Sa., 23.06.2018

Eine Reise in die Vergangenheit Auf den Spuren der Vorfahren

Dr. Bradley Weiss am Grab seines Urgroßvaters. Fotos: Vossenberg

Dr. Bradley Weiss am Grab seines Urgroßvaters. Fotos: Vossenberg

Horstmar - 

Dr. Bradley Weiss besuchte jetzt mit seiner Frau Cetty Horstmar, die Heimatstadt seiner Mutter, Edith Eichenwald. Sie war die älteste Tochter von Grete und Ernst Eichenwald. Ihre vier Jahre jüngere Schwester Helga und sie lebten mit der Familie in einem Haus in der Stadtstiege, das Ernst Eichenwald 1923 gebaut hatte. Im Jahr 1938 musste Ernst Eichenwald die stolze Stadtvilla – samt kostbarem Mobiliar – für eine lächerliche Summe von 20 500 Reichsmark verkaufen. Über den Besuch und die Geschichte der Vorfahren berichtet Anna-Maria Vossenberg.

Dr. Bradley Weiss besuchte jetzt mit seiner Frau Cetty die Heimatstadt seiner Mutter, Edith Eichenwald. Diese war die älteste Tochter von Grete und Ernst Eichenwald. Ihre vier Jahre jüngere Schwester Helga und sie lebten mit der Familie in einem Haus in der Stadtstiege, das Ernst Eichenwald 1923 gebaut hatte. Im Jahr 1938 musste Ernst Eichenwald die stolze Stadtvilla – samt kostbarem Mobiliar – für eine lächerliche Summe von 20 500 Reichsmark verkaufen.

Den Bericht über den Besuch vor Ort und über das Schicksal der jüdischen Familie hat Anna-Maria Vossenberg verfasst: Auch während der Pogromnacht blieben die Bewohner des Wohnhauses und das Ladenlokal in der Königstraße nicht vom Nazi-Pöbel verschont. Das Geschäft wurde geplündert und dem Eigentümer danach jeder Zugang zu den Räumlichkeiten verwehrt. Aus dem Wohnhaus wurden Grete und ihre Kinder hinausgeworfen.

Ein Jugendlicher, der sich den Randalierern angeschlossen hatte, schubste die gehbehinderte Großmutter Selma Eichenwald die steinernen Treppen vor dem Hauseingang hinunter. Ernst Eichenwald war bereits am Morgen desselben Tages festgenommen und im Spritzenhaus der Stadt eingesperrt worden.

Im Juni 1950 gab Grete Eichenwald eine Eidesstattliche Erkläung ab, in der sie die Vorgänge der Pogromnacht wie folgt schilderte: „. . .Er tobte wie ein Wilder und schrie uns an Ihr verfluchten Juden, macht schnell, dass ihr hier rauskommt, ihr habt uns nun lange genug ausgeräubert und betrogen, nun macht aber schnell, dass ihr zum Teufel kommt, und lasst Euch nur hier nicht mehr blicken. Los, los, wenn ihr nicht sofort verschwindet hier, dann werden wir Euch Beine machen, dann könnt ihr noch was erleben . . .“

Ab dem 1. April 1939 lebten Eichenwalds in einem sogenannten „Judenhaus“ in der Hermannstraße in, Münster. Von dort aus forcierte Ernst – auf Drängen seiner Frau – die Flucht in die USA, die nach langem Warten und Bangen, im Jahr 1940 gelang. Dort baute sich die Familie ein neues Leben auf. Edith Eichenwald verstarb 1974 in den USA. Sie wurde nur 47 Jahre alt.

Vor 22 Jahren war Bradley Weiss zum ersten Mal in Horstmar. Schon damals besuchte er das Elternhaus seiner Mutter und nahm als Andenken einen Stein vom Grundstück in der Stadtstiege mit. Diesen ließ der Sohn in sein Haus, das zu dieser Zeit gebaut wurde, verarbeiten.

Für die jetzigen Eigentümer des ehemaligen Wohnhauses der Familie Eichenwald in der Stadtstiege war es eine Selbstverständlichkeit, die Eheleute Weiss in ihrem ehemaligen Domizil willkommen zu heißen. Bradley Weiss genoss den Gang durch die Räume und war berührt bei den Gedanken an seine Familie, die hier einmal aus- und eingegangen war.

Ein Spaziergang durch die Stadt, bei dem er sich die Gedenktafel an der Stadtverwaltung ansah und ein Innehalten in der Gossenstraße, am ehemaligen Standort der Synagoge, deren Vorsteher sein Großvater Ernst Eichenwald einmal war, schloss sich an. Der Besuch in Horstmar endete mit einem kurzen Gebet am Grab seines Ur-Großvaters, Levi Eichenwald, der seine letzte Ruhestätte auf dem jüdischen Friedhof in der Burgmannsstadt hat.



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