Demenztheater
Erlebnisraum außerhalb des Alltags

Metelen -

Spielerisch entwickelt sich die Arbeit im Rahmen des Demenztheaterprojekts. Das berichteten Theatermacher Erpho Bell

Dienstag, 12.03.2019, 06:00 Uhr aktualisiert: 12.03.2019, 14:54 Uhr
Das Theater-Ensemble „Freudige Füße“ hat sich als Künstler-Kollektiv gegründet, um gemeinsam Kunstprojekte mit Demenzerkrankten zu entwickeln und umzusetzen.
Das Theater-Ensemble „Freudige Füße“ hat sich als Künstler-Kollektiv gegründet, um gemeinsam Kunstprojekte mit Demenzerkrankten zu entwickeln und umzusetzen.

„Mir gefällt es gut hier. Aber es wäre schön, wenn noch Leute dazu kämen“, sagt die alte Dame. Sie macht mit bei dem Projekt „Demenz-Theater-Sprechstunde“. Seit Ende September (wir berichteten) treffen sich die Teilnehmer im zweiwöchigen Rhythmus in der Kulturetage zu diesem „etwas anderen Theaterspielen“, bei dem keine Rollentexte gelernt werden müssen.

„Bei uns steht das Spielerische im Vordergrund. Impulse kommen aus der Begegnung heraus“, skizziert Theatermacher Erpho Bell das Wesentliche dieser Aktion, die sich sowohl an Demenzkranke als auch an deren Angehörige oder Freunde richtet. „Es geht darum, sich neu auf gemeinsames Entdecken einzulassen. Das sind meist Dinge, die aus dem Moment heraus entstehen“, erläutert der Fachmann.

An diesem Nachmittag informieren Erpho Bell und der Gerontologe Michael Ganß über die Sichtweisen der Demenz und geben Einblicke in ihre Arbeit. Bei Demenz gehe die kognitive Fähigkeit, aber auch die Gefühlskontrolle verloren, erklärt Michael Ganß. Das Kognitive werde in unserer Gesellschaft allerdings weitaus höher bewertet als das Emotionale.

„Die durch Demenz entstehenden Defizite werden somit als schmerzhafte Verluste angesehen. Hinzu kommt, dass das soziale Umfeld den Demenzkranken oftmals mit Unverständnis begegnet“, nennt Ganß einen Grund, warum Demenz in der Bevölkerung mit so viel Angst besetzt ist.

„Aber wie geht der Kranke selbst mit seiner Situation um?“, möchte eine Besucherin wissen. Der Gerontologe erklärt, dass die Betroffenen ihre eigenen Strategien entwickeln. In einem kurzen Film zeigt er einige Sichtweisen von Betroffenen auf ihre Erkrankung. „Demenz ist eine Entwicklungsstufe bei alten Menschen, die jeden treffen kann“, sagt eine Frau, während eine andere immer wieder aufs Neue betont, dass sie nicht dement ist. Und eine 90-Jährige erzählt: „Wir singen und lachen viel und verstehen uns auch gut mit jungen Leuten. Trotz Demenz ist das Leben noch lebenswert.“

In der Kulturetage wird an diesem Nachmittag angeregt diskutiert. Eine Besucherin spricht das Empfinden der Kinder an, die zunächst Probleme haben, die Demenz ihrer Eltern zu akzeptieren. Michael Ganß stimmt ihr zu. Für betroffene Familien sei die Erkrankung eine extreme Belastungssituation, die sie in eine Krise stürze. Hinzu komme, dass Bekannte und Freunde sich oftmals zurückziehen.

Der Gerontologe rät den Angehörigen, bei Bedarf professionelle Hilfe in Anspruch zu nehmen. Betreute Wohnformen zum Beispiel. „Dadurch fällt die Belastung des Alltags weg und man hat wieder Zeit für gemeinsame Erfahrungen auf anderer Ebene“, nennt er einen Vorteil.

„Auch unser Theaterprojekt schafft gemeinsame Erlebnisräume außerhalb des Alltags“, weist Erpho Bell auf die Demenz-Theater-Sprechstunde hin. „Wir möchten eine Gruppe aufbauen und suchen noch weitere Teilnehmer“, wirbt der Theatermacher für das Projekt, das durch die „Regionale Kulturpolitik“ des Landes NRW gefördert wird und zurzeit in vier Orten im Münsterland läuft. Die Teilnahme ist kostenlos.

Zum Thema

Die nächste Demenz-Theatersprechstunde ist am 21. März (Donnerstag) um 15 Uhr. Menschen mit Demenz sowie deren Angehörige und Freunde haben dann Gelegenheit, das Projekt kennenzulernen. Nähere Informationen: Erpho Bell, Telefon 01 79/1 10 19 73.

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