Sa., 22.09.2018

Blick zurück: Pflichtjahre auf dem Bauernhof Eine lebenslange Freundschaft

Maria Osterbrink (l.) und Mathilde Blanke verbindet seit vielen Jahrzehnten eine herzliche Freundschaft. Kennengelernt haben sich die beiden über 90-Jährigen während der Pflichtjahre vor und im Zweiten Weltkrieg auf einem Bauernhof im Mersch.

Maria Osterbrink (l.) und Mathilde Blanke verbindet seit vielen Jahrzehnten eine herzliche Freundschaft. Kennengelernt haben sich die beiden über 90-Jährigen während der Pflichtjahre vor und im Zweiten Weltkrieg auf einem Bauernhof im Mersch. Foto: Dorothee Zimmer

Metelen - 

Sie lernten sich kennen und freundeten sich an, als sie junge Frauen waren und auf einem Bauernhof in Mersch ihr Pflichtjahr absolvieren. Das ist lange her, doch auch heute noch – Mathilde Osterbrink und Mathilde Blanke sind beide inzwischen über 90 Jahre alt – kommen die Freundinnen regelmäßig zusammen. Die gemeinsame Zeit auf dem Hof Renger-Reuter wird bei diesen Treffen immer wieder wach.

Von Dorothee Zimmer

Noch heute merkt man Mathilde Blanke an, wie sehr sie seinerzeit mit den Familie auf dem Bauernhof Renger-Reuter am Mersch verbunden war. Wenn die 97-Jährige von der entlegenen Wiese an der Grenze zu Nienborg erzählt, wohin sie im Sommer mit dem Fahrrad zum Melken fuhr, vom Milchvieh und überhaupt von allem, was zum Bauernhof gehörte, dann setzt sie stets ein „unser“ voran. Das fällt ihr selbst auch auf. Sie lacht und erklärt: „Das gehörte natürlich nicht richtig mir, aber weil ich in der Familie lebte, sagt man das eben so.“

Mit einer kurzen Unterbrechung fand sie für rund zwölf Jahre bei Bauer Reuter, einem Witwer, und seiner Tochter Marie eine Heimat. Mathilde Blanke war 14 Jahre alt, als sie dort nach Abschluss der Schule zunächst das obligatorische Pflichtjahr absolvierte und später dann „als Mädchen für alles“ eine willkommene Hilfe war. Im April 1942 trat Maria Osterbrink aus Emsdetten ihr Pflichtjahr bei Reuter an. Zwischen der heute 90-Jährigen und der Metelenerin entwickelte sich eine Freundschaft, die bis heute hält. Am Donnerstag war Maria Osterbrink wieder einmal zu Besuch bei Mathilde Blanke in der Seniorenwohnanlage.

Auf dem Tisch stehen Kaffee und Kuchen. Man kann lange an einem Stück Kuchen essen, wenn es vor lauter Erzählen nicht gelingt, die Gabel in den Mund zu führen. Oft fängt ein Satz an mit „Weißt du noch ...?“, und dann gerät der Kuchen zur Nebensache und Erinnerungen werden wach. „Weißt du noch, wenn wir alle am Frühstückstisch saßen und durchs Fenster sahen, dass die geleerten Milchkannen zurück gebracht wurden?“, lautet zum Beispiel so eine Frage von Maria Osterbrink. Natürlich weiß Mathilde Blanke, wovon die Rede ist, denn gerade zur Sommerzeit war das immer ein spannender Moment: „Oh, ja, dann sagte der Bauer manchmal: ‚Kiek äs, Marie, da sin wier Fähnkes dran.’ Fähnchen waren ein Zeichen dafür, dass die Milch dieser Kannen sauer geworden war. Und für mindere Qualität zahlte die Molkerei weniger.“ Sie habe die Kannen dann immer besonders gründlich geschrubbt, sagt Maria Osterbrink, aber Mathilde Blanke meint, die Mühe sei vergeblich gewesen: „Gerade bei Gewitterwetter wurde die Milch oft sauer.“

Im Haushalt, im Stall, auf dem Hof und auf dem Feld – die beiden Frauen scheuten keine Arbeit, überall packten sie mit an. „Wir wären sicher gute Bauersfrauen geworden“, meint Maria Osterbrink angesichts der vielen unterschiedlichen Aufgaben, die sie zu bewältigen hatten.

„Und du“, sagt sie zu Mathilde Blanke, „hast gearbeitet wie ein Mann.“ Für nichts sei die Ältere sich zu schade und ihr, der Jüngeren, eine gute Lehrmeisterin gewesen. 15 Reichsmark betrug der Monatslohn von Maria Osterbrink, Mathilde Blanke erhielt 45 Mark. „Kost und Logis hatten wir frei.“

Sie erinnern sich auch an mehrere Kriegsgefangene, die auf dem Hof arbeiten mussten. Ein Franzose war darunter, der wollte immer alleine sein und mit niemandem sprechen. Nur einmal wandte er sich den beiden Frauen bewusst zu. „Seine Familie hatte ihm ein Paket geschickt, und von der Schokolade, die darin war, hat er uns etwas angeboten.“

Die beiden Seniorinnen lachen viel, sie pflegen ein herzliches Verhältnis zueinander. Die Zeit verfliegt schnell, irgendwann ist der Kaffee getrunken und der Kuchen gegessen. Doch es ist viel zu schön, um schon zu gehen. Maria Osterbrink schaut auf die Uhr und sagt: „Ein bisschen bleibe ich noch.“



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