Blick zurück in die Geschichte: Damals führte jeder Radler einen Ausweis bei sich
Wer hat schon einen Fahrrad-Pass?

Münster-Greven -

Führerschein, ja den muss man haben. Aber, liebe Radfahrer, was haltet Ihr von einem Bicyclepass?

Samstag, 06.02.2021, 18:00 Uhr
Vielleicht eine Anregung für heute: Vor 75 Jahren benötigte jeder Radfahrer in Greven solch einen Bicyclepass.
Vielleicht eine Anregung für heute: Vor 75 Jahren benötigte jeder Radfahrer in Greven solch einen Bicyclepass. Foto: Bez

Haben Sie eine Lizenz oder eine Prüfbescheinigung zum Radfahren, einen Fahrrad-Ausweis, eine Radfahrkarte oder einen BICYCLE-PASS? Nein? Das benötigen Sie heutzutage auch nicht.

Aber Sie wissen schon, dass man im angetrunkenem Zustand nicht mit dem Rad fahren darf und dass man auch nicht in falscher Richtung die Einbahnstraße oder auf der falschen Straßenseite den Radweg benutzen darf? Und Sie können schon ein E-Bike von einem Pedelec unterscheiden?

Vor 120 Jahren

Zu Ihrer Sicherheit: Ein E-Bike ist ein Fahrrad mit einem elektronischen Hilfsmotor, das nicht schneller als 20 Stundenkilometer fährt. Man benötigt dafür ein Versicherungskennzeichen am Rad. Um ein E-Bike zu fahren, muss man mindestens 15 Jahre alt sein und benötigt eine Mofa-Prüfbescheinigung, es sei denn, man ist vor dem 1. April 1965 geboren.

Fahren Sie ein Pedelec, fälschlich im Volksmund auch „E-Bike“ genannt, benötigen Sie das alles nicht, denn man wird lediglich beim Treten unterstützt. Anders ist es beim S-Pedelec, das bis zu 45 km/h erreichen kann. Dann benötigen Sie die Fahrerlaubnis Klasse AM.

Vor etwas mehr als 120 Jahren war das alles aber noch ganz anders. Erst seit den 1880er Jahren gibt es das Fahrrad so, wie wir es heute kennen: Kettenantrieb auf das Hinterrad, Luft im Gummireifen, gleich große Speichen-Räder vorne und hinten.

Amtsblatt Nr. 851 von 1900

Im Amtsblatt der Regierung zu Münster wurde im November 1900 in der voranstehenden Inhaltsangabe ein „Hinweis über den Verkehr mit Fahrrädern“ gegeben. Unter der Nummer 851 teilt der Regierungspräsident Alfred von Gescher mit, dass „die Polizeiverordnung über den Verkehr mit Fahrrädern auf öffentlichen Wegen, Straßen und Plätzen (. . .) als besondere Beilage beigefügt“ ist. Darin wird in 15 Paragrafen die Benutzung des Fahrrades im öffentlichen Straßenverkehr geregelt.

So ist dort genau festgelegt worden, wo Fahrräder fahren durften (Paragraf 3). „Übermäßig schnelles Fahren, Umkreisen von Fuhrwerken, Menschen und Thieren und ähnliche Handlungen, welche geeignet sind, Menschen oder Eigenthum zu gefährden, den Verkehr zu stören, Pferde und andere Thiere scheu zu machen“, waren verboten (§4). Es durfte auch nur mit mäßiger Geschwindigkeit gefahren werden und in „allen Fällen sowie beim Bergabfahren ist es verboten, beide Hände gleichzeitig von der Lenkstange oder die Füße von den Pedalen zu nehmen.“ (§ 5).

Hemmvorrichtung

Ausgerüstet werden musste das Fahrrad schon damals mit einer „sicher wirkenden Hemmvorrichtung“, also einer Bremse, und mit einer „helltönenden Glocke“, also Klingel (§ 7). Und bei Dunkelheit oder starkem Nebel musste am Fahrrad eine „hell brennende Laterne mit farblosen Gläsern, welche den Lichtschein nach vorn auf die Fahrbahn wirft“, befestigt sein (§ 6). Gegenüber anderen Verkehrsteilnehmern – also Reitern, Fuhrwerkführern und Viehtreibern – hatte man „durch deutlich hörbares Glockenzeichen rechtzeitig“ auf sich aufmerksam zu machen (§ 8). Auch zweckloses Klingeln, Hupen oder ständig tönende Glocken waren untersagt. Im Paragraf 13 wurde verfügt, dass alle Radfahrer, die in Preußen ihren Wohnsitz hatten, eine auf ihren Namen lautende und für das laufende Jahr gültige Radfahrkarte bei sich tragen mussten. Sie wurde durch die Ortspolizeibehörde ausgestellt.

Radfahrkarte

Von da an bis in die 1920er Jahre hinein musste man im Staat Preußen, also auch bei uns in Greven, bei Fahrten mit dem Rad eine „Radfahrkarte“ bei sich haben. Mit Datum vom 26. November 1900 forderte der Regierungspräsident auf, „durch eine entsprechende Bekanntmachung das Publikum auf die neue Verordnung hinzuweisen.“

Das galt auch für Greven. Aber für Greven ist bisher keine Radfahrkarte nachgewiesen worden.

In der Zeitungs-Serie „200 Jahre Fahrrad“ wurde auf eine in der Stadt Münster entsprechende Polizeiverordnung am 11. Juli 1908 hingewiesen. Darin wurde auch eine Radfahrkarte, ausgestellt am 9. Juni 1920, abgebildet.

Der Ausweis war etwa postkartengroß, hatte eine lila Farbe, und war in der Mitte gefaltet. Auf der Vorderseite stand „Radfahrkarte“. Verzeichnet waren dort Name und Adresse des Inhabers, die Polizei-Verwaltung als Aussteller, dazu das Ausstellungsdatum und ein Siegel.

Auf der Rückseite waren die örtlichen Straßen verzeichnet, die man mit dem Fahrrad nicht befahren durfte. In Münster waren das etwa zwanzig Straßen und Plätze. Außerdem war dort im Innern nachzulesen, wie das Fahrrad ausgerüstet sein musste und welche Vorschriften einzuhalten waren.

Der Fahrradpass

Dafür gab es in Greven ab 1945 etwas Anderes, auch etwas Besonderes: den „BICYCLEPASS“.

In den Jahren 1945 bis 1950 wurden das Wohngebiet Greven-Nord („Nordviertel“) im Dorf wenige Tage nach Kriegsende und die Blöcke A und B in Reckenfeld sechs Wochen später von den Alliierten für ein „Displaced Persons Assembly Center“ auf Anordnung seitens der Alliierten von der deutschen Bevölkerung geräumt. Ehemalige Zwangsarbeiter, die als Ersatz für deutsche Arbeitskräfte geholt worden waren, und Flüchtlinge aus den Baltischen Gebieten bezogen die geräumten Gebäude. Die Verwaltung dieser exterritorialen Lager erfolgte durch UNO-Behörden. Die Amtssprache war englisch, die Grevener Verwaltung musste Hilfestellung leisten.

Wer glaubhaft nachweisen konnte, dass er ein Rad etwa aus beruflichen Gründen benötigte, erhielt einen „BICYCLEPASS“ ( Fahrrad-Ausweis). Dieser war 10,5 mal 7,5 Zentimeter groß, hellbraun und nur auf einer Seite bedruckt. Überschrieben war er mit „D.P. AND PWA CAMP“ und enthielt außer dem Hinweis „BICYCLEPASS“ den Namen des Inhabers und seine Adresse, die Nummer des Fahrrads (CYCLE-NR) und den Ausstellungstag. Der Aussteller war „Der Amtsbürgermeister als Ortspolizeibehörde“.

Ob das Rad des Ausweisinhabers damit aber auch gegen Diebstahl gesichert war, ist nicht überliefert.

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