Anna-Maria Vossenberg hat ein Buch über das Schicksal jüdischer Familien in Horstmar geschrieben
Gegen das Vergessen

Horstmar -

Dem Schicksal der jüdischen Familien in Horstmar hat Anna-Maria Vossenberg ihr Buch gewidmet, das ab Montag in den örtlichen Banken, bei Wüller und bei der Autorin erhältlich ist. Ihr Werk beruht auf einer zwölfjährigen Recherche, die oft mühsam und sehr bewegend war. Die Mitbegründerin der örtlichen Initiative Stolpersteine ist nach wie vor an Fotos und Informationen zum Thema „Jüdische Familien in Horstmar“ interessiert.

Freitag, 06.11.2020, 17:34 Uhr
Zwölf Jahre lang hat Anna-Maria Vossenberg über das Schicksal der jüdischen Familien in Horstmar recherchiert
Zwölf Jahre lang hat Anna-Maria Vossenberg über das Schicksal der jüdischen Familien in Horstmar recherchiert Foto: abi

Für Anna-Maria Vossenberg wird es nie vorbei sein. Auch dann nicht, wenn die letzten Zeitzeugen gestorben sind, die Nachfahren sich nicht mehr an sie erinnern und viele Menschen das dunkelste Kapitel der deutschen Vergangenheit am liebsten verdrängen würden, für die gebürtige Burgmannstädterin darf es kein Vergessen geben. Und weil das so ist, hat die Mitbegründerin der örtlichen Initiative Stolpersteine ein Buch über das Schicksal jüdischer Familien in Horstmar geschrieben. Dieses erscheint bewusst passend zur Reichspogromnacht, die sich am Montag (9. November) zum 82. Mal jährt.

In der Nacht zum 9. auf den 10. November brannten in Deutschland die Synagogen. Bereits am 8. November stürmten die enthemmten Nazi-Horden die Synagoge in der Gossenstraße in Horstmar. Diese fiel nicht dem Feuer zum Opfer, da man bei der engen Altstadtbebauung ein Übergreifen der Flammen auf die benachbarten Wohnhäuser befürchtete, sondern wurde auf andere Weise geschändet und zerstört. So wurden Dachziegel auf die Straße geworfen und das Inventar des Tempels zerschlagen oder gestohlen. Das schreckliche Geschehen gilt als Auftakt zur systematischen Vernichtung der jüdischen Bevölkerung durch die Nationalsozialisten. Ein Verbrechen, das schier unermessliches Leid über die jüdische Bevölkerung gebracht und sechs Millionen Menschen das Leben gekostet hat.

Betroffen davon waren auch die Löwensteins, Eichenwalds, Steinwegs, Cohens oder Nathans. Familien, die seinerzeit in Horstmar gelebt haben und deren Namen der Autorin schon als Kind durch die Erzählungen ihrer Eltern bekannt waren. Warum die Nachkommen dieser Juden nicht mehr in der Burgmannstadt lebten, wusste sie als kleines Mädchen nur ansatzweise.

„Eine erste ‚Geschichtsstunde‘, die für mich ein wenig Licht in das Dunkel brachte, erhielt ich im Alter von etwa elf Jahren“, berichtet die Rentnerin im Gespräch mit dieser Zeitung. Sie sei in der sechsten Klasse der St. Gertudis-Volksschule gewesen, als ihre damalige Lehrerin über das Datum 20. April stolperte. Dieser Geburtstermin ihrer Mitschülerin Inge, habe Frau (Hildegard) Heitmeyer entsetzt erblassen lassen. Schließlich weckte der „Geburtstag des Führers“ böse Erinnerungen an Adolf Hitler. Das veranlasste die Pädagogin dazu, eine Geschichtsstunde über die Anfänge des Nationalsozialismus, den Krieg und seine Folgen sowie das grausame Schicksal der jüdischen Bevölkerung zu geben. Dabei habe sie ihren jungen Zuhörern kindgerecht das Judentum ein wenig näher gebracht.

„Ihre Erzählungen hinterließen einen bleibenden Eindruck bei mir“, erinnert sich Anna-Maria Vossenberg, dass sie damals mehr über das Schicksal der Menschen wissen wollte, die bei Nacht und Nebel aus ihren Häusern vertrieben worden waren und über deren Verbleib niemand etwas wusste oder wissen wollte, über die auch niemand mehr sprach. Sie schienen vergessen zu sein.

Ein Schicksal, das die Autorin schon als Jugendliche nicht begreifen und als erwachsene Frau auch nicht mehr akzeptieren wollte. So empfand sie es als eine Verpflichtung und eine Ehrerbietung den ehemaligen Mitbewohnerinnen und Mitbewohnern gegenüber, ihr Leben, Leiden und Sterben zu hinterfragen und aufzuschreiben.

Bereits als Berufstätige hat Vossenberg mit ihrer ehrenamtlichen Arbeit begonnen und in den vergangenen zwölf Jahren versucht, Überlebende und Nachfahren der jüdischen Familien aus Horstmar ausfindig zu machen. Inspiriert wurde sie dabei auch durch die Aktion Stolpersteine. In deren Rahmen wurden vor den ehemaligen Wohnhäusern jüdischer Familien diese Gedenkzeichen verlegt, um an die Entrechtung, Vertreibung und Ermordung der ehemaligen jüdischen Kinder, Frauen und Männer Horstmars zu erinnern.

Gemeinsam mit Engelbert Glock, der damals noch bei der Stadt Horstmar angestellt und unter anderem für das Archiv zuständig war, hat die Autorin Akten gewälzt. Doch die reinen Fakten wie Geburts-, Hochzeits-, Tauf- und Sterbedaten haben ihr bei den Recherchen nicht gereicht. Vielmehr wollte die Verfasserin mehr über das persönliche Schicksal der Juden wissen. Es war ein langer Weg durch verschiedenste Institute und deren Archive, bis es zu einer Kontaktaufnahme mit Überlebenden und deren Nachfahren kommen konnte.

In allen Fällen gingen zig Briefe, E-Mails und Telefonate zwischen den USA, Frankreich, Belgien, Israel, Chile und Argentinien hin und her. Denn dort sind die Überlebenden und Nachfahren der Familien Eichenwald, Löwenstein, Nathan, Cohen, Steinweg und Rose gelandet. Es habe einige Zeit gedauert, bis aus dem anfänglichen Misstrauen Vertrauen geworden sei und die Betroffenen bereit gewesen seien, von ihrem Schicksal zu berichten, schildert die Verfasserin, die allen Menschen dankbar ist, die ihre Arbeit unterstützt haben, die gemachten Erfahrungen.

Größten Respekt äußert sie gegenüber den Opfern und ihren Nachkommen, die Dokumente sowie Fotos zur Verfügung gestellt und ihre Fragen beantwortet haben. Nur dieser Bereitschaft sei es zu verdanken, dass das Buch unter dem Titel „Solltet Ihr mal längere Zeit nichts von uns hören, so beunruhigt Euch nicht“ – dabei handelt es sich um eine Textpassage aus dem Abschiedsbrief von Otto Eichenwald, den er am 16. November 1941 an seinen Bruder Ernst Eichenwald/USA geschrieben hat, verwirklicht werden konnte. Das Werk ist den jüdischen Kindern Horstmars gewidmet, die – soweit vorhanden – mit einem Foto abgelichtet sind. Die Autorin, von der zahlreiche Berichte in den vergangenen Jahren auch als Artikel in dieser Zeitung veröffentlicht worden sind, bekennt abschließend, dass die vielen Kontakte und persönlichen Begegnungen ihr Leben sehr verändert und bereichert haben. Aus vielen Kontakten seien freundschaftliche Beziehungen geworden, die bis heute anhielten und auf die sie nicht mehr verzichten wollte.

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