Mo., 30.04.2018

Die „Mofasas“ aus Horstmar-Leer Junge Männer und ihre selbstironische Liebe zum Mofa

Den Mofasas gehören aktuell 30 junge Männer an.

Den Mofasas gehören aktuell 30 junge Männer an. Foto: Michaela Töns

Kurz hinter dem Ortsschild geben die ­Motorradfahrer Gas. Mit röhrendem Auspuff nehmen sie Anlauf auf die kurvige Strecke durch die idyllische Bauerschaft und Kurs auf den Schöppinger Berg. Ein Dutzend Augenpaare verfolgen sie – regungslos. Um nicht zu sagen: unbeeindruckt.

Von Michaela Töns

Das eindrucksvolle Aufdrehen der Hochleistungsmaschinen und die schnittigen Outfits ihrer Fahrer rühren die Mofasas nicht. Sie kommen mit einem Bruchteil des Hubraums aus, über den die Motorräder verfügen. Die Leidenschaft für ihre motorisierten Räder ist aber mindestens genauso groß.

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Am Anfang kamen wir auf fünf Mofas, innerhalb von zwei Wochenwaren es 17. Sie waren halt gündtig und für jeden zu bekommen.

Henning Wickenbrock

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„Manchmal, wenn es besonders gutes Motorradwetter ist, holen wir auch das Sofa raus und schauen dem Schauspiel von dort aus zu“, sagt einer der Mofasas. Zuschauen, chillen, ins Weite gucken – und ab und zu den Blick lenken auf die Schmuckstücke, die sie teils selbst aufgearbeitet, teils überhaupt erst zusammengeschraubt haben.

Die Mofasas haben das Mofa wiederentdeckt. Und ihre Passion für die gemütliche Mobilität erst recht. Während die Motor­räder an ihrem Clubheim in Horstmar-Leer vorbeirauschen und die Pedelec-Dichte auf den Wirtschaftswegen ringsum frühlingsbedingt in die Höhe schnellt, beginnt auch für die jungen Männer zwischen 15 und Ende 30 die Saison. Und das heißt im April: Schrauben, fachsimpeln, ölen und Probe fahren.

Lederkutten und Selbstironie

Hinter der schweren Stahltür riecht es nach Schmierfett und einem Hauch von Abgasen. Ein Heißluftföhn dröhnt. An den Wänden hängen Biker-Devotionalien – vom Straßenschild über den Pin-up-Kalender bis hin zum historischen Mofa. Eine Reihe Metallspinde grenzt an eine Sofa-Landschaft in Gelsenkirchener Barock.

Hier haben sich die Mofasas vor anderthalb Jahren mit ihrem Clubheim niedergelassen. Ganz wie es sich für einen Biker-Club gehört, sagen sie. Und können das Augenzwinkern auch jetzt nicht ausschalten. Selbstironie in allem, was sie tun. Denn von den Ritualen harter Motorrad-Gangs sind die Mofasas so weit entfernt wie der Nürburgring von Horstmar-Leer. Allein schon, weil der Disney-Kinderfilm „Der König der Löwen“ mit Mufasa, dem Vater des Protagonisten, Pate stand für den Namen ihres Clubs und das gemeinsame Emblem, das auf den Kutten aus Jeans und Leder prangt.

Aber: Leder darf es schon sein, wenn es um die angemessene Kleiderwahl geht. Und Henning Wickenbrock (27), Vorsitzender der Runde und Hipsterbart-Träger, ist per Aufnäher auf der Weste als „President“ identifiziert. Da ist es wieder, dieses Augenzwinkern, dieses lässige Unterstatement.

Fotostrecke: Die "Mofasas" aus Horstmar-Leer

Mofas - die erste große Freiheit

Dabei eint die jungen Männer nicht allein, dass sie auf einem Trend-Zug unterwegs sind, der die Preise für Mofas in den vergangenen Jahren in die Höhe hat steigen lassen. Die allermeisten von ihnen entdeckten mit 15 Jahren und dem ersten Führerschein in der Tasche die große Freiheit auf der Landstraße: Endlich nicht mehr Fahrradfahren. Endlich flott unterwegs sein. Und das bevor alle Jugendlichen auf den Motorroller als erstes versicherungspflichtiges Fortbewegungsmittel flogen. „Jeder, der hier ist, hatte damals eine Mofa“, erklärt Henning Wickenbrock. Aufbewahrt hätten jedoch nur die allerwenigsten ihre Gefährte.

Ganz neue Formationen

Fast alle fahren Auto, manche gar berufsbedingt, aber ihr Herz hängt an den Kleinkrafträdern. Und genau diese Liebe entdeckten sie gemeinsam – und ganz klassisch in der Dorfkneipe an der Theke. Die fixe Idee: Die Stammtisch-Mitglieder kaufen sich jeweils eine Mofa und machen sie fit für die jährliche Stammtisch-Tour.

Aus dem Einfall wurde ein abendfüllendes Thema, viele andere Kneipengäste setzten sich dazu und schwärmten mit. Und aus den Planungen für die Tour, die in dieser Form nicht stattfinden sollte, wurde die Initialzündung für einen Club. Was die heute rund 30 Mofasas an sich selbst fasziniert: Auch wenn sie sich in dem kleinen Dorf alle zu kennen glaubten und in eigenen Cliquen formiert hatten – die Lust auf die flotten Flitzer führte zu einer ganz neuen Formation mit einer ganz besonderen Eigendynamik, die manchen von ihnen durchaus ein Jugendgefühl zurückgab. Andere fanden Entschleunigung vom Berufs- und Familienalltag.

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Mofa-Leute können ganz gut über sich selbst lachen.

Chris Wickenbrock

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Szene mit Eigenleben

Henning Wickenbrock: „Am Anfang kamen wir auf fünf Mofas, innerhalb von zwei Wochen waren es 17. Sie waren halt günstig und für jeden zu bekommen.“ Die Zweiräder machten die jungen Männer aber nicht nur kreativ: Sie entdeckten auch, dass die Szene der Mofa-Liebhaber ein Eigenleben hat – und alle ähnlich ticken. Ein Indiz dafür: Zweimal schon haben die Mofasas an der Benefiz-Tour „Momoto“ teilgenommen und einen goldenen Tank, mit dem Spenden für das Kinderhilfsprojekt „Die Arche“ gesammelt werden, über eine Teiletappe transportiert.

Stichwort: Entschleunigung

Witzige Aktionen – dafür, gestehen die Mofasas, sind sie durchaus bekannt: Mit den Mofas ins Schützenfestzelt, weil einer der Ihren König geworden ist? Klar machen sie das. Ein Auftritt beim Weihnachtskonzert in der Pfarrkirche in Lederkluft? Natürlich singen die Mofasas mit. „Wir machen jeden Quatsch im Dorf mit“, sagt Mofasa Marc Thiele (30).

„Mofa-Leute können ganz gut über sich selbst lachen“, ergänzt Chris Wickenbrock (26). Und sie genießen es, mit ihrer überschaubaren Maximalgeschwindigkeit auch andere zu entschleunigen. Wie in einem vergangenen Sommer, als sie bei einer Ausfahrt nach Münster die kollektive Geschwindigkeit im Ludgeri-Kreisverkehr durch ihre pure Anwesenheit drosselten. Und die Polizei? Die Beamten hätten sie mit einem milden Lächeln beobachtet...

Termine stehen fest

Bevor es in diesem Jahr an die großen Ausfahrten bei schönem Wetter geht – ganz klassisch zum Beispiel mit Besuch des Auswärtsspiels der ersten Mannschaft und Stopp an der Eisdiele, haben die Mofasas jedoch noch gut zu tun: Am 1. Mai veranstalten sie zusammen mit dem örtlichen Schützenverein ein Mofa-Rennen an Jannings Quelle in Horstmar-Leer.

Zum Thema

Der Renntag - Jannings Quelle am Fuß des Schöppinger Berges in Horstmar-Leer ist Kulisse für den ersten Renntag der Mofasas am 1. Mai (Dienstag), der in ein großes Familien-Unterhaltungsprogramm eingebettet ist: Ab 10 Uhr besteht für die Hobbyfahrer Gelegenheit zum freien Training auf dem eigens angelegten Rundkurs. Nach der einstündigen Qualifikation startet um 13.30 der Auftakt für die Rennen, bei denen die Fahrer jeweils 30 Runden absolvieren müssen. Der Sieger soll gegen 16.30 Uhr feststehen. www.leer-ostendorf.de

Wo in den vergangenen Jahren mehrfach Bobbycars den Schöppinger Berg herunterdüsten, präparieren die Mofasas und ihre Helfer einen Rundkurs, auf dem sie und andere Hobbyfahrer sich messen können. Das Reglement steht, der Zeitplan auch. Nur die vereinseigenen Rennflitzer – wie alle anderen Zweiräder Piaggios – brauchen noch viel Zuwendung für ihre inneren und äußeren Werte. Kein ­Pro­blem mit dem Mofasa-Augenzwinkern.



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