Urteil
Zweijährige lebensgefährlich verletzt: Bewährungsstrafe für Flaschenwerfer

Kamen/Greven -

Ein Mann, der ein Kleinkind mit einem Flaschenwurf aus einem Zug schwer verletzt hatte, ist in Kamen zu einer zehnmonatigen Bewährungsstrafe verurteilt worden. Der Angeklagte hatte gestanden, unter Alkoholeinfluss eine Flasche aus einem Partyzug geworfen zu haben und zeigte Reue.

Dienstag, 24.11.2020, 17:27 Uhr aktualisiert: 24.11.2020, 21:17 Uhr
Im Bahnhof Greven stoppte die Polizei den Partyzug und fahndete nach dem Falschenwerfer.
Im Bahnhof Greven stoppte die Polizei den Partyzug und fahndete nach dem Falschenwerfer. Foto: Günter Benning

Mit einer Geschwindigkeit von 140 Stundenkilometern krachte die Whiskeyflasche im Kamener Bahnhof gegen eine Wand. Scherben trafen eine Zweijährige, verletzten sie lebensgefährlich. Nun stand der Werfer, Passagier eines durchfahrenden Partyzugs, vor Gericht. 

Mit seinen Kegelbrüdern war der Mann aus Moers am 1. November 2019 in dem Sonderzug unterwegs. Ein Wochenende auf Norderney stand an. Die Stimmung war bestens, Alkohol floss reichlich. Irgendwann hielt der 32-Jährige eine leere, massive Glasflasche in den Händen. Kurzerhand warf er sie aus dem Fenster. Mit fatalen Folgen: Teile des Geschosses trafen das kleine Mädchen auf dem Arm des Vaters.

Offenes Schädelhirntrauma und Not-OP

Beide wollten nur Züge gucken. Doch dann hörte der Kamener den ohrenbetäubenden Knall. Seine Tochter bewegte sich nicht mehr, ihre Augen hatte sie verdreht und das Blut floss – das Ergebnis eines offenen Schädelhirntraumas. Nun ging es plötzlich um Leben und Tod. Zeugen halfen, verständigten den Rettungsdienst.

Die nächsten Jahre wird sie noch die ein oder andere Untersuchung über sich ergehen lassen müssen

Der Vater des verletzten Mädchens

Über drei Stunden wurde das Kind operiert, befand sich zunächst auf der Intensiv- und später auf der normalen Kinderstation, die Mutter ständig an der Seite. Die Zweijährige erholte sich gut, aber Spätfolgen wie epileptische Anfälle können nicht ausgeschlossen werden. "Die nächsten Jahre wird sie noch die ein oder andere Untersuchung über sich ergehen lassen müssen“, wird es der Vater später formulieren.

Polizei stoppt Zug in Greven

Derweil fuhr der Partyzug weiter Richtungen Norden. Ein Halt in Greven und eine Durchsage sorgten dann bei den 580 Fahrgästen für schlagartige Ernüchterung. Sie wurden etwa sechs Stunden von Polizeibeamten befragt, die sich, wie Richter Christoph Hommel, betonte, in einem bemerkenswerten Kraftakt in kürzester Zeit am Bahnhof Greven einfanden, um Personalien aufzunehmen und erste Hinweise auf den Flaschenwerfer zu finden.

Den beschlich ein erstes, ungutes Gefühl, das auf der Rückfahrt zur Gewissheit wurde: Es war seine Flasche. Er stellte sich, gab aber zunächst an, die Flasche sei versehentlich rausgefallen. Am nächsten Tag korrigierte er seine Einlassung.

Der Angeklagte zeigte Bedauern

Sichtlich berührt äußerte sich der Angeklagte vor dem Amtsgericht Kamen und betonte, nicht gemerkt zu haben, dass sie sich in einem Bahnhof befanden. Er habe Büsche und Bäume gesehen. „Das tut mir wahnsinnig leid.“ So etwas passe auch gar nicht zu ihm, versicherte er, der sich seit 20 Jahren beim THW engagiert. „Ich weiß, dass es keine Entschuldigung gibt“ – dennoch bat er um Verzeihung.

Das tut mir wahnsinnig leid.

Der Angeklagte zeigte Reue

„Was da passiert ist, ist eine ganz schlimme Sache“, sagte Richter Christoph Hommel. Die schweren Verletzungen, mögliche Spätfolgen und der hohe Grad an Fahrlässigkeit mussten sich zu Ungunsten des Angeklagten auswirken. Das leere Strafregister, ein bereits gezahltes Schmerzensgeld seiner Versicherung, das Nachtatverhalten und eine alkoholische Enthemmung sprachen für den Mann aus Moers. Er wurde zu zehn Monaten Haft auf Bewährung und zur Zahlung von 3000 Euro Geldbuße zugunsten der Westfälischen Kinderdörfer verurteilt. Die Entscheidung des Gerichts wurde sofort rechtskräftig.

Nach der Verhandlung erfüllte sich dann die große Hoffnung des 32-Jährigen. Vor dem Gerichtsgebäude hatte er die Möglichkeit, sich mit den Eltern des kleinen Mädchens zu unterhalten, um sich noch einmal von Angesicht zu Angesicht für seine Tat zu entschuldigen.

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