Forschung über Norderney
Insel-Antisemitismus

Münster -

Norderney war vor der Machtergreifung der Nazis ein bei deutschen Juden besonders beliebtes Urlaubziel. Die Nationalsozialisten sorgten mit Gewalt dafür, dass bald kein Jude mehr auf der Insel Ferien machte. Die Geschichte des jüdischen Lebens auf Norderney und des Bäder-Antisemitismus haben Wissenschaftlerinnen der Universität nun aufgearbeitet.

Montag, 02.02.2015, 11:30 Uhr aktualisiert: 04.02.2015, 17:44 Uhr

Wer von Norderney zurückkommt oder den Urlaub schon mal dort verlebt hat, dem ist das Reizklima ein Begriff. Was aber kaum bekannt ist und nun von Judaistik-Studierenden eingehend erforscht wurde, ist die große Beliebtheit der ostfriesischen Insel bei jüdischen Badegästen im 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts. Wissenschaftler der Universität haben diesen Teil der Geschichte nun erforscht.

Norderney wurde zu einem Treffpunkt von Juden unterschiedlicher religiöser, nationaler, sozialer und kultureller Herkunft, was mit dem Aufbau einer jüdischen Infrastruktur bestehend aus einer Synagoge, koscheren Küchen in jüdisch-geführten Hotels und Restaurants sowie einem rituellen Schlachter und einem jüdischen Kinderheim einherging.

„Mindestens ein Drittel aller Sommergäste war in den Jahren um 1900 jüdisch“, fanden Christiane Bramkamp und Lisa Andryszak heraus. Die beiden Studentinnen – die eine promoviert gerade in Religionswissenschaft, die andere studiert evangelische Theologie stießen im Rahmen des Projektseminars „Jüdisches Leben auf Norderney“ auf die Quellen. Das Seminar unter Leitung von Judaistik-Professorin Dr. Regina Grundmann widmete sich auch dem sogenannten Bäder-Antisemitismus. Der Bäder-Antisemitismus, der im letzten Drittel des 19. Jahrhunderts einsetzte, macht die alltäglichen Dimensionen von Antisemitismus besonders sichtbar. Einzelne Nordseebäder wie zum Beispiel Borkum erklärten sich schon lange vor 1933 für „judenfrei“.

Norderney hingegen war im völkischen Lager als „Judeninsel“ verschrien. Ab 1933 versuchte die Kur- und Badeverwaltung Norderneys, sich von diesem nun als Stigma empfundenen Ruf zu befreien. Die Maßnahmen der Kurverwaltung führten zum Ausbleiben der jüdischen Badegäste und zum Ruin der jüdischen Geschäfts-, Restaurant- und Hotelbesitzer auf Norderney.

Die Juniorprofessorin und rund ein Dutzend Studierende verbrachten zwei Exkursionen in dem ersten deutschen Nordseebad (gegründet 1797). Das Projekt „Jüdisches Leben auf Norderney – Zwischen jüdischer Vielfalt und Bäder-Antisemitismus“ mündet nun in einen Sammelband, der in wenigen Wochen druckfrisch auf dem Markt erscheinen wird.

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