemütlichen Studentenabend.
Vorbereitung auf einen gemütlichen Studentenabend. Foto: Elene Theile

Ich sitze zuhause, in meinem Zimmer, auf dem Bett. Meine Uni: TU Dortmund, mein Fach Wirtschaftspolitischer Journalismus. Dies ist mein erstes Semester – unter Corona-Bedingungen.

15 bis 20 Kommilitonen treffe ich am Montagabend über Zoom – alle drei Minuten taucht ein neues Gesicht am Bildschirm auf.

Speed-Dating nennt sich das. Wir werden zu zweit in Breakout-Sessions gepackt. Zum Kennenlernen. „Welchen Journalismus machst Du?”, ist meist die erste Frage.

„Wo kommst Du her?“, „Wohnst Du schon in Dortmund?”, kommt danach. Überraschung: viele haben nicht einmal ein Zimmer gesucht und wohnen – wie ich – noch zuhause. Wofür auch umziehen, wenn man eh niemanden treffen kann?

Normalerweise ziehen zum Semesterbeginn Hunderte Neu-Studierende gemeinsam durch die Unistädte. Verkleidet in lustigen Kostümen, ein Bierchen in der Hand. Dann machte das Kennenlernen immer am meisten Spaß. So hatte ich es von anderen gehört.

Für uns sieht das Ganze anders aus. Online. Das ist das neue Stichwort in 2020. Nicht nur Schulen und Unternehmen mussten sich mit neuen Techniken anfreunden – auch an den Universitäten wurden Vorlesungen und Übungen auf die Bildschirme verlegt.

Bei einigen finden die Semester nur online statt, bei anderen gibt es, wie bei mir, ein „Hybrid Semester”, also einen Mix aus Online- und Präsenzveranstaltungen.

So auch die O-Woche (Orientierungswoche). Ich habe Glück. Für eine Veranstaltung dürfen wir in kleinen Gruppen sogar zur Uni kommen. Die Fachschaft hatte eingeladen. Es gibt viele Informationen: Wo kann man gut leben, einkaufen, feiern? In Dortmund natürlich.

Die zweite Präsenzveranstaltung für Freitag wurde dann aufgrund der aktuellen Entwicklungen abgesagt. Es geht also wieder nach Hause, vor den Bildschirm.

So hatte ich in der ersten Woche nicht nur Informationsveranstaltung zum Studienstart über Zoom, auch die zukünftigen Professoren habe ich auf diese Art und Weise kennengelernt.

Pünktlich zum Start der Veranstaltung klicken wir dafür auf den zuvor erhaltenen Zoom-Link. Nur ein paar Sekunden später und schon tauchen Gesichter aller Meeting-Teilnehmer bei mir auf. Also schnell die Kamera an. Oder lieber doch nicht? Profis wissen: die Kamera bleibt am Anfang aus – so kann das verpasste Frühstück nachgeholt werden.

Das gemeinsame Feiern findet deshalb auch nicht statt. Zumindest nicht so, wie wir es kennen. Das wird stattdessen auf Zoom verlegt. Von acht Uhr bis Mitternacht sitze ich am Montagabend auf meinem Bett. Die Kamera: ausgerichtet auf die einzige aufgeräumte Ecke meines Zimmers.

So lerne ich meine Kommilitonen kennen. Ob das funktioniert? In den großen Gruppen auf Zoom ist es doch recht schwer. Das Mikrofon muss immer stumm sein – es sei denn man möchte etwas sagen, denn: mit den Hintergrundgeräuschen von 60 Personen wäre es schwierig, etwas zu verstehen. Dadurch wird aber auch weniger geredet, was das Kennenlernen deutlich erschwert. Und mal eben ein Wort zu zweit wechseln ist nur dann möglich, wenn die anderen 58 Kommilitonen dabei zuhören.

Fest steht trotzdem, dass – auch wenn es auf diese Art und Weise nicht ganz einfach ist – es eine gute Option ist, um trotz Corona zusammen zu kommen. Wir möchten ja schließlich wissen, mit wem wir die nächsten Jahre zusammen studieren.

Eine Woche lang saß ich abends auf dem Bett, einen Teller mit Nudeln, Kartoffelbrei oder Chips auf dem Schoß, vor mir den Laptop und lernte so Fachschaft und Kommilitonen auf „Dinner-Abenden” kennen. Auch einen Quizabend gab es, wo wir in kleinen Gruppen unser Wissen über Film, Wissenschaft, Journalismus und Co testen konnten. Auffällig: auch der Dresscode hat sich mit Corona geändert. So findet man – fast immer – mindestens eine Person die in Boxershorts vor dem Laptop sitzt.

Gestern Abend standen Trinkspiele an – natürlich auch online. „Stellt auch genug Bier bereit”, war die Ansage. Anders als bei echten Treffen, konnte man hierbei den ein oder anderen beobachten, wie er vor dem Bildschirm einnickte. Macht nichts – dann ist es halt ein Spieler weniger. Spaßig war der Abend trotzdem. Auch ohne alkoholische Getränke.

Und jetzt wird es richtig ernst. Die Vorlesungen beginnen – auf dem Bildschirm.

Elena Theile war Praktikantin in der Grevener Lokalredaktion und studiert jetzt Journalistik in Dortmund.

https://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/7666984?categorypath=%2F2%2F2669082%2F2670173%2F2686135%2F2686808%2F2686824%2F
Nachrichten-Ticker