Mi., 11.04.2018

NRW-Regierung diskutiert Verbot für junge Mädchen – in Steinfurts Schulen ist das kein Thema Das Kopftuch stört keinen

In Steinfurt gehören Schülerinnen, die ein Kopftuch tragen, zum ganz normalen Alltag – und sorgen weder bei Lehrern noch bei ihren Mitschülern für Aufregung. Deshalb halten alle befragten Schulleiter die Diskussion um ein Verbot für überflüssig.

In Steinfurt gehören Schülerinnen, die ein Kopftuch tragen, zum ganz normalen Alltag – und sorgen weder bei Lehrern noch bei ihren Mitschülern für Aufregung. Deshalb halten alle befragten Schulleiter die Diskussion um ein Verbot für überflüssig. Foto: dpa

Steinfurt - 

Seit dem Wochenende wird in der NRW-Landesregierung heiß darüber diskutiert, ob ein Kopftuchverbot für Mädchen unter 14 Jahren eingeführt werden soll. Integrationsminister Joachim Stamp (FDP) meint, dass Kinder nicht dazu gedrängt werden dürften, das Tuch aus religiösen Gründen zu tragen.

Von Bernd Schäfer

Christine Lüders, die Leiterin der Antidiskriminierungsstelle des Bundes, warnt dagegen: „Ein Kopftuchverbot an Schulen würde in letzter Konsequenz auch das Verbot für das Tragen anderer religiöser Symbole wie eines Kruzifix oder einer Kippa zur Folge haben.”

Wie sieht es an Steinfurter Schulen aus – sind Kopftuch tragende Schülerinnen ein Thema oder wird da unnötigerweise ein Fass aufgemacht?

„Die Frage wird bei uns gar nicht diskutiert, das ist überhaupt kein Thema“, sagt Gerd Clancett, Leiter der Schule am Bagno. Es gebe zwar einzelne Mädchen, die mit dem Kopftuch zur Schule kämen, aber bei den unter 14-Jährigen seien das nur ein oder zwei.

„Wir sind so multikulturell aufgestellt, dass das noch niemanden gestört hat“, freut Clancett sich, dass seine Schule ein „tolerantes und offenes Haus“ sei. Deshalb hält er nichts von einem Verbot: „Wir sind so zufrieden, wie es im Moment ist.“ Und schiebt nach: „Da gibt es viel wichtigere Themen.“

Auch an der Burgsteinfurter Realschule seien Kopftücher noch nie ein Thema gewesen, sagt Schulleiter Hans-Dieter Jürgens. „Ziel bei uns ist es, Menschen zur Freiheit und zur Toleranz zu erziehen.“ Sowieso gebe es an der Realschule nur wenige Schülerinnen, die ein Kopftuch trügen. „Das ist an einer Hand abzuzählen.“ Ein Verbot würde auch seiner eigenen Philosophie widersprechen: „Ich bin ein Mensch, dem Religionsfreiheit wichtig ist. Ich würde ja auch keinem Schüler verbieten wollen, ein Kreuz zu tragen.“

Die Borghorster Heinrich-Neuy-Schule wird von jungen Musliminnen besucht, von denen trage aber keine ein Kopftuch. Ein generelles Verbot würde Marion Vries dennoch ablehnen. „Ich bin für einen freiheitlichen Umgang miteinander“, sagt die kommissarische Leiterin der Grundschule. Und ein Verbot könne zu Konflikten innerhalb von Familien und der Gesellschaft führen.

Ähnlich sieht es an der Regenbogenschule aus: „Wir haben natürlich muslimische Schülerinnen bei uns“, sagt die Leiterin Annegret Middel-Peters. Aber von denen müsse keine ein Kopftuch tragen.

An der Borghorster Realschule gebe es etwa eine Handvoll Schülerinnen, die den Kopf mit einem Tuch verhüllen, schätzt Schulleiter Michael Groll. „Zwischen unseren Schülern ist alles Mögliche ein Thema – aber ganz bestimmt nicht das Kopftuch“, findet Groll, dass die Diskussion darüber eine künstliche ist. Eher sei es umgekehrt: „Manchmal müssen wir im Kollegium darüber diskutieren, wie wir mit Mädchen umgehen, die bei schönem Wetter zu freizügig in die Schule kommen, oder halbvermummte Jungs, die sich wie in einem Videospiel kleiden.“ Wenn das Gesetz tatsächlich kommt, „dann müssten wir etwas umsetzen, was wir gar nicht als Problem empfinden“.

Ein wirkliches Problem sieht Günther Gromotka in den Kopftüchern auch nicht – allerdings sei er in der Frage auch „sehr zwiegespalten“: Das Kopftuch sei weniger ein religiöses Zeichen als eins des Verhältnisses zu Frauen. Er sehe viele Frauen, die das Tuch tragen müssten – ohne sich aus eigenem Willen dazu entschieden zu haben, sagt der Integrationsbeauftragte der Stadt Steinfurt, der die Türkei aus vielen Besuchen in den vergangenen fast 50 Jahren gut kennt. Und sicher ist: „Vom Kopftuch ist im Koran nirgendwo die Rede.“

Als ehemaliger Lehrer findet er die Nachteile, die das Kopftuch beim Sport- oder Schwimmunterricht verursacht, bedenklich – da sie eben nur die jungen Mädchen betreffen. Und könne insofern die Motivation der Landesregierung, über ein Verbot nachzudenken, gut nachvollziehen. „Ein Kind sollte sich frei entwickeln können. Wieso sollen denn nur die Mädchen ihre Religiosität zeigen? Für Jungen gibt es solche Vorschriften nicht.“



http://event.yoochoose.net/news/705/consume/10/2/5654144?categorypath=%2F2%2F2669082%2F2670173%2F2686135%2F2686808%2F2686834%2F