Eduard Luce eröffnete 1959 die erste Apotheke im Ewaldidorf und rettete ein besonderes Kirchenfenster
Ein Kapitel Laerer Dorfgeschichte

Laer -

Die heiligen Ewalde, die erste Apotheke und ein Kirchenfenster – oder der Bericht, wie ein Apotheker Dorfgeschichte schrieb. Dabei handelt es sich um Eduard Luce, der ein Ladenlokal an der Hohen Straße anmietete. Dort öffnete er am 1. April 1959 die erste Apotheke in Laer.

Mittwoch, 30.12.2020, 19:10 Uhr
Dieses Kirchenfenster
Dieses Kirchenfenster Foto: Weide

Eine Pandemie ist eine weltweite Epidemie, und eine Epidemie ist eine Infektionskrankheit, die über einen bestimmten Zeitraum auf eine begrenzte Region beschränkt auftritt. Der früheste Bericht über eine Epidemie in Laer ist in den Akten des 19. Jahrhunderts zu finden. Bürgermeister Bauer zeichnet am 3. Oktober 1818 die Ruhrepidemie auf, die in Laer „allen Ecken der Gemeinde vorhanden ist“. Weiter heißt es „er holte sich Hilfe von zwei Epidemie-Ärzten“ aus dem Umland, und binnen sechs Wochen war die Krankheit fast vollständig überwunden.

Was war passiert? Die Ärzte hatten Kontakt mit dem Landrat Cormann in Burgsteinfurt aufgenommen und die Anordnung ersucht, Arzneien nach Laer zu liefern, um die Krankheit zu behandeln. Kurze Zeit später, und unter Aufsicht eines Burgsteinfurter Arztes und Apothekers, wurden erste Arzneien geliefert; worauf Bürgermeister Bauer notiert: „So dass ein angemessener Vorrat angelegt werde und nur bei besonderen, seltenen Umständen die Rezepte in eine Apotheke gesandt zu werden brauchen.“ Hinterlegt wurde der medizinische Vorrat in der hiesigen „Drogen-Materialwaren-Handlung“, einem Ladenlokal, das heute in Laer als Haus Rollier bekannt ist.

Der erste Vorläufer einer ortseigenen Apotheke ist somit belegt. Zu dieser Zeit lagen die Kirchspiele Laer, Hothausen, Altenberge, Darfeld und Beerlage im Zuständigkeitsbereich der Apotheke in Horstmar. Sie existiert heute noch unter dem Namen „Hirsch-Apotheke“ und gilt als eine der ältesten im Kreis Steinfurt.

Laer hatte von nun an zumindest ein „Arzneilager“ in besagter Drogerie. Kleineren Dörfern wie beispielsweise Holthausen wurde von nun an ein Heilmitteldepot in Gasthäusern erlaubt. Die medizinische Versorgung deckte somit kleinere „Wehwehchen“ und Krankheiten ab.

Für ernsthafte Erkrankungen aber, die besondere Rezepturen bedurften, überbrachte ein Kurier das Rezept nach Horstmar und nahm mit erneuter Anfahrt am Nachmittag das zusammengestellte Medikament wieder mit. Es war ein Husarenritt für Heilmittel und Patienten. Das klingt mittelalterlich, aber so war das auf dem Lande, und zwar noch bis ins 20. Jahrhundert hinein.

Im Jahr 1910 ersuchte Amtmann Oy erneut beim Regierungspräsidenten nach der Gestattung einer ortseigenen Apotheke. Mit einer zu geringen Einwohnerzahl und Konkurrenzbedenken zur Apotheke im Nachbarort n Horstmar wurde der Antrag abgelehnt. Es wurde also weiter geradelt, noch ganze 49 Jahre.

Am 3. Dezember 1958 war es dann endlich soweit. 140 Jahre und drei Monate nach der ersten Initiative einer medizinischen Grundversorgung lag eine Erlaubnisurkunde für eine Apotheke der Laerer Amtsstube vor. Ein junger Pharmazeut aus Münster hatte den Mut aufgebracht, sich selbstständig zu machen und nach langer Suche ein Ladenlokal an der Hohen Straße gefunden. Mit einem Mietvertrag für 20 Jahre in der Tasche öffnete er am 1. April 1959 die Pforte. Die Ewaldi-Apotheke an der Hohen Straße in der ehemaligen Getreidehandlung Bornemann ging an den Start.

Wer steckte dahinter? Es war ein Mann der leisen Töne, ein stiller Intellektueller und Menschenfreund in dessen Brust zwei Herzen schlugen, wissen Zeitzeugen zu berichten. Das eine für Pharmazie, das andere für Kunstgeschichte – und in beiden Disziplinen hat Eduard Luce ganz unbedacht Dorfgeschichte geschrieben. Ihm muss die Historie der heiligen Ewalde und deren Bedeutung für Laer im Vorfeld schon bekannt gewesen sein, nannte er seine Apotheke doch nicht „Bartholomäus- Apotheke“ wie gemeinhin üblich, nein, er wählte als Namensgeber die Ewaldi­brüder, aber warum? Spekulation. Inspirierte ihn der 3. Oktober? An diesem Tag feiert Laer den Namenstag der beiden Missionare, und hoppla, war es nicht auch das Datum, an dem Bürgermeister Bauer 1818 ein Heilmitteldepot initiierte?

Oder war es die Ewaldi­quelle, von der man bis ins 19. Jahrhundert glaubte, sie sprudle Heilwasser zutage, unter anderem zur Behandlung von Augenerkrankungen? Heilwasser für diverse Krankheiten waren eine weitere Passion dieses jungen Mannes, vor Ort führte er ein beachtliches Angebot an.

Vielleicht war es aber auch das Kirchenfenster, das er von seinem neuen Arbeitsplatz täglich im Blick hatte. Damit hat es eine ganz besondere Bewandtnis: In den Jahren 1939/40 stand unter der Ägide des Pfarrers Maikemper die Purifizierung der Kirche an. Der Urzustand gotischer Architektur sollte wiederhergestellt werden. Die Kriegswirren aber verlangsamten den Prozess, sodass zunächst nur die drei Chorfenster erneuert wurden.

Erst 1963 kam das rechte Chorfenster in der Nähe des Ewaldialtars an die Reihe. Schlichte Ornamentik sollte die alte bildliche Darstellung ablösen. Diese aber zeigte den schwarzen und den weißen Ewald. Eine sehr kunstvolle und detailreiche Arbeit mit der Illustration ihres Martyriums. Sie muss aus der Hand des Horstmarer Kirchenglasmalers Heinrich Beck im Jahr 1896 stammen. Vier Jahre bildeten sie das Gegenüber des Apothekeneingangs, jetzt sollte es zerschlagen werden.

Ein unerträglicher Gedanke für den neuen Laerer. Er rettete das Fenster und baute es kurzerhand in seinen Verkaufsraum ein. Auch wanderte es mit an den nächsten Standort, in die Pohlstraße. Dort wurde es mit modernster Technik illuminiert und galt als Anziehungspunkt für Kunstinteressierte und Schulklassen. Gerne ließ der zweifache Vater die Kinder die Lilien zählen oder erklärte die Heiligenlegende. Wer sich dann aber eher für Tabletten und Puder interessierte, wurde kurzerhand auf dir Theke des Offizins gehoben und durfte durch die Scheibe die Arbeiten in der Rezeptur verfolgen. Kleine Gewichte sorgten für das Auspendeln der Waagschale und der Traubenzuckerdrops für einen guten Geschmack auf der Zunge.

Viel zu früh und ganz plötzlich verstarb der erste Apotheker und Retter des Laerer Kirchenfensters mit nur 63 Jahren 1986. Er schrieb nicht nur Dorfgeschichte, sondern hinterließ auch eine eindrucksvolle, kunsthistorisch sehr wertvolle Mörsersammlung. Es ist eine Hommage an alle Apotheken im ländlichen Raum. Mischen diese doch immer noch Salben und Arzneien je nach Verordnung und individuell für den großen und kleinen Patienten, die ihm so am Herzen lagen.

Und noch etwas: Keine Ewaldi-Apotheke hat mehr Namensberechtigung als die Laerer.

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