Fastnachtsrituale
Karneval zu allen Zeiten

Münster -

Karneval gab es schon in der Antike, sagt Prof. Dr. Barbara Stollberg-Rilinger. Die Sprecherin des Exzellenzclusters Religion und Politik an der Universität Münster hat unter anderem auch die Karnevalsrituale im Wandel der Zeiten erforscht.

Samstag, 14.02.2015, 11:00 Uhr aktualisiert: 15.02.2015, 16:24 Uhr

Ausgelassenheit, Verkleidungen, bunte, fröhliche Umzüge – all das sind Bestandteile des Karnevals . Die Historikerin, Prof. Dr. Barbara Stollberg-Rilinger , Sprecherin des Exzellenzclusters „Religion und Politik“ der Universität Münster , erforscht Rituale – und kennt sich deshalb mit dem Karneval aus – nicht nur als gebürtige Kölnerin. Mit unserer Redakteurin Karin Völker sprach sie über den Karneval und seine Rituale im Wandel der Zeiten.

Wie weit reicht die Geschichte des Karnevals zurück?

Stollberg-Rilinger: Ähnliche Rituale des Karnevals oder der Fastnacht gab es schon in der griechischen und römischen Antike, dort wurden dionysische Spiele gefeiert oder in Rom die „Saturnalien“. Auch dort spielten die Menschen schon verkehrte Welt, schlüpften in andere Rollen, es gab Umzüge und Ausschweifungen – alles geduldet.

Ist Karneval also kein Fest in christlicher Tradition?

Stollberg-Rilinger: Die Tradition der Karnevalsrituale, die wir heute kennen, hat sich tatsächlich im Mittelalter im christlichen Kontext entwickelt. Im Mittelalter war die Gesellschaft sehr streng gegliedert, und an Karneval durfte für ein paar Tage mal das Unterste nach oben gekehrt werden – und andersherum.

Karneval war also ein Ventil, Frust über die Obrigkeit oder generell über Zwänge herauszulassen?

Stollberg-Rilinger: Darüber gibt es unterschiedliche Theorien: Die einen sagen, die Rituale dienen dazu, kontrolliert und über einen sehr begrenzten Zeitraum bis Aschermittwoch Druck aus der Gesellschaft zu lassen, um die Ordnung letztlich zu bestärken. Das halte ich auch für schlüssig.

Und die andere Theorie?

Stollberg-Rilinger: Andere Wissenschaftler sagen, der Karneval habe tatsächlich Potenzial, zum Umsturz und echte subversive Kraft. Wenn die Welt einmal auf den Kopf gestellt werden darf, dann können die Verhältnisse auch wirklich kippen. Ich habe da Zweifel, besonders was die jüngere Geschichte angeht: Aus Kenntnis des Kölner Karnevals muss ich sagen: Karneval ist eine sehr bürgerliche Angelegenheit.

Und wie sieht es in Münster aus?

Stollberg-Rilinger: Auch hier wird die Welt durch den Karneval nicht aus den Angeln gehoben. Obwohl aus dem Mittelalter überliefert ist, dass Kleriker zu Karnevals auf Eseln in die Kirchen ritten oder Geistliche Messen parodierten. Die starken Rituale in der katholischen Kirche provozieren entsprechende Gegenfeste.

War der Karneval in früheren Zeiten denn für die Menschen bedeutender?

Stollberg-Rilinger: Im Mittelalter ganz sicher – vor allem aber, weil es in den bäuerlichen Gesellschaften einfach die einzige Zeit im Jahr war, in der zwischen ackern, säen und ernten etwas Muße herrschte – und man Zeit zum Feiern hatte. Überhaupt unterschieden sich Festtage vom Alltag damals viel stärker als heute.

Das gilt aber doch wahrscheinlich nicht nur für christliche Gesellschaften. Es gibt doch auch heidnische Ursprünge, etwa dass man mit dem Fest die Dunkelheit und Kälte vertreiben wollte.

Stollberg-Rilinger: Natürlich. Diese Ursprünge gelten ja auch schon für das Weihnachtsfest zur Wintersonnenwende. Heidnische Bräuche wurden durch das Christentum überformt.

Warum gibt es eigentlich kaum Karneval in protestantischen Gegenden?

Stollberg-Rilinger: Die Protestanten haben sich ja bewusst vom durch Rituale geprägten Katholizismus gelöst. Die Rituale der katholischen Kirche wurden durch die Reformation entzaubert – und mit den heiligen Ritualen verschwanden auch die unheiligen.

Hatten Bauern in protestantischen Gegenden nicht das Bedürfnis zu feiern?

Stollberg-Rilinger: Vermutlich. Aber die protestantischen Obrigkeiten waren viel strenger. Und es kommt hinzu, dass sie mehr Wert legten auf Arbeit, Fleiß und Disziplin. Das passt auch zur generellen ökonomischen Entwicklung in der frühen Neuzeit, in der sich neue Produktionsformen entwickelten, die die Gesellschaft auch veränderten. Tagelange Ausschweifungen und Disziplinlosigkeit war mit wirtschaftlichen Einbußen verbunden.

Hatte der Karneval da vielleicht doch nicht das Potenzial, die Obrigkeit zu schwächen?

Stollberg-Rilinger: Es gibt in der Tat einige Beispiele dafür, dass aus dem Karnevalstreiben kleine Revolten wurden, besonders wenn starke soziale Konflikte im Hintergrund schwelten. Solche Auswüchse sind aber wie gesagt selten. Meistens entluden sich Stimmungen durchaus auch im Sinne der Herrschenden.

Wie subversiv war der Karneval eigentlich unter den Nationalsozialisten?

Stolberg-Rilinger: Wenig. Im Karneval wurden auch antisemitische Ressentiments geschürt; das hatte nichts Subversives. Und wenn, dann hatte Aufbegehren gegen die Obrigkeit im Karneval oft etwas vom Protest aus einer undifferenzierten Stimmung heraus – des „Wir da unten, ihr da oben“.

Heute hat man den Eindruck, dass das ganze Jahr Karneval ist. Oktoberfest, Halloween ...

Stollberg-Rilinger: Wir haben heute eine ganzjährige Eventkultur. Das liegt natürlich auch daran, dass es in unserer heutigen Gesellschaft kaum allgemeine Zeiten der Muße und Zeiten des Feierns mehr gibt. Die Events sind natürlich auch ein Wirtschaftsfaktor.

Also ist Karneval heute vor allem ein großes Geschäft?

Stollberg-Rilinger: Das betrifft alle Feste. Es ist für die Wirtschaft nicht zweckmäßig, dass Sonn- und Feiertage heilig sind, Geschäftszeiten sind rund um die Uhr, Feste eben auch.

Was ist mit dem menschlichen Bedürfnis, ausgelassen fröhlich zu sein?

Stolberg-Rilinger: Diese Frage müssen Psychologen beantworten. Dieses Bedürfnis ist aber nach meiner Einschätzung nicht unabhängig von Zeiten und Lebensbedingungen zu sehen. Auch Gefühle haben Geschichte.

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