Anna-Maria Vossenberg hat die Geschichte eines Grabsteins recherchiert
Blick in die Vergangenheit

Horstmar -

Anna-Maria Vossenberg, die im Jahr 2006 die „Initiative Stolpersteine“ in der Burgmannsstadt mitbegründet hat, informiert über die Geschichte eines Grabsteins, der früher auf dem Grab eines Mannes gestanden hat, der in der Nazi-Zeit Ortsgruppenleiter der Stadt Horstmar gewesen ist. Der Grabstein, der aufgearbeitet worden ist, steht nun an prominenter Stelle des Friedhofs an der Hagenstiege.

Montag, 13.07.2020, 22:42 Uhr aktualisiert: 15.07.2020, 16:04 Uhr
Nach seiner Aufarbeitung steht der Grabstein an prominenter Stelle.
Nach seiner Aufarbeitung steht der Grabstein an prominenter Stelle.

„Schönheit liegt im Auge des Betrachter“, das sagte schon vor über 2000 Jahren ein äußerst kluger Mann. Viele Besucherinnen und Besucher des städtischen Friedhofs an der Hagenstiege haben den seit einigen Wochen im Eingangsbereich (von der Schützenstiege aus) und in unmittelbarer Nähe der Friedhofskapelle platzierten Stein vielleicht wohlwollend betrachtet und ihm eine gewisse „Schönheit“ attestiert.

„Schönheit wird gewiss auch ein Grund für die Entscheidungsträger gewesen sein, den Stein aufwendig zu renovieren, den eingemeißelten Namen unterhalb des Motivs unkenntlich zu machen beziehungsweise herauszuschlagen und ihn an dieser Stelle zu präsentieren“, vermutet Anna-Maria Vossenberg. Die Mitbegründerin der „Initiative Stolpersteine“ glaubt, dass nur sehr wenige die Geschichte dieses ehemaligen Grabsteins, der nach der Auflösung der Grabstätte, auf der er bisher stand, an so prominenter Stelle zu neuen Ehren kommt, wissen. Ihren Recherchen zufolge stand der Stein einige Jahrzehnte auf dem Grab des Mannes, der in der Nazi-Zeit Ortsgruppenleiter der Stadt Horstmar war.

„In der Pogromnacht, in der auch die Horstmarer Synagoge zerstört, in der die Häuser der jüdischen Familien gestürmt, demoliert und geplündert wurden, war der Ortsgruppenleiter der Mann der Stunde“, schreibt Anna-Maria Vossenberg in einem Pressetext. Nachdem der NSDAP-Kreisleiter den Befehl gegeben hatte, die Synagoge niederzubrennen und die Fensterscheiben an den jüdischen Wohnhäusern einzuschlagen, nahm er das Zepter in die Hand; organisierte die Festnahme der männlichen Juden und ihre Einkerkerung in das sogenannte „Spritzenhaus“ am Fuß des Darfelder Hügels. Als er mit einigen getreuen Parteigenossen das Haus der Eheleute Eichenwald in der Königstraße stürmte und Grete Eichenwald mit ihren weinenden Kindern auf der Straße stand und verzweifelt fragte, wohin sie jetzt gehen solle, antwortete er: „Raus aus den Häusern, raus aus Horstmar, ab mit euch nach Palästina! Verdammtes Judenpack!“ Diese Informationen hat Vossenberg aus den Unterlagen des Staatsarchivs Münster.

Grete Eichenwald, die 1986 im Alter von 84 Jahren in Chile verstorben ist, war nicht die einzige Jüdin aus Horstmar, die die Grauen der Nazizeit überlebte. Sie war aber die einzige, die für kurze Zeit nach Horstmar zurückkam. Die Frau zeigte unter anderem auch den ehemaligen Ortsgruppenleiter an und hinterlegte bei der Polizei eine eidliche Aussage zu den Geschehnissen während der Pogromnacht. Im März 1948 wurde aufgrund ihrer Anzeige in einem Strafverfahren „Verbrechen gegen die Menschlichkeit“ das Urteil gesprochen: Neun Monate Gefängnis für den ehemaligen Ortsgruppenleiter Horstmars.

„Schönheit definiert sich mit diesem Wissen anders“, meint Anna-Maria Vossenberg abschließend.

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