Di., 31.07.2018

Laerer Sommerserie Gaststube war eine Männerdomäne

Hildegard Voß-Segbert und Kurt Veltrup sind um den Erhalt der jungen Laerer Geschichte bemüht. Dabei haben die ehemalige Bürgermeisterin von Laer und der Wirt schon manche Diskussion geführt.

Hildegard Voß-Segbert und Kurt Veltrup sind um den Erhalt der jungen Laerer Geschichte bemüht. Dabei haben die ehemalige Bürgermeisterin von Laer und der Wirt schon manche Diskussion geführt. Foto: Weide

Laer - 

Nicht immer war „Haus Veltrup“ ein Viersparten-Gasthaus und nicht immer war es verpachtet. So stand Wirt Kurt Veltrup Senior jahrelang selbst hinter der Theke und seine Frau Maria in der Küche, um die Gäste zu versorgen. Hotel, Restaurant, Saalbetrieb, Bundeskegelbahn forderten ihren Tribut von den Veltrups, deren Arbeitstage stets lang waren und die keine freien Wochenenden kannten.

Von Angelika Weide

Hotel, Restaurant, Saalbetrieb, Bundeskegelbahn – ein Viersparten-Gasthaus im Herzen von Laer. Das war nicht immer so. Bis Mitte der 1960er Jahre hinein war eine Kohlehandlung die zweite stabile Einkommensquelle. Kurt Veltrup besinnt sich: „Jedes Gasthaus hatte ein weiteres Standbein, entweder war es die Landwirtschaft oder man betrieb Handel mit Lebensmitteln, Textilien oder Haushaltszubehör“.

„Und warum war das so?“, wird sich der Leser fragen. „Die Kultur des Ausgehens, wie wir sie heute kennen, gab es so nicht“, erklärt der siebenfache Vater. Zwar konnte Laer zu Hochzeiten 19 Kneipen vorweisen, aber mit einer vollkommen anderen Wirtshausphilosophie.

So bot das Ewaldidorf viele Arbeitsplätze und war nach außen hin autark. Nur wenige pendelten in die Umgegend und so kam der Arbeitnehmer direkt nach Feierabend auf einen Schwatz bei Schnaps oder am Sonntag nach dem Kirchgang in die Kneipe.

Nur die Handwerksmeister behielten sich ein besonderes Stündchen vor und zwar werktags von 11 bis 12 Uhr. Für dieses gesellschaftliche Zusammenspiel reichte ein Schankraum völlig aus, hatte aber eine hohe soziale Komponente. „Keinesfalls stand der Genuss von Alkohol im Vordergrund, eher das Beisammensein mit Kollege, Nachbar, Schwager“, erinnert sich der Wirt. Man nutzte das Stündchen, denn viel länger war es nicht, für Austausch, Gespräch und Politik. „Meinungsbildung fand an der Theke oder beim Kartenspiel statt“, so der Gastronom weiter „und es wurde heftig debattiert“.

Zu dieser Zeit war die Gaststube eine reine Männerdomäne. Frauen tauchten nur zu Gesellschafts- und Familienfeiern auf oder gehörten zum Serviceteam. Am Zapfhahn stand der Hausherr selbst und musste neben dem Gesamtmanagement seines Hauses auch politisch immer up to date sein.

Ein Wirt sollte sowohl reden als auch schweigen können. . .  und Antworten wissen, auf erste Anzeichen, die den Strukturwandel erkennen ließen. Diese Haltung hat Kurt Veltrup immer noch und verfolgt täglich aktuelle Ereignisse aus Politik und Gesellschaft; Ende der 1960er aber besonders intensiv.

Drei aufkeimende Phänomene suchten gastronomisch eine Lösung, es waren die zunehmende Freizeit, die Emanzipation und der Breitensport. Der Wirt antwortete mit einem genialen Schachzug. Er baute turniertaugliche Kegelbahnen, und davon gleich vier.

„Die ersten Damenclubs gründeten sich und dienten als Vehikel für Frauen, das Haus zu betreten.“ Eine Dame ging nicht in die Kneipe, sie ging kegeln, erwartete allerdings einen vollkommen anderen Service. „Die Kegelschwestern zogen es vor zu speisen, darauf mussten wir reagieren, so entstand unsere erste Speisekarte.“

Jetzt stand Ehefrau und passionierte Köchin Maria Veltrup vor einer besonderen Herausforderung. „Wir waren quasi unsere eigenen Lieferanten. Schweine, Hühner, der eigene Garten, zu Anfang verarbeiteten wir hauptsächlich nur das, was der natürliche Kreislauf hergab.“ Die Kegelschwester, selbst oft gestandene Hausfrau und vielfache Mutter erwartete indes eine kulinarische Entdeckung.

Trotz alledem, die Veltrups hielten mit und den Entwicklungen stand. Die Tage waren zwar lang, die Nächte kurz, ein Wochenende gab es nicht, dafür aber Urkunden zur guten Küche, eine Auszeichnung für den schönsten Blumenschmuck am Haus, Meisterschaftstitel im Kegelsport, und den Ruf als Gasthaus mit einer Willkommenskultur, in dem Verein und Gast noch Könige sind. Nur einmal waren sie es nicht. Das hat mit einem Volltreffer zu tun. Schützenbruder Kurt selbst legte das Gewehr an und holte den hölzernen Vogel von der Stange. Ein Volltreffer und Höhepunkt seiner Wirtskarriere. . . und eine Hommage an das „Lebendige Laer“ mit einer von ihm immer aktiv unterstützten fröhlichen Feierkultur.



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