Vor 50 Jahren veränderten junge Metelener die Reihenfolge der Feste
Ostern statt Weihnachten

Metelen -

„Weihnachten fällt aus, frohe Ostern“. Diesen Eindruck wollte am 4. Advent 1970 – also genau vor 50 Jahren – eine Gruppe junger Metelener vermitteln. In einer Nacht- und Nebelaktion hatte sie den Christbaum vor der katholischen Kirche mit Ostereiern geschmückt. Das sorgte für Empörung, war aber nicht als Provokation, sondern als sozialkritisches Statement gedacht. Ein Metelener erinnert sich.

Samstag, 19.12.2020, 06:22 Uhr aktualisiert: 19.12.2020, 06:30 Uhr
Vor 50 Jahren veränderten junge Metelener die Reihenfolge der Feste: Ostern statt Weihnachten
Foto: fotolia

„Weihnachten fällt aus, frohe Ostern“ – darüber informierte ein weißer Pappkarton am vierten Advent 1970 die Metelener Kirchgänger. Entschlossen, die Reihenfolge der Feste ein bisschen durcheinander zu bringen, hatte sich die Gruppe Don Bosco – allesamt Jungs aus der Vechtegemeinde, die meisten noch keine 18 Jahre alt.

Heute vor 50 Jahren war die Seidenweberei Gebhard in Metelen noch der größte Arbeitgeber. Überall gab es Vollbeschäftigung, das Land war geprägt von Hochkonjunktur und spürbarem Wohlstand. Willy Brandt verkündete seine neue Gerechtigkeit, und in der Kirche stritt man sich um Geburtenkontrolle und Pille.

Bernhard Herdering, Mitglied der Don-Bosco-Gruppe, erinnert sich noch genau, wie es damals in der Vechtegemeinde zu ging: „Am Samstagabend vor dem vierten Advent lag Schnee in der Luft. In der Gemeinde strahlten Tannenbäume, in vielen Fenstern leuchteten Sterne und Lichterketten. Noch bis in den späten Nachmittag drückten sich die Kinder an den Schaufenstern von Sandner und Ortmann die Nasen platt.“

Und die jungen Heranwachsenden von der Gruppe Don Bosco, saßen den vorweihnachtlichen Kindheitsträumen entwichen gelangweilt und in gedanklicher Runde am Schilden im Café bei Thekla Pieper. Die Musikbox war aus, und im Hintergrund dudelte schnulzige Weihnachtsmusik.

„Die Adventstage waren zumeist verstrichen, in leuchtendem Licht bei klingelnden Kassen. Draußen von christlicher Stimmung keine Spur zu vernehmen. Kommerz, so fühlten wir, schien das Gebot der Stunde“, hat es Herdering noch genau vor Augen. „Schließlich unterbrach einer von uns das allgemeine Schweigen. Was wäre wohl, es gäbe kein Weihnachten? Übereinstimmend kam die Antwort prompt, dies sei undenkbar, kein Lametta, kein Trubel mit Glühwein und auch keine Geschenke.“

Das war der Reiz. Es lechzte nach Idee – und für die Don-Bosco-Jungs steht fest: „Weihnachten fällt aus.“ Angetan hatte es ihnen der große Weihnachtsbaum, der vor der Kirche zwischen Brinck­wirth und Volksbank zentral vor der Gemeinde aufgestellt war.

In der warmen Upkammer von Herderings Elternhaus ging es weiter. Die Teenager besorgten sich weißen Pappkarton, schnitten daraus ein großes Schild zurecht und versahen es plakativ mit der Aufschrift „Weihnachten fällt aus, frohe Ostern.“

Aber was soll ein Weihnachtsbaum, nur mit Lichterkerzen ohne Schmuck? Also, wenn schon Ostern, dann auch in österlicher Pracht. Unbemerkt besorgte die Gruppe frische Hühnereier, blies diese dann aus, malte sie an, ein Bändchen dran, und schon fertig. „Und da all das nicht reichte, fertigten wir aus der verbliebenen Pappe sozusagen als Ersatz und Ergänzung weitere Ostereier“, schmunzelt Herdering rückblickend.

Etwas nach 23 Uhr ging es in die Stadt zum Tannenbaum, wo Herdering und Co. ihren Freude daran hatte, das Geäst mit all dem zu verzieren, was sie mitgebracht hatten. Das Schild, „Weihnachten fällt aus, frohe Ostern“, erhielt einen Ehrenplatz, mittig, gut angebracht und für jedermann sichtbar. Um Mitternacht war das Werk gerade vollbracht, und leichter Schneefall setzte ein. „Ihr Blagen, ich hab Euch gesehen“, schallte es aus einer Richtung. Eilig verschwanden die Strolche um die Ecke.

Am Sonntag, dem vierten Advent war in der Kirche gerade das alte Schlusslied „Wachet auf und ruft uns die Stunde . . .“ verklungen und die Besucher drängten vorbei am österlich geschmückten Tannenbaum. Man wollte es nicht glauben, was da zu lesen stand. Wie konnte es sein? „Weihnachten fällt aus, frohe Ostern.“

An der Ecke bei Brinck­wirth stand in schwarzem Talar Kaplan Hermann Bockholt. Verschmitzt zog er an seiner Zigarette, rieb sich die Hände und dachte ganz leise, was wäre wohl, Weihnachten, – wie es sich darstellt – fiele tatsächlich aus.

„Einige Leute waren richtig empört, und in der Zeitung stand später ,Rowdys verunstalten Baum‘. Aber das war nicht die Absicht. Das sollte keine Provokation darstellen, sondern hatte einen sozialkritischen Hintergrund“, erklärt Herdering. Noch heute ist die Gruppe Don Bosco eng miteinander verbunden.

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