Lesung von Joe Bausch
Das Gefängnis riecht nach Bohnerwachs

Laer -

Wie viele Menschen sind im Film für die Unterhaltung gestorben? Welchen Alltag leben Kriminelle? Und wie riecht es in der JVA Werl? Joe Bausch kennt die Antworten. Der Gefängnisarzt und Schauspieler war für eine Lesung zu Gast in Laer.

Sonntag, 30.09.2018, 14:44 Uhr aktualisiert: 05.10.2018, 15:44 Uhr
Er ist Gefängnisarzt in der JVA Werl, als Schauspieler im Kölner „Tatort“ zu sehen und nun als Buchautor für eine Lesung in Laer zu Gast gewesen: Joe Bausch.
Er ist Gefängnisarzt in der JVA Werl, als Schauspieler im Kölner „Tatort“ zu sehen und nun als Buchautor für eine Lesung in Laer zu Gast gewesen: Joe Bausch. Foto: Annegret Rose

Wer sich wundert, dass ein Thema wie das Gefängnis dem Waldschlößchen ein ausverkauftes Haus beschert, der hat noch nichts von Joe Bausch gehört. Der leitende Medizinaldirektor in der JVA Werl heißt mit bürgerlichem Namen Hermann Joseph Bausch-Hölterhoff, stammt von einem Bauernhof aus dem Westerwald und hat das Buch „Knast“ verfasst.

Einem Millionenpublikum ist er als Dr. Joseph Roth bekannt. Als knorriger, wortkarger Rechtsmediziner kommentiert er im Kölner „Tatort“ den Zustand der Leichen. Sein Gesicht mit dem kahlen Schädel ist unverwechselbar. Wenn Bausch nicht als Schauspieler vor der Kamera steht oder als Gefängnisarzt arbeitet, bereist er die Republik, um Lesungen zu veranstalten.

Jetzt machte er in Laer Station. Locker und humorvoll eröffnet er stehend die Lesung. Bausch redet meistens frei, das ist für die Zuhörer spannend. Sie schauen ihm ins Gesicht. Er holt sie ab. „Menschen, die zu Lesungen gehen, sind alle nett“, meint er artig und schaut in die Runde. Währenddessen berichtet er, dass er in den vergangenen 15 Jahren in viele Talkshows eingeladen wurde. Dort habe er erlebt, wie schwer es sei, das Richtige zum richtigen Zeitpunkt zu sagen: „Ich kann alles, außer kurz.“

Er will zu seinem Thema „Knast“ kommen, doch er nimmt noch rasch die Kurve über den eigenen Lebenslauf, bis er in der JVA Werl angekommen ist. Erwähnt den Jugendtraum, als „Flying Doctor“, also fliegender Arzt, die Menschen im australischen Outback zu versorgen. Oder katholischer Priester zu werden, das hätten ihm seine Eltern zugetraut.

Bausch ist zwar Mediziner geworden, statt in Australien arbeitet er aber in Werl. In einem Gefängnis, in dem 200 Mörder, davon 150 in Sicherungsverwahrung, ihre Haftstrafe absitzen. In der Justizvollzugsanstalt sind Menschen aus 52 Nationen inhaftiert. Viele Gefangene seien psychisch auffällig. Sie brauchen Hilfe. Konflikte seien vorprogrammiert. In Werl, da sitze das „High End, die Crème de la Crème“, sagt Bausch. Er sei immer verblüfft, wenn ein Fernsehteam zu Besuch im Knast sei und nach den „Netten“ fragen würde.

Im Film seien gerade wieder 14 800 Menschen für die Unterhaltung gestorben. Manchmal frage er sich, ob die Wahrnehmung der Fernsehzuschauer nur noch von der Fiktion geleitet würde und nicht von der Realität. Bausch versteht es sehr gut, die Realität des Gefängnisses zu schildern. Auch Kriminelle leben einen Alltag. Geprägt sei dieser durch das Auf- und Abschließen von Türen. Dieses Geräusch sei immer gegenwärtig, ebenso wie der Geruch. In Werl eben Bohnerwachs, Eintopf und Männerschweiß.

Die Zuhörer in Laer erlebten einen sympathischen Künstler, der mit Esprit erzählen kann. Durch seine beiden Berufe als Arzt und Schauspieler verfügt er über große Kenntnisse der menschlichen Schwächen. Doch das hat ihn nicht zum Zyniker gemacht. Man spürt ihm Empathie und Ernsthaftigkeit an, wenn er von Menschen im Ausnahmezustand erzählt, die sich ihm anvertrauen. Und das Wichtigste: Er wirkt immer noch neugierig auf andere Menschen.

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