Münster ehrt den US-Amerikaner Charles Bernstein und zwei Übersetzerkollektive mit dem Poesiepreis
„Souveräner, risikofreudiger Dichter“

Münster -

Geht es um die Zahl der Preisträger, dann setzt der Poesiepreis 2015 neue Maßstäbe. Nicht weniger als 15 anwesenden Prämierten gratuliert Oberbürgermeister Markus Lewe am Sonntagmorgen im Erbdrostenhof. Während die meist jungen Mitglieder zweier Übersetzergruppen – vorerst – nur ein Präsent aus Buch, Schokolade und Pumpernickel erhalten, überreicht Lewe dem Dichter und Literaturwissenschaftler Charles Bernstein aus Philadelphia die offizielle Urkunde. Und vielleicht intensiver als je zuvor, seit der Poesiepreis 1993 in Münster ins Leben gerufen wurde, wird bei diesem Festakt, der zugleich den Höhepunkt des Lyrikertreffens 2015 markiert, der enge Bezug zur Übersetzungsleistung beschworen.

Sonntag, 10.05.2015, 16:35 Uhr
Der Dichter Charles Bernstein aus den USA erhielt aus den Händen von Münsters Oberbürgermeister Markus Lewe (l.) die Poesiepreis-Urkunde.
Der Dichter Charles Bernstein aus den USA erhielt aus den Händen von Münsters Oberbürgermeister Markus Lewe (l.) die Poesiepreis-Urkunde. Foto: Petra Noppeney

Mit Bernstein wird nach 2011 erneut ein US-Amerikaner mit dem Poesiepreis ausgezeichnet. Bernstein ist Mitbegründer und führenden Kopf der „ Language Poetry “, einer literarischen Avantgardebewegung. Sein Werk umfasst etwa 30 Gedicht- und Essaybände. Mit ihm, so erklärt Juror Urs Allemann, zeichne das Gremium einen souveränen wie risikofreudigen Dichter aus, der „durch nachlässige Kompositionsverfahren und Schreibpraxen seit Beginn des Modernismus Werke verfasst, die keine verlässliche Ästhetik haben“ – so hat Bernstein es selbst mal über sich gesagt.

Doch warum ist diese „ästhetische Fahrlässigkeit“ preiswürdig? Weil es unter Bernsteins „schwierigen Gedichten“ Zeilen von schlagender Einfachheit gebe, betont Marie Luise Knott , die Laudatorin – und zitiert Bernstein: „Poesie ist wie eine Ohnmacht, mit dem Unterschied: Sie bringt einen zu Sinnen.“ Viele Bernsteinsche Verse, so Knott, seien „befallen von einer Buchstaben- und Silbenseuche“. Es sei die Sprache, die hier ausziehe, einen Inhalt zu suchen. Und es seien die Leser – und die Übersetzer! – , die, so wird Bernstein später sagen, „im Lesen und Wiederlesen eines Gedichtes erst dessen Sinn und Aufnahme stiften“.

In Deutschland , so Knott, habe Bernsteins Werk nun zwei Kollektive mit 28 Übersetzern aufs Feld gelockt – die Gruppe „Versatorium“ um Peter Waterhouse (Österreich) und das deutsche Dichterquartett Tobias Amslinger, Norbert Lange, Léonce W. Lupette und Mathias Traxler. „Zwei nachdichtende Fußballmannschaften plus Einwechselspieler“, so Knott, von denen in den prämierten Bänden – „Gedichte und Übersetzen“ (2013) und „Angriff der schwierigen Gedichte“ (2014) – stets mehrere gemeinsam im Ballbesitz seien. Wie gewitzt ihre Wortspiele klingen, offenbarte die abschließende muntere Lesung von Bernstein und Lange. 

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