Bevölkerungswachstum und immer mehr Pendler
Verkehrsprobleme wachsen mit

Münster -

Münster hat den Sprung über die Marke von 300 000 Einwohnern gemacht. Wie angesichts dieses Wachstums die Mobilität organisiert werden kann, das steht im Mittelpunkt des dritten Teils der Serie: „Münster wächst“.

Sonntag, 25.01.2015, 08:00 Uhr aktualisiert: 25.01.2015, 10:52 Uhr
Lange Autoschlagen wie hier auf der Bremer Straße sind für Anwohner eine Belastung. Steigende Einwohnerzahlen und Pendlerströme machen das Problem nicht leichter.
Lange Autoschlagen wie hier auf der Bremer Straße sind für Anwohner eine Belastung. Steigende Einwohnerzahlen und Pendlerströme machen das Problem nicht leichter. Foto: Matthias Ahlke

Verkehrslärm nervt! Kaum eine Begleiterscheinung des modernen Großstadtbetriebes ruft die Menschen so sehr auf den Plan wie das dauernde Geräusch vorbeifahrender Kraftfahrzeuge. Gemäß dieser Logik dürfte das Klagepotenzial zunehmen. Denn Münsters Bevölkerung wächst kontinuierlich und dürfte nach den vorliegenden Prognosen in den kommenden 15 Jahren um 27 000 Menschen steigen.

Das bedeutet zum einen, dass die Zahl potenziell Betroffener wächst, zum anderen aber auch die Zahl der potenziellen Autofahrer, die diese Betroffenheit auslösen.

Wenn es um die Verkehrsbelastung der wachsenden Stadt Münster geht, lohnt sich nach Ansicht des münsterischen Verkehrsplaners Michael Milde der Blick auf die Details. Beim innerörtlichen Verkehr, im Fachjargon Binnenverkehr genannt, sieht es seiner Meinung nach gar nicht so schlecht aus. Die Faustregel lautet: 30 Prozent Autoverkehr, 70 Prozent Fahrrad , Bus, Bahn oder zu Fuß.

Genau anders herum verhält es sich beim Pendlerverkehr – also bei Fahrten, bei denen die Stadtgrenze überschritten wird, sei es nun von Münster ins Umland oder vom Umland nach Münster. Hier liegt die Autoquote bei 80 Prozent.

Soll also die Lärmbelastung durch Autoverkehr sinken oder zumindest nicht steigen, muss laut Verkehrsplaner Milde das vorrangige Ziel darin bestehen, die Autoquote beim Pendlerverkehr zu senken. Sprich: Mehr Regionalbusse, mehr Regionalbahnen.

Genau hier liege aber eine „große Herausforderung“, so Michael Milde. Beim defizitären Regionalverkehr breche eine „Säule der Finanzierung“ langsam weg. Gemeint sind die öffentlichen Ausgleichszahlungen für den Schülerverkehr, die bei sinkenden Schülerzahlen kleiner werden.

Das Problem drückt um so mehr, als speziell in den ländlichen Räumen des Münsterlandes das ÖPNV-Angebot weitaus dünner ist als in Münster, der Stellenwert des Autos entsprechend höher.

In Münster selbst erlebt der Stadtwerke-Busverkehr, die wichtigste Stütze des ÖPNV, derzeit einen regelrechten Boom. Die Fahrgastzahlen steigen kontinuierlich und lagen 2013 bei knapp 40 Millionen.

Doch der Erfolg hat eine Kehrseite, denn auch der innerörtliche Busverkehr ist defizitär und muss quersubventioniert werden durch Gewinne im Energiegeschäft. Im schlimmsten Fall könnten stark steigende Fahrgastzahlen zu Stoßzeiten die Stadtwerke um ihren Gewinn bringen.

Die beiden Geschäftsführer Dr. Henning Müller-Tengelmann und Dr. Dirk Wernicke haben deshalb nach eigenem Bekunden größtes Interesse daran, dass die absehbaren (und durchaus gewünschten) Zuwächse beim Busverkehr keinen zusätzlichen Einsatz von Bussen erforderlich machen.

Das geht aber nur dann, wenn man sich zunehmend auf die stark frequentierten Achsen konzentriert und man es überdies schafft, dass ein wachsender Anteil der Busfahrgäste seine Fahrten erst nach der 9 Uhr antritt. In den Morgenstunden nämlich bewegen sich die Busse am Kapazitätslimit. Erst jüngst wurde bei einer Bürgeranhörung wieder darüber geklagt, dass die Busse zwischen 7 und 8 Uhr meist rappelvoll sind.

Um den Trend weg von der Rushhour zu forcieren, haben die Stadtwerke das 9-Uhr-Ticket aufgelegt. Ob die Rechnung aufgeht, ist offen.

Natürlich kommt keine Analyse des Verkehrsgeschehens in der wachsenden Stadt Münster ohne das Fahrrad aus. 460 Kilometer Radwege im Stadtgebiet seien für eine Stadt mit 300 000 Einwohnern „beispiellos“, meint Verkehrsplaner Milde.

Hinsichtlich der Verkehrsbelastung stellt sich in erster Linie die Frage, ob es gelingt, den Umweltverbund im überörtlichen Pendlerverkehr zu stärken. Sprich: die kombinierte Nutzung von Bus, Bahn und Fahrrad.

Kuriosum am Ende: Bei allen Problemen führt im Gegenzug eine klar erkennbare Verhaltensänderung der Münsteraner zu einer Entlastung. Lag die Zahl der Wege und Fahrten, die jeder Münsteraner im statistischen Durchschnitt pro Tag zurücklegt, im Jahr 2007 bei 3,8, so waren es 2013 nur noch 3,4. Wer mehr zu Hause ist, verursacht weniger Verkehrslärm.

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