Rudi Hölscher erinnert sich
Der „Tschingg“ kam aus Westfalen

Metelen -

Rudi Hölscher weiß, was es für ein Gefühl ist, in einem fremden Land mit Vorurteilen konfrontiert zu werden. Der 78-Jährige arbeitete in den frühen 1960er-Jahren als Betriebsschlosser in der Schweiz. Auslöser war ein Missverständnis wegen seines Äußeren, das aber im Gedächtnis Hölschers haften blieb. Er setzte das Erlebte in einer Holzskulptur um, die seit Jahren nahe der Mühle steht.

Dienstag, 10.11.2020, 15:44 Uhr aktualisiert: 10.11.2020, 16:44 Uhr
Rudi Hölscher mit dem Familienalbum. Die Seite zeigt ihn als jungen Mann (Foto unten r.) mit Aufnahmen seiner Eltern. Der Vater starb während des Krieges. Rudi Hölscher zog daraufhin mit seiner Mutter von seinem Geburtsort Bielefeld nach Metelen, wo die Verwandtschaft lebte.
Rudi Hölscher mit dem Familienalbum. Die Seite zeigt ihn als jungen Mann (Foto unten r.) mit Aufnahmen seiner Eltern. Der Vater starb während des Krieges. Rudi Hölscher zog daraufhin mit seiner Mutter von seinem Geburtsort Bielefeld nach Metelen, wo die Verwandtschaft lebte. Foto: Dieter Huge sive Huwe

Rudi Hölscher den Metelenern vorzustellen, ist eigentlich ganz einfach: Schauen Sie sich die Skulptur auf dem Parkplatz vor der Mühle an – die ist von Rudi Hölscher. Und die Sitzgruppe gleich nebenan. Und die Ruhemöglichheit in der Heide. Und die lauschige Bank am Wallweg ... Rudi Hölschers Holzarbeiten sind im Ortsbild präsent.

Dabei ist der 78-Jährige eigentlich ein Metaller – Betriebsschlosser, um genau zu sein. Das hat er gelernt, in der ehemaligen Textilfabrik Gebhard. Ein Ausbildungsplatz, den er sich herbeigesehnt hatte. „Ich wollte immer was Handwerkliches machen“, sagt er. Nach Feierabend sehen und fühlen, was er geschaffen hatte, das war immer sein Ziel. Vielleicht ist das auch der Grund, warum seine Bänke und Skulpturen so präsent im Ort sind – sicht- und fühlbare Ergebnisse des Schaffensprozesses.

In Bielefeld geboren verbrachte Hölscher seine Kindheit in Metelen. Auf der Neustraße wuchs er auf. Der Vater war als Soldat im Krieg gefallen, die Mutter hatte Unterstützung bei den Geschwistern. „Zwei Tanten und Onkel wohnten im Haus“, berichtet Hölscher. Die Grundschulzeit erlebte er noch im Gebäude an der Kirchstraße, wechselte dann ins Schulhaus, das heute das MHD-Heim beherbergt und war einer der ersten Schüler im Neubau an der Schulstraße. Nach dem Ende der achten Klasse, Hölscher war da gerade mal 14 Jahre alt, endete für ihn die Schulzeit. „Das reichte damals“, berichtet Hölscher. Doch statt des ersehnten Handwerks musste er ein weiteres Jahr die Schulbank drücken – auf der Handelsschule. „Da wollten sie mich zum Bänker machen“, erinnert er sich. Nicht sein Ding.

Er war froh, dass das Jahr endlich vorbei war und sich die Gelegenheit für die Ausbildung bei Gebhard bot. Drei Jahre lang lernte er dort Betriebsschlosser. „Da ging´s auch samstags rund“, berichtet er und auch von dem Gespräch mit dem damaligen Geschäftsführer Stolte. Dem war nicht entgangen, dass Hölscher der Ort zu klein wurde und er mehr lernen wollte. Er brachte seinen jungen Gesellen auf die Idee, sein weiteres berufliches Glück in der Schweiz zu suchen. Dort wurden die Textilmaschinen hergestellt, die bei Gebhard ratterten.

Für ein Jahr galt die Arbeitsgenehmigung bei der Firma Rüti in Zuchwil nahe Solothurn. „Hünings Alfons arbeitete damals ebenfalls in der Schweiz und hat mich in seinem Käfer mitgenommen“, erinnert sich Hölscher noch genau – sicherlich auch, weil er just am ersten Tag in dem Alpenland 20 Jahre alt wurde. Beim Pförtner abgesetzt stand der Metelener nun mit seinem kleinen Koffer am Werkstor und stellte sich vor. „Oh, oh“, habe der Pförtner gemurmelt, als er Hölscher sah. Den Grund erfuhr er kurze Zeit später, als die Vermieterin des Zimmers, in dem er für die Zeit seines Arbeitsaufenthalts untergebracht werden sollte, auf der Bildfläche erschien.

Diese war fuchsteufelswild und lamentierte gegenüber dem Pförtner: „Was bringst du mit da schon wieder für einen Tschingg?“ Hölscher verstand nur Bahnhof. Tschingg, das kristallisierte sich heraus, war in der Schweiz ein abfälliger Ausdruck für Italiener. Und in der Tat: Rudi Hölscher ging mit seinem üppigen pechschwarzen Haar ohne Probleme als Südländer durch.

„Frau Pfister war ganz erleichtert, als ich ihr sagte, dass ich aus Westfalen komme“, erinnert sich Hölscher an die erste Begegnung mit seiner Wirtin. „Na, dann wollen wir es mal miteinander versuchen“, habe sie daraufhin gesagt. Was er da noch nicht wusste: Aus der ersten überaus reservierten Begegnung mit der Wirtin und deren Mann erwuchs sogar eine Freundschaft, denn später – Hölscher war da längst verheiratet – besuchten die Gastgeber ihn und seine Frau sogar in Metelen.

„Für mich war diese Begebenheit im Nachhinein aber ein Schlüsselerlebnis“, sagt Hölscher. „Da steht man allein in einem fremden Land und begegnet all diesen Vorurteilen.“ Als vor fünf Jahren viele Flüchtlinge nach Metelen strömten, habe er genau daran denken müssen. Und Hölscher – schon viele Jahre im Ruhestand – fand mit Holz den richtigen Werkstoff, um seine Gedanken umzusetzen. In einem Blumenbeet vor Plagemanns Mühle neigen sich seither zwei Hände einander zu. Sie erwachsen aus Holzbalken, in die Namen der Kontinente eingeritzt sind. Hinzu kommen Hinweise auf die Nationalitäten der Menschen, die 2015 im Ort lebten. Der „Tschingg“ aus Westfalen setzte damit ein Symbol der Gastfreundschaft und Unterstützung.

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