Ausgrabungsarbeiten
Fenster in die Geschichte

Horstmar -

Ein Kind verliert beim fröhlichen Spiel im Haus an der Münsterstraße 11 in Horstmar eine Murmel. Einem Hausbewohner oder Besucher fällt eine Münze aus der Tasche. Sie verschwindet zwischen den Bodenfliesen – wenig aufregende Begebenheiten des Alltags, die die Betroffenen wohl schnell vergessen haben. Doch fast 400 Jahre später tauchen Murmel und Münze wieder auf, gewähren kleine Einblicke in das Leben der Menschen des 17. Jahrhunderts. Aufgestoßen wird das Fenster zur Geschichte der Burgmannsstadt durch die archäologischen Ausgrabungen auf dem Gelände des ehemaligen Hotels Crins.

Freitag, 02.11.2018, 19:00 Uhr
Die Grabungstechniker müssen behutsam vorgehen und Schicht für Schicht abtragen.
Die Grabungstechniker müssen behutsam vorgehen und Schicht für Schicht abtragen.

„Die Fläche ist seit mindestens 1565 bebaut und darunter befindet sich noch das gesamte Mittelalter. Uns geht es darum, diese Vorgängerstrukturen wissenschaftlich zu erkunden und zu dokumentieren“, erläutert Wolfram Essling-Winzer vom Landschaftsverband Westfalen-Lippe, dessen Abteilung „Archäologie für Westfalen“ die Ausgrabung als Fachbehörde betreut.

Der wegen des schlechten Erhaltungszustandes notwendige Abriss des Baudenkmals sei bedauerlich. Er habe aber eine große Chance eröffnet. „Es gibt nicht oft die Möglichkeit, inmitten eines fast 1000-jährigen historischen Stadtkerns zu graben und Bodendenkmäler gründlich auszuwerten“, so Essling-Winzer.

Vor rund fünf Wochen hat die Fachfirma „Archbau GmbH“ aus Köln mit der Arbeit begonnen. „Wir müssen behutsam vorgehen und Schicht für Schicht abtragen“, erklärt Grabungsleiterin Heike Tausendfreund die Vorgehensweise. Ein Bagger könne nur sehr begrenzt eingesetzt werden, da die Gefahr von Zerstörungen zu groß sei.

Die Mittelalter-Archäologin und ihr sechs bis acht Köpfe zählendes Team aus Grabungstechnikern und -helfern erledigt das Meiste von Hand. Die Fläche wird abgestrichen und geputzt, so der Fachjargon. Eine zeit- und kräfteraubende Arbeit, denn gegraben wird auf dem gesamten Areal bis zu 1,20 Meter tief. „Der hier geplante Neubau geht bis in diese Tiefe. Da er etwaige Bodendenkmäler endgültig zerstören wird, wollen wir vorher alle vorhandenen Strukturen bis 1,20 Meter finden und dokumentieren“, schildert Heike Tausendfreund die Situation.

Bisher ist das Team etwa 60 Zentimeter in den Boden vorgedrungen. Dabei wurden schon sehr gut erhaltene Gebäudestrukturen freigelegt. „Es war schon mehr, als wir erwartet haben“, freut sich die Grabungsleiterin. Deutlich sichtbar sind mittlerweile die Grundmauern des Hotels. Der Ziegelboden des Kellers aus dem 19. Jahrhundert liegt offen, ebenso Teile des alten Hauspflasters. Zahlreiche Funde von Tierknochen deuten auf einen Küchenbereich hin.

Besonders interessant ist eine runde, mit Ziegeln eingefasste Struktur. „Das ist der historische Hausbrunnen“, erklärt Heike Tausendfreund. In dessen Nähe wurde auch die gut erhaltene Münze mit der Jahreszahl 1644, der Zeit des Dreißigjährigen Krieges, gefunden.

Die ältesten bisher ausgegrabenen Baureste sind noch gut 100 Jahre älter, werden von den Experten auf zirka 1550 datiert. „Damals stand hier wohl eine Art Stallscheune“, vermutet Tausendfreund. Die älteren Mauern sind aus Sandstein, die neueren aus Ziegeln.

Im Laufe der Jahrhunderte wandelte sich die Bebauung des Geländes, ein Umbau des gesamten Komplexes erfolgte um 1800. Wann das Haus Münsterstraße 11 zur Gaststätte wurde, ist nicht zu klären.

Aus dem Leben der früheren Bewohner wurden zahlreiche „Überbleibsel“ entdeckt, in Form von Keramik- und Glasteilen. Gut erhalten ist ein Flaschensiegel aus dem 18. Jahrhundert: „5/8 Quart, Glasbläserei Schellenberg aus Essen“. Mit solchen Siegeln wurde der Flascheninhalt genormt, ein Quart war ein knapper Liter.

„Alle Funde werden in der Werkstatt von Archbau in Köln gereinigt und dann dem LWL übergeben. Dort erfolgt die wissenschaftliche Nachbearbeitung und Auswertung“, erklärt Tausendfreund. Die Gebäudestrukturen werden akribisch in handgefertigten Zeichnungen festgehalten oder im modernen Verfahren der Fotogrammetrie. Dabei wird das Gelände mit farbigen Nägeln markiert, fotografiert und ein Bild in 3D entwickelt.

Die Ausgrabung im historischen Stadtkern stößt auch bei den Bürgern auf großes Interesse. Die Archäologen freuen sich über zahlreiche „Zaungäste“, die ihre Arbeit verfolgen. Auch Bürgermeister Robert Wenking und Ordnungsamtsleiter Heinz Lölfing informierten sich vor Ort. „Es ist interessant, neue Erkenntnisse über unsere Stadtgeschichte zu gewinnen“, betonte Wenking. Er hoffe aber auf einen zügigen Fortgang der Arbeiten: „Der Grundstückseigner und die Caritas möchten verständlicherweise schnell mit dem Neubau beginnen.“

An der Münsterstraße 11 soll ein Haus zur Tagesbetreuung von Senioren entstehen. Nach Schätzung von Heike Tausendfreund nimmt die Grabung weitere acht Wochen in Anspruch. Welche historischen Geheimnisse die Erde noch preisgibt, ist nicht absehbar.

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