Ein Rückblick in die frühere Laerer Arbeitswelt
Heimarbeit gab es schon immer

lAER -

Telearbeit oder Homeoffice sind in Zeiten der Corona-Krise häufig kursierender Begriffe und werden für viele Berufssparten aus aktuellem Anlass diskutiert. Im Jahr 1828 wird erstmalig eine ähnliche Arbeitsform für Laer statistisch festgehalten. Dabei handelte es sich um die Heimarbeit am Webstuhl.

Sonntag, 19.04.2020, 15:48 Uhr aktualisiert: 20.04.2020, 15:48 Uhr
Das Foto zeigt Weber Adolf Dilling (l.) in Bauers Fabrik.
Das Foto zeigt Weber Adolf Dilling (l.) in Bauers Fabrik. Foto: Picasa

Telearbeit oder Homeoffice sind in Zeiten der Corona-Krise häufig kursierender Begriffe und werden für viele Berufssparten aus aktuellem Anlass diskutiert. Im Jahr 1828 wird erstmalig eine ähnliche Arbeitsform für Laer statistisch festgehalten. Dabei handelte es sich um die Heimarbeit am Webstuhl. Einschließlich der Bauerschaften hatte das Ewaldidorf zu dieser Zeit gewerbsweise 23 Weber auf 28 Webstühlen und als Nebenbeschäftigung 115 Weber auf 135 Webstühlen. Nur zum Vergleich: Laer hatte zu dieser Zeit 313 Wohnhäuser und 361 Familien. Heimarbeit war also üblich, und hauptsächlich eine Beschäftigung in den Wintermonaten, wenn die Feld-und Erntearbeit beendet war.

Sie hat ihre Wurzeln wahrscheinlich schon deutlich vor 1828, nur ist eine erste schriftliche Quelle eine statistische Erhebung des damaligen Bürgermeisters Bernhard Bauer auf. Laer muss für diese Art des Gewerbes gute Voraussetzungen gehabt haben, denn die Ausbreitung der Leinenweberei auf der Grundlage des Flachsanbaus wurde durch das feuchte Klima begünstigt und die gute Verkehrslage zum Nachbar Holland, der großen Bedarf an das Hinterland signalisierte, tat sein übriges.

Zudem konnte Laer ortseigene Bleichereien in der Nähe des Ewaldibaches vorweisen, also zwei Arbeitsschritte im gleichen Ort. Der heutige Straßenname verweist bis heute auf die damalige Produktionsstätte. Das Produkt war somit nahezu fertig, logistisch ging es danach über das Verlagssystem zum Verbraucher.

Im Jahr 1845 wurde durch die allgemeine Gewerbeordnung die Meister- und Gesellenprüfung für die Menschen vorgeschrieben, die ein selbstständiges Handwerk ausüben wollten. 1856 gab es in Laer die stattliche Anzahl von 211 Webern. Wahrscheinlich war es das Jahr 1857, als Franz Heinrich Bauer mit dem Verlagsgeschäft begann. Damals trug die Firma noch den Namen „Heitkemper und Bauer“. Die Bezeichnung „Franz Heinrich Bauer jun.“ findet sich erstmals 1869 in den alten Laerer Akten.

Franz Heinrich Bauer wurde am 18. Dezember 1839 in Laer geboren, er starb 1907. Sein Vater war der Kaufmann Bernhard Bauer, geboren 1802, einziger Sohn des Bürgermeisters und Chronisten Franz Heinrich Bauer. Mit seiner Frau Wilhelmine Terfloth, geboren 1841 in Greven, hatte Franz Heinrich Bauer sieben Söhne, sie wohnten im Kamp. Franz Heinrich Bauer fasste damals die Handweber noch nicht an fabrikeigenen Webstühlen zusammen, sondern ließ sie in ihren eigenen Häusern arbeiten.

1872 hieß es „Franz Heinrich Bauer beschäftigt durchschnittlich 150 -200 Personen mit Handleinen- Weberei“. Der Textilmarkt blühte und im Kontor bedurfte es Hilfe. Hermann Terfloth aus der Verwandtschaft übernahm die Aufgabe und wurde später sogar Miteigentümer. Sein Haus befand sich auf der Hohen Straße.

Am 2. Februar 1884 wurde in Laer die erste Dampfmaschine angelassen. Obwohl der Produktionsprozess mechanisiert und auf eine Fabrik konzentriert war, wurde auch die Hausweberei weiterhin beibehalten. Aber ab nun gab es die ersten Pendler, zwar nur auf Schusters Rappen, aber man verließ das Eigenheim für die Arbeit und kehrte zum – in der Regel nach zehn Stunden Arbeit – zum Feierabend zurück.

Die Handlungsreisenden für die Firma Bauer waren 1892 neben Ludwig Bauer, Carl Bauer und Felix Terfloth. Sie wurden später die Geschäftsführer. Carl Bauer zog in die Bachstraße. Alle drei genannten Gebäude existieren noch heute und zeigen sehr schön einen kleinen Ausdruck der Industriellenarchitektur damaligen Zeit.

Die Textilindustrie im Münsterland hatte seither viele „Aufs und Abs“. Mitte der 1920er Jahre entstand durch die Milliardenkredite des Auslands, das nach dem ersten Weltkrieg an der Lösung des deutschen Reparationsproblems interessiert war im Deutschen Reich eine wirtschaftliche Scheinblüte. Während dieser Zeit entstanden weitere Betriebe, so etwa die Leinenweberei Gebrüder Meis an der Horstmarer Straße, die Steppdeckenfabrik Möllers und die Strickerei Kloppenborg.

Die Firma Bauer expandierte an der Darfelder Straße und erweiterte um den Kühlturm, der in den 1930er Jahren entstand. Viele Gebäude prägen auch heute noch Straßenzüge von Laer. Die bedeutendste Fabrik aber war die im Ortskern ansässige Firma Bauer. Bis in die 1980 Jahre hinein war sie produktiv und verkaufte sehr angesehene und qualitätsvolle Stoffprodukte. Diese Fabrik hatte eine Sheddachhalle, und den eindrucksvollen Kühlturm mit dem Logo des Familienunternehmens.

Vielen Laerern bot die Textilindustrie Auskommen und eben auch nach wie vor Heimarbeit. Näh- und Zuarbeiten konnten mit nach Hause genommen werden. Kleine Maschinen wurden zur Produktionshilfe in den Wohnhäusern aufgestellt. Ein Vorläufer von Homeoffice also, besonders wenn Kinder, Kranke oder Senioren betreut werden mussten, oder aber eine Familiensituation einen Zusatzverdienst abverlangte.

Dass dieses Angebot hauptsächlich von Frauen in Anspruch genommen wurde, war dem Zeitgeist geschuldet, aber es bot Lösungen für Lebensphasen, die heute wieder aktuell sind.

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