Meuterei gegen den Kaiser
Metelener erlebte den Matrosenaufstand in Kiel und das Kriegsende 1918 mit

Metelen -

Josef Gerding war 24 Jahre alt, als er vor 100 Jahren Zeuge des Matrosenaufstands in Kiel wurde. Briefe des Marinesoldaten aus Metelen sind erhalten geblieben. Es sind Schilderungen, die einen unmittelbaren Eindruck von der Angst und dem Elend an Bord des Kriegsschiffs „SMS Westfalen“ geben. Gerdings Tochter Irene Mensing hat die Briefe und andere Erinnerungen an den Vater aufbewahrt. 

Donnerstag, 01.11.2018, 06:00 Uhr aktualisiert: 01.11.2018, 06:02 Uhr
Zur Besatzung der „SMS Westfalen“, hier ein Foto aus dem Jahr 1917, gehörte auch Josef Gerding aus Metelen. Irene Mensing hat das Tagebuch ihres Vaters und dessen Briefe an die Familie vom Sütterlin in heute lesbare Schrift übertragen.
Zur Besatzung der „SMS Westfalen“, hier ein Foto aus dem Jahr 1917, gehörte auch Josef Gerding aus Metelen. Irene Mensing hat das Tagebuch ihres Vaters und dessen Briefe an die Familie vom Sütterlin in heute lesbare Schrift übertragen. Foto: Privat

Das Büchlein ist im Grunde nur eine schmal Kladde, Seite für Seite mit eng gesetzter Sütterlin-Schrift gefüllt. Es sind Berichte aus dem Krieg, der später einmal als der Erste der Weltkriege in die Geschichtsbücher eingehen wird. Geschrieben hat sie ein Metelener. Josef Gerding erlebte den Krieg als Marinesoldat – und war Zeitzeuge des Kieler Matrosenaufstands, der mit dazu beitrug, das jahrelange Gemetzel zu beenden.

Das Tagebuch, aber auch viele Briefe und Postkarten, die ihr Vater einst schrieb, hütet Irene Mensing. Sie hat alle Erlebnisse Josef Gerdings noch einmal aufgeschrieben, in schöner Handschrift, in einem großen Album – Familiengeschichte eben, die in einigen Punkten auch Zeitgeschichte ist. Besonders markant ist dabei der Aufstand der Matrosen vor genau 100 Jahren, den Josef Gerding, damals 24 Jahre alt, an Bord des Linienschiffs „SMS Westfalen“ der kaiserlichen Kriegsmarine miterlebte.

„Ich kann dir sagen“, schrieb Gerding in einem Brief an seine Schwester, „da war vielleicht was los.“ Der Auslöser des Aufstands, die Internierung meuternder Matrosen des „Markgraf“ an Land, trieb auch die Besatzung der „Westfalen“ um. Nach vier Jahren auf See waren die Matrosen kriegsmüde, befürchteten, zu einem letzten, aussichtslosen Gefecht nochmals auslaufen zu müssen, obwohl der Krieg verloren war. Der Flottenbefehl, zu einem Vorstoß der Marine auf die Themsemündung und die flandrische Küste führte zu Befehlsverweigerungen.

Die Marinesoldaten und auch die Crew des Kriegsschiffs war seit langem unzufrieden mit der Behandlung an Bord. Im Tagebuch ist von extremer Rationierung der Verpflegung die Rede, an anderer Stelle schildert Gerding, dass die schwer schuftenden Heizer nicht einmal mehr Seife hatten, um sich Ruß und Öl abzuwaschen.

Im Kieler Hafen bekamen Gerding und seine Kameraden dann die explosive Lage mit: „Vom Schiff Markgraf waren nämlich 40 Mann eingesperrt an Land. Die sollten befreit werden.“ Die Kommandeure ahnten, was sich da zusammenbraute, verboten den Besatzungen, von Bord der Schiffe zu gehen. „Trotz der Urlaubssperre war es noch Vielen gelungen, an Land zu kommen“, berichtet der Metelener und auch vom Sturm des Arrestlokals. Ausführlich beschreibt er, wie ein Leutnant den Befehl zum Schießen gab „wodurch acht Mann getötet wurden und viele verwundet“.

Diese Nachrichten erreichten die Besatzung der „Westfalen“ über Dritte. „Ein Obermatrose, der an Land gewesen, berichtete über die Zustände, auf das ein Arbeiter und Soldatenrat gebildet sei. Wir haben uns dann gleich angeschlossen.“

„Am Dienstagmorgen wurde unter Jubel die rote Flagge gehisst. Und sämtliche Schiffe im Kieler Hafen folgten unserem Beispiel, soweit sie noch nicht vorangegangen waren.“ Es war die Revolte der verzweifelten Soldaten – keine Revolution. Auch die Offiziere auf der „Westfalen“ sahen nach der Schilderung Gerdings ein, dass ein Weiterkämpfen für den Kaiser sinnlos war. „Bei uns an Bord ist alles unblutig verlaufen. Das ist hauptsächlich unserem Kapitän und hohen Offizieren zu verdanken. Die Leute waren wenigstens so vernünftig und sahen ein, dass Widerstand zwecklos sei – auch die Offiziere.“

Die Unruhen von Kiel, die nicht nur die Matrosen, sondern auch Arbeiter auf die Straßen trieben, waren ein Katalysator für den Zusammenbruch des Kaiserreichs. Am 9. November, dem Tag, an dem auf am Masttopp der „Westfalen“ die Rote Fahne wehte, gab Reichskanzler Max von Baden unter dem Druck der Ereignisse die Abdankung Kaiser Wilhelms II. bekannt.

Josef Gerding erlebte das Kriegsende am 11. November 1918 an Bord der „Westfalen“, das jetzt nur noch „Linienschiff“ hieß, nachdem das SMS – das für „Seiner Majestät Schiff“ stand – hinfällig geworden war. „Haben jetzt ein gutes Leben“, schrieb er in einem Brief vom 13. November. „Hoffe, dass ich bald abgehen kann“, notiert er und bittet um die Zusendung von Geld und des Sparbuches: „Man weiß nicht, wie man fortkommen kann. Zu Fuß nach Hause tippeln ist zu weit, wär sonst schon dagewesen.“ Josef Gerding schließt diesen letzten Brief von Bord der „Westfalen“ mit der Hoffnung auf ein baldiges Wiedersehen. Eine Hoffnung, die sich für ihn erfüllte. Ende November 1918 schloss er seine Lieben im Örtchen an der Vechte in die Arme.

Die Familie Gerding hatte einen der ihren wieder daheim – und trauerte um Josefs Bruder Wilhelm, der 1915 im Kriegseinsatz starb. Auch aus der Familie von Josef Gerdings späterer Ehefrau Anna Jockweg war deren Bruder Bernhard nicht von der Front zurück gekehrt. Er fiel schon 1916 in einer der blutigsten Schlachten des Krieges – vor Verdun.

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